Engpass bei Augenärzten - Neue Praxis und alte Probleme

Termine bei Augenärzten sind Mangelware. Nachdem eine Fachmedizinerin im Zentrum aufgehört hatte, gibt es Ersatz. Doch der Andrang ist groß.

Der Selbstversuch frustriert: In Chemnitz per Telefon einen Termin in einer Augenarztpraxis zu vereinbaren, ist nahezu aussichtslos. In allen angerufenen sieben Praxen geht am Dienstagvormittag kein Mitarbeiter ans Telefon. Nach Ende der Sprechzeit fast das gleiche Spiel: Der Anrufbeantworter teilt mit, zur falschen Zeit anzurufen. Auch die Telefon-Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) hilft nicht weiter. Dort sollen eigentlich Facharzttermine vergeben werden, wenn der Patient eine Überweisung hat. Aber es ist kein Durchkommen. Nachdem eine Frauenstimme mehrere Minuten Tipps zur Nutzung der Hotline gegeben hat, landet der Anrufer in einer Warteschleife.

25 Fachmediziner sind in der Stadt tätig, laut KVS gibt es keine Unterversorgung. Im Gegenteil: Da der Versorgungsgrad an Augenärzten in Bezug zur Bevölkerungsgröße bei 112,5 Prozent liegt, sind keine weiteren Zulassungen möglich, teilt die KVS mit. Das können Betroffene kaum nachvollziehen. Sie suchen immer wieder vergebens nach einem Termin oder werden in Praxen abgewiesen. Im Sommer hatte sich die Situation weiter zugespitzt, als in der Innenstadt eine Augenärztin ihre Arbeit aufgegeben hatte und die Patienten plötzlich auf der Straße standen. Zuvor hatte das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), bei dem die Ärztin angestellt gewesen war, geschlossen. Der Betreiber, das Hartmannsdorfer Diakonie-Krankenhaus, hatte das MVZ zur Jahresmitte an die überregional agierende Genossenschaft MVZ Der Arzt mit Sitz in Köln verkauft.

Später eröffnete das Versorgungszentrum neu. Im Juli und August aber seien alle Patienten-Termine ausgefallen, sagt Michael Kosel, Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft MVZ Der Arzt. Mittlerweile fanden die Betreiber einen neuen Augenarzt. Dr. Thoralf Rößler, Facharzt für Augenheilkunde mit langjähriger Klinik- und Praxiserfahrung aus Jena, stellt die Versorgung der Patienten sicher, teilte Kosel mit. Davon profitiert nun auch Ingeborg Hartwig, die lange Zeit nach einem Augenarzt gesucht hatte. Die 74-Jährige erkundigte sich im MVZ im September telefonisch nach einem Termin. Und war überrascht. Sie kann sich dem Doktor vorstellen.

Doch auch wenn das MVZ mit einem neuen Augenarzt die Versorgungslage etwas stabilisieren konnte: Michael Kosel zeichnet ein eher düsteres Bild von der Situation in der Stadt. "Die Suche nach einem Augenarzt gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", sagt er. Dennoch habe das MVZ zwei Assistenzärzte gefunden. Sie befinden sich in der Facharztausbildung und können eine vierjährige Erfahrung in der Augenbehandlung vorweisen, so Kosel. Derzeit sei man mit der KVS in Gesprächen, um die beiden Ärzte zum Jahresbeginn einstellen zu können. Mit diesen zwei Medizinern sowie Dr. Rößler wäre das MVZ in der Lage, "täglich mehr als 100 Patienten zu behandeln". Das sei auch dringend nötig, meint Kosel. Nach Informationen des Terminservices der Hotline für Facharzttermine warteten in Chemnitz mehr als 300 Patienten auf einen Termin beim Augenarzt, so Kosel. "Die meisten Praxen nehmen derzeit keine neuen Patienten auf", sagt er. Zudem hätten einige Augenheilkundler der Servicestelle der KVS verboten, ihre Praxis anzurufen, um einen Termin zu vermitteln, sagt Kosel. Die Servicestelle könne nach seinen Informationen in Chemnitz pro Monat maximal zwei neue Termine vermitteln. "Mehr werden nicht abgenommen", so Kosel.

Die Servicestelle bestätigt diese Angaben allerdings nicht. Laut einer KVS-Sprecherin dürfen Vertragsärzte der Terminservicestelle gar nicht verbieten, einen Termin zu vermitteln. "Dafür gibt es keine Rechtsgrundlage", so die Sprecherin. Jedoch könnten Ärzte mitteilen, dass sie keine freien Kapazitäten haben. Da die KVS über die Anzahl der Vermittlungen pro Stadt keine Statistik führe, könne sie nicht mitteilen, wie viele Termine in Chemnitz vergeben werden. Im zweiten Quartal seien in ganz Sachsen 231 Patienten an Augenärzte vermittelt worden, so die Sprecherin.

Das MVZ Der Arzt habe dem Terminservice in den vergangenen Wochen mehr als 100 Termine abgenommen. "Wir werden jedem Patienten in Chemnitz einen Termin in unserem MVZ geben", kündigte Kosel an. Voraussetzung sei jedoch, weitere Ärzte einstellen zu können. Zudem sollen voraussichtlich ab April Operationen im Augenkompetenzzentrum möglich sein. Dann soll der OP-Trakt in Betrieb gehen. Hier werde man sich schwerpunktmäßig der Behandlung der altersbedingten Makula-Degeneration, einer Erkrankung der Netzhaut, widmen, so der Aufsichtsratsvorsitzende. Derzeit führe man Gespräche mit speziell ausgebildeten Augenärzten, die ambulante Operationen durchführen können, so Kosel.

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