Erinnerung an das Grauen

Eine polnische Katholikin überlebte Krieg und Zwangsarbeit in Chemnitz, später warb sie für Verständigung und Frieden. Jetzt ist sie 85-jährig in den USA gestorben.

An Chemnitz hatte Bozenna Urbanowicz Gilbride keine guten Erinnerungen, und es kostete sie Überwindung, 2012 in diese Stadt zurückzukehren. Anlass war damals das Buch "Verlorene Kindheit", in dem die Katholikin Bozenna Urbanowicz Gilbride und die Jüdin Inge Auerbacher erzählten, wie sie als Kinder unter dem faschistischen Deutschland zu leiden hatten.

Bozenna wurde 1934 in der ostpolnischen Provinz Wolyn geboren. Die Region geriet als Folge des Hitler-Stalin-Paktes zunächst unter sowjetische Herrschaft, bevor 1941 die Deutschen kamen. Ihre Familie half verfolgten Juden. Der Vater wurde mehrfach verhaftet, bevor 1943 die gesamte Familie zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurde, zunächst nach Freiberg, später nach Chemnitz. In den Arbeitslagern waren die Bedingungen schlecht: kaum Waschgelegenheiten, wenig zu essen, schwere Arbeit für die Eltern.

Bozenna wühlt im Abfall, um etwas zu essen zu finden: "Zu meiner Überraschung sah ich einen Müllhaufen. Ich dachte: Wo es Müll gibt, da gibt es auch Essen. Also kroch ich auf allen Vieren leise zu dem Müllhaufen ... mein Ausflug konnte mit einer Bestrafung oder mit dem Tode enden." Im Winter 1944/45 wird Bozennas Mutter verhaftet und ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Sie überlebt. Nach Kriegsende kommt Bozenna zunächst in eine Chemnitzer Schule, wo sie von den Mitschülern beleidigt und verspottet wird. Nach einer Odyssee durch mehrere Flüchtlingslager emigriert die Familie schließlich 1947 in die USA, wo sie am 21. Februar ankommt - ohne die Mutter. Sie hat das KZ überlebt, doch die polnischen Behörden lassen sie nicht ausreisen - erst 1957 kommt auch sie in die USA.

In den 1980er-Jahren begann Bozenna Urbanowicz Gilbride in den USA und später auch in anderen Ländern, die Geschichte ihres Lebens und des polnischen Volkes zu erzählen, an die vielen nicht nur jüdischen Opfer der Nazis zu erinnern. 1993 leitete sie eine Spendenaktion, um ein Denkmal für die polnische Untergrundorganisation Zegota , die polnischen Juden während des Zweiten Weltkriegs half, zu unterstützen. Es wurde 1995 am alten Warschauer Ghetto eingeweiht. Nach Deutschland wollte die Holocaust-Überlebende eigentlich nie zurückkommen, aber als ihr Buch im Chemnitzer Verlag erschienen war, entschied sie sich doch, auch im Land ihrer Peiniger mit ihrer Friedensbotschaft aufzutreten. Und sie fand beeindruckte Zuhörerinnen und Zuhörer, unter anderem in Schulen. "Kinder müssen wissen, was Hass anrichtet", sagte sie oft. Auch auf der Leipziger Buchmesse waren die beiden Autorinnen der "Verlorenen Kindheit" gefragte Gesprächspartnerinnen. Urbanowicz Gilbride erhielt für ihre Friedensarbeit mehrere Auszeichnungen. Am 7. März ist sie, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 85 Jahren in Southampton, New York, gestorben.


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