Erst geehrt - dann gekündigt

Nach mehr als 70 Jahren Mitgliedschaft und Engagement bei der Volkssolidarität benötigt ein hochbetagtes Paar selbst Hilfe. Doch dazu ist der Wohlfahrtsverein nicht in der Lage.

Das Motto der Volkssolidarität lautet "Miteinander - Füreinander". Elvira und Hans Oschatz haben viele Jahrzehnte ehrenamtlich für die Hilfsorganisation gearbeitet, die Worte mit Leben erfüllt. Nun, mit mehr als 90 Jahren, benötigen beide selbst Unterstützung. "Meine Eltern brauchen Hilfe bei den täglichen Aufgaben. Deshalb haben wir mit der Volkssolidarität einen Vertrag über Hilfen im Haushalt geschlossen. Doch der wurde schnell wieder gekündigt", berichtet Sohn Hans-Jochen Oschatz. "Eine Mitarbeiterin der Volkssolidarität rief zwei Wochen später an und sagte, dass der Vertrag nicht eingehalten werden kann. Die für meine Eltern vorgesehene Kollegin falle längere Zeit aus", schildert Hans-Jochen Oschatz. Das war im Januar. Noch zwei Monate zuvor, im November, hatten seine Eltern eine Ehrennadel und eine Urkunde für 70 Jahre Mitgliedschaft in der Volkssolidarität erhalten.

Für Elvira Oschatz war die Absage ein Schock, erzählt sie. "Ich arbeite seit 1947 für die Volkssolidarität, immer stand die Hilfe für andere im Vordergrund, auch die Familie habe ich dafür hintenangestellt", sagt sie. Dass die Volkssolidarität nun für sie keine Zeit hat, mache sie traurig. Zwei Stunden pro Woche sollte eine Mitarbeiterin ihr und ihrem Mann im Haushalt helfen, Schränke sauber machen, Betten beziehen, Bad putzen, Gardinen waschen. "Alles Sachen, die meine Eltern wegen ihrer Krankheiten nicht mehr schaffen", sagt Hans-Jochen Oschatz. Sein 93 Jahre alter Vater hat den Pflegegrad 2, die Mutter Pflegegrad 1. Er ist von der Volkssolidarität und deren Umgang mit seinen Eltern enttäuscht, sagt er.

Beide waren 1947 in die Volkssolidarität eingetreten. Vor allem Elvira Oschatz war aktiv. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit begann sie als Kassiererin, später wurde sie Hauptkassiererin. Die Familie wuchs mit der Volkssolidarität auf, erzählt der Sohn. Auch er ging zeitweise Beiträge kassieren. Sein Vater arbeitete mehr als zehn Jahre als Revisor einer Wohngruppe. Seine Mutter übernahm die Leitung des Veteranenklubs an der Zieschestraße. "Wir wollten für die Alten in der Stadt ein abwechslungsreiches, kulturelles Programm schaffen", erinnert sich Elvira Oschatz.

Nachdem sie eine Zeit lang im Bereich Finanzen bei der Bezirksleitung der Volkssolidarität gearbeitet hatte, wandte sich Elvira Oschatz der sozialen Betreuung hilfebedürftiger älterer und behinderter Mitglieder zu. Insbesondere Essensversorgung und Hauswirtschaft spielten eine große Rolle. Dadurch wurde vielen Rentnern das Weiterleben in der eigenen Wohnung ermöglicht, blickt Elvira Oschatz zurück. Sie übernahm schließlich die Organisation der sozialen Betreuung im gesamten damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt. In dem Bereich sah es zu dieser Zeit ziemlich schlecht aus, so Elvira Oschatz. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass Rentner nicht gut versorgt wurden, weil den Helfern die Zeit fehlte. Sie erinnert sich an eine alte, alleinstehende Frau, um die sie sich nach einer Operation und der Entlassung aus der Klinik gekümmert hatte. "Sie war ganz allein, durch uns konnte sie zurück in ihre vier Wände." Für ihr Engagement erhielt Elvira Oschatz 1976 die Hufelandmedaille, eine Auszeichnung der DDR für besondere Verdienste im Gesundheits- und Sozialwesen. 2010 folgte die Goldene Ehrennadel des Landesverbandes der Volkssolidarität. Nun sind die Rentnerin und ihr Mann auf die soziale Betreuung angewiesen, die Elvira Oschatz früher selbst organisierte.

Doch es blieb bei der Absage der Volkssolidarität. Der Sohn fand bei einer privaten Hauswirtschaftsagentur Hilfe für seine Eltern. Er und seine Frau kümmern sich ebenfalls um die Eltern. Abgelehnt hatte der Wohlfahrtsverein zudem die Pflegeberatung, die Hans Oschatz aufgrund seines Pflegegrades halbjährlich benötigt. "Dass sie nicht einmal die halbe Stunde Beratung Zeit für uns haben, das hat mich sehr getroffen", sagt Elvira Oschatz.

Die Volkssolidarität hält sich auf Anfrage bedeckt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen möchte sie sich nicht konkret zum Fall äußern, sagt ein Sprecher des Stadtverbandes. Es sei ein großes Anliegen des Vereins, über die Sozialstationen auch die Mitglieder der Volkssolidarität zu betreuen, so der Sprecher. Das gelinge aufgrund des auch in Chemnitz herrschenden Fachkräftemangels jedoch nicht immer. Wenn Angehörige von Hilfsbedürftigen hauswirtschaftliche Unterstützung nachfragen, würde die personelle Kapazität der jeweiligen Sozialstation geprüft, ob die Versorgung gewährleistet werden kann. Das sei jedoch nicht immer zu jedem Zeitpunkt möglich, sagte er.

Ein Austritt aus der Volkssolidarität kommt für das Ehepaar dennoch nicht infrage. "Das bringe ich nicht übers Herz", sagt Elvira Oschatz.

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