Entführung eines Irakers gibt Rätsel auf

Der Angestellte einer Bäckerei will nach eigener Aussage von Unbekannten in ein Auto gezerrt und in einen Wald gefahren worden sein. Dort sei er, aber auch indirekt sein Chef, bedroht worden. Dieser vermutet einen Zusammenhang mit einer anderen Straftat.

Seitdem die Fladenbrotbäckerei, die Yavuz Kaya mit seiner Frau auf dem Sonnenberg betreibt, großflächig mit Hakenkreuzen beschmiert wurde, lebt der Kurde in Unruhe. Der Vorfall ereignete sich Anfang 2018. Die Täter, drei Männer im Alter von 19, 20 und 24 Jahren, wurden kürzlich zu Arrest, Geldstrafen und Sozialstunden verurteilt. Die drei beteuerten, nicht gewusst zu haben, dass sie die Wände eines von Ausländern geführten Unternehmens beschmierten. Außerdem hätten sie in erster Linie Fußballsprüche sprühen wollen, die auch unter den Schmierereien waren. In der Verhandlung wurde Kaya als Zeuge gehört. Der Richter fragte ihn, ob er noch Angst habe. "Ja", sagte Kaya. Denn einer seiner Fahrer sei entführt worden. Dabei habe man auch ihn, dessen Chef, bedroht. "Beide Vorfälle waren gegen uns gerichtet", so Kaya vor Gericht. Seitdem lebten er und seine Frau in Angst. Die Angeklagten entschuldigten sich für die Schmierereien. "Aber das mit Ihrem Fahrer waren wir nicht", sagten sie.

"Freie Presse" hat mit Hilfe eines Dolmetschers mit dem aus dem Irak stammenden Mitarbeiter gesprochen, der in Kayas Bäckerei Ware ausliefert. Dabei wurde deutlich, dass es sich um einen Fall handelt, der im Oktober in Flöha für Aufsehen sorgte. Dass es eine Verbindung nach Chemnitz gibt, war damals nicht klar. Karim Mosbah* arbeitet seit Anfang Oktober 2018 in der Bäckerei. Am 22. Oktober sei er zwischen 16 und 17 Uhr in Flöha zu Fuß unterwegs gewesen, als neben ihm ein silbergrauer Transporter hielt. Ein Mann mit Pferdeschwanz habe ihn mit einer Pistole bedroht und hineingezerrt. Er habe sich bäuchlings auf den Boden legen müssen, die Kapuze seines Pullovers habe man ihm dabei über den Kopf gezogen. Wohin das Auto fuhr, in dem sich insgesamt drei Männer befunden hätten, habe er nicht sehen können. Gesprochen hätten die Männer deutsch. "Das waren Deutsche", ist sich der 32-Jährige sicher.

Rund zehn Minuten seien sie gefahren, dann habe der Wagen gehalten und man habe ihn zum Aussteigen bewegt. Sein Kopf sei weiterhin mit der Kapuze bedeckt gewesen und er sei so festgehalten worden, dass er nur auf den Boden schauen konnte, Waldboden. Sie seien ein Stück gegangen, dann hätten ihm die Männer die Augen verbunden und seine Hände mit einem Seil gefesselt. Zwei der Männer seien vor ihm gelaufen und hätten Masken getragen, der Mann mit dem Pferdeschwanz sei nicht maskiert gewesen. Sie hätten ihn beleidigt, seien grob gewesen. Einer soll gesagt haben: "Du musst raus, das ist mein Land". - "Aber warum?", habe Mosbah geantwortet. Er lebe seit fünf Jahren in Deutschland und habe nie jemandem Probleme bereitet, immer gearbeitet. "Ich dachte, sie bringen mich um", erinnert er sich. Vor allem habe er Angst um seine Familie, um seine zwei Kinder gehabt.

Schließlich habe er an den Stimmen erkannt, dass nun mehr Männer anwesend waren. Vier oder fünf, sagt er. Ein Mann mit einer älteren Stimme, der wie der Anführer der Gruppe wirkte, habe mit ihm gesprochen und gefragt, wo er arbeite. "In einer Bäckerei", habe er geantwortet. "Bei dem Kurden?" soll der Mann gefragt haben. Mosbah habe nicht gewusst, ob sein Chef Kurde oder Türke ist. Man habe ihm die Augenbinde heruntergeschoben, er habe weiter den Kopf nach unten gesenkt, mit der Kapuze bedeckt, halten müssen. So habe ihm der Ältere ein schwarz-weiß ausgedrucktes Foto seines Chefs, Yavuz Kaya, ins Sichtfeld gehalten. Das Porträt sei mit einem roten Kreuz durchgestrichen gewesen. "Alle Flüchtlinge sind für uns ein Problem", soll der Mann gesagt haben. Weiter soll er gedroht haben: "Sag deinem Chef und allen Flüchtlingen, dass es so weitergehen wird, wenn sie nicht verschwinden", erinnert sich Mosbah. Daraufhin seien ihm die Augen wieder verbunden worden, der ältere Mann habe sich entfernt. Etwas sei Mosbah aufgefallen: Der ältere Mann habe sich mit einem der anderen nicht auf Deutsch unterhalten. Doch welche Sprache das war, könne er nicht sagen.

Die übrigen Männer hätten das Seil an seinen Händen durch seine eigenen Schnürsenkel ersetzt und die Schuhe mitgenommen, so Mosbah. Schließlich habe er gespürt, dass er allein war. Dann habe er sich die Augenbinde vom Gesicht genommen und sei losgelaufen. In Niederwiesa klingelte er an einem Haus, die Bewohner riefen die Polizei.

Nachprüfen lassen sich Mosbahs Aussagen nicht. Die Polizei bestätigt lediglich, dass in der Sache ermittelt wird. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, könne man nicht mehr sagen. Man gehe von einem ausländerfeindlichen Hintergrund aus, der Staatsschutz ermittelt. Zeugen gebe es keine, niemand hat Mosbah gesehen.

Auch Yavuz Kaya, der Inhaber der Bäckerei, kann sich keinen Reim auf die Sache machen. Er vermutet, dass eine Organisation dahintersteckt, die auch Auftraggeber für die Schmierereien gewesen sein könnte. Die Strafe für die drei Täter sei zu niedrig, "ein Bonbon" sagt Kaya. Und jetzt eine Entführung. "In der Türkei würde ich das verstehen. Aber in Deutschland? Das ist nicht normal."

* Name von der Redaktion geändert.

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