Erneut weniger Gymnasiasten - volle Klassen an den Oberschulen

Nur etwa vier von zehn Viertklässlern in Chemnitz wird der Weg zum Abitur empfohlen. Der Anteil ist so niedrig wie nirgendwo sonst in Sachsen - was zusätzliche Probleme schafft.

Dass es Diskussionen geben würde, war absehbar. Doch fallen sie in diesem Jahr offenbar besonders intensiv aus. Eine ganze Reihe von Eltern hat bei den Schulbehörden bereits vor Erhalt der gestern erteilten Aufnahmebescheide vorgesprochen, weil ihr Kind nach der vierten Klasse auf eine andere Schule gehen soll als gewünscht. Alle diese "Umlenkungen" zusammengerechnet, würden in etwa zwei Klassen ergeben.

Insbesondere bei den Oberschulen war die Lage zuletzt angespannt - nicht nur wegen der allgemein steigenden Schülerzahlen. Verkompliziert wird die Situation zusätzlich dadurch, dass laut Sächsischem Kultusministerium in keiner anderen Großstadt und keinem anderen Landkreis in Sachsen so viele Viertklässler an staatlichen Schulen eine Bildungsempfehlung für die Oberschule erhalten haben wie in Chemnitz. Mit 59,1 Prozent liegt ihr Anteil mehr als zehn Prozent über dem sächsischen Schnitt und nochmals höher als im vergangenen Jahr (56,9Prozent). In Dresden beispielsweise ist das Verhältnis genau umgekehrt. Dort erhielten zuletzt nur 41 Prozent der Viertklässler eine Oberschul-Empfehlung, die übrigen eine fürs Gymnasium.

Entlastung bieten soll im kommenden Schuljahr erstmals der neu ausgebaute Oberschulstandort an der Arno-Schreiter-Straße in Markersdorf. Davon profitiert vor allem die Albert-Schweitzer-Oberschule im benachbarten Stadtteil Morgenleite. Mit alles in allem 151 Anmeldungen hatte sie erneut einen Zulauf wie keine andere Einrichtung dieser Art in der Stadt verzeichnet. Sechs neue Klassen 5 werden allein dort und an der Arno-Schreiter-Straße, die zunächst als Außenstelle geführt werden soll, im neuen Schuljahr eingerichtet - auch das ist Rekord. An den meisten anderen Oberschulen sind schon aufgrund begrenzter Kapazitäten zwei Klassen vorgesehen; in Gablenz, Reichenbrand, an der Diesterweg-, der Georg-Weerth- und der um ein Schulhaus erweiterten Josephinenschule sind es jeweils drei.

Von sogenannten Umlenkungen - dem Verweis von Schülern an eine andere als die gewünschte Schule - betroffen waren in diesem Jahr laut Landesamt für Schule und Bildung die Annen- und die Untere Luisenschule sowie die Oberschule Schönau. Bei den Gymnasien traf es die beiden Häuser auf dem Kaßberg - das Dr.-Wilhelm-André- und das Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium. Auch dort ging es nicht ohne Tränen ab. Fast 150 Schüler waren von ihren Eltern allein am Andrégymnasium angemeldet worden, 137 konnten aufgenommen werden, erläutert Schulleiter Andreas Gersdorf. Bei mehr als jedem Zehnten der künftigen Fünftklässler sei die Entscheidung für das Gymnasium gefallen, obwohl eine Empfehlung für die Oberschule vorlag, so Gersdorf. "Für einige Kinder ist es sicherlich gut, dass sie diese Chance erhalten", meint er. Bei anderen seien die schulischen Leistungen eher als bedenklich einzuschätzen. Selbst mit einer Note 4 in Deutsch oder Mathematik habe es Anmeldungen gegeben. "Da entsteht ein psychischer Druck auf die Schüler, das grenzt an Kindeswohlgefährdung", so der Schulleiter.

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2Kommentare
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  • 3
    1
    cn3boj00
    25.05.2018

    Ich kann aus der Erfahrung mit 2 Kids - einer am Gymnasium, eine an der Oberschule - zunächst festhalten, dass die Ausbildung an der Oberschule um Größenordnungen besser ist als am Gym. Das muss nicht überall so sein, aber an den Schulen die ich hier vergleiche ist das so. An der Oberschule gibt es noch ein gewisses pädagogisches Niveau. Auch werden mehr praktische Dinge, bis hin zum Kochen, vermittelt. Die gut dotierten Gymnasiallehrer dagegen fühlen sich wohl eher als Universitätsprofessoren, ob die Schüler verstehen um was es geht ist denen egal. Auch sind die Ausfallstunden am Gym viel schlimmer.
    Mein Rat: lieber an der Oberschule bleiben! Abitur kann man immer nachholen! Wenn es ein oder zwei Jahre länger dauert: das Leben ist lang genug, zur Arbeit hat man alle Zeit der Welt.
    Als Fazit bleiben zwei Dinge: der Lehrplan in Sachsen ist eine Katastrophe, egal ob auf dem Gym oder der Oberschule. Wochenlang Stochastik und solche Dinge die kein Mensch braucht. Auf dem Gym der Klasse 8 in NRW haben sie von Dingen, die in der OS in Sachsen Klasse 8 drankommen, noch nichts gehört.
    Und die Idee, schon nach der vierten Klasse die "Eliten" herauszufischen geht voll nach hinten los. Ich kenne kein vernünftiges Argument dafür. Aber die Sachsen-Regierung mit den vielen alten Männern in den Behörden hat keinerlei Problemverständnis.

  • 7
    1
    587977
    25.05.2018

    Wann wachen die Leute endlich auf?

    Schon zu meiner Zeit (Grundschule bis Mitte der Neunziger), haben Eltern verständlicherweise aufgrund der neuen Marktgegebenheiten versucht ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Meine Elter haben mir die Entscheidung selbst überlassen (wegen Fahrtweg und trotz Einser) bin ich auf der Realschule geblieben. In den folgenden Jahren sind mindestens mal die vom Gymnasium zurückgekehrt, die trotz 2er und 3er dort hingegangen sind. Diese Kinder haben sich dann auch im Klassenverband eher grauen Mittelfeld eingeordnet.

    Wie man mit einer 4 in der Grundschule sein Kind auf das Gymnasium schicken kann, ist mir ein Rätsel - der Lehrer hat absolut Recht. Nur noch krank...
    Falls es später noch Klick macht, kann man immer noch Abitur machen, in dem Alter ist es eh schwierig zu entscheiden. Aber wer in der Grundschule schon so schlecht ist (wo eh alles nur Pille-Palle ist), der wird auch später kein Professor werden. Einen Ausbildungsplatz bekommt doch heute sowieso jeder, auch wenn das aufrechte Gehen und Schuhe zubinden schwer fällt.

    Schlimm an welchem Punkt diese saturierte Gesellschaft angekommen ist. Gut, dass die Lehrer im Regierungsbezirk Chemnitz dagegen halten - weiter so!

    Schönes WE! ;-)



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