Essen, Trinken, Wohnen: So günstig leben Azubis in Chemnitz

Mit niedrigen Mieten und Lebensmittelpreisen bietet die Stadt laut einer neuen Studie besonders gute Bedingungen für Lehrlinge. Doch es gibt auch Kritik - in der Erhebung ebenso wie von den Jugendlichen.

In Chemnitz zu wohnen, kann sich Jasmin Dietrich nicht vorstellen. Beim Gartenfachmarkt Richter auf dem Kaßberg erlernt die 24-Jährige den Beruf der Floristin, ihren Lebensmittelpunkt hat sie jedoch in Flöha. "Chemnitz hat zwar schöne Ecken", sagt sie. Doch das Stadtleben sei ihr zu turbulent. So wie ihr geht es fast der Hälfte der 4000 Auszubildenden in Chemnitz: Nirgendwo in Sachsen ist nach Angaben der Arbeitsagentur die Quote der Azubis, die pendeln, so hoch wie hier.

Dabei hat die Stadt ihnen einiges zu bieten, wie eine aktuelle Studie des privaten Bildungsanbieters WBS-Gruppe zeigt. Das Unternehmen hat die 40 größten deutschen Städte daraufhin analysiert, wie gut Lehrlinge dort leben können. Dabei landete Chemnitz hinter Kassel und Hannover auf dem dritten Platz. In zwei Kategorien hängte die Stadt sogar alle Konkurrenten ab. Zum einen bei der Warmmiete für ein WG-Zimmer, die im Durchschnitt bei 239 Euro liegt. Zum anderen bei den Getränkepreisen. Für je 0,4 Liter Cola und Bier in einer Bar zahlen Chemnitzer demnach im Durchschnitt zusammen 5,22 Euro. Spitze ist die Stadt auch bei den Hallenbad-Preisen: Mit durchschnittlich 1,50 Euro für ein Tagesticket muss sie sich lediglich Karlsruhe geschlagen geben, wo es ein kostenfreies Hallenbad gibt. Ebenfalls auf den vorderen Rängen landete Chemnitz bei den Kosten für Lebensmittel sowie für ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr.

Die günstigen Preise in Chemnitz sind auch Akachukwu Daniel aufgefallen. Der 18-Jährige macht seit einem Jahr eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Modegeschäft "Xquisit" im Zentrum. "Dadurch, dass die Wohnungen und Lebensmittel hier so preiswert sind, kann ich von meinem Auszubildendengehalt gut leben", sagt er. Seine Freizeit verbringt der Nigerianer vor allem auf dem Fußballplatz - zweimal die Woche Training, jedes Wochenende ein Spiel. Als Ausbildungsstandort gefalle ihm Chemnitz: "Auch meine Freunde in der Berufsschule erzählen viel Gutes."

Anders sieht das Antonia Uhlig. Auch sie ist angehende Floristin und lernt im Gartenfachmarkt Richter. Dafür ist die 18-Jährige vor rund zwei Jahren mit ihren Eltern von Marienberg nach Chemnitz gezogen. Weil sie in der elterlichen Wohnung lebt, komme sie mit ihrem Gehalt gut zurecht. "Wenn ich eine eigene Wohnung hätte, wäre es aber schwierig", sagt sie. Zugleich vermisst sie in der Stadt mehr Angebote für junge Leute: Konzerte, Feste und Möglichkeiten, nach Feierabend noch etwas zu unternehmen.

Auch in der WBS-Studie kommt Chemnitz nicht in allen Kategorien gut weg. Auf dem letzten Platz rangiert die Stadt bei der Fernverkehrsanbindung: ICE-, Intercity- oder Eurocity-Anschlüsse sucht man am Hauptbahnhof vergeblich. Zudem ist Chemnitz mit 10,50 Euro für ein Kinoticket ein teures Pflaster für Cineasten. Ermittelt wurde der günstigste Preis für eine 2D-Vorführung des Films, der zum Zeitpunkt der Analyse die Kino-Charts anführte. Der lief zur fraglichen Zeit in Chemnitz nur im Multiplex-Kino im Zentrum. Die günstigeren kleineren Kinos fielen daher nicht ins Gewicht.

Die WBS-Gruppe ist nach eigenen Angaben einer der bundesweit führenden privaten Anbieter in den Bereichen berufliche Weiterbildungen, Umschulungen und Ausbildungen. Für die Studie holten die Mitarbeiter Daten zu zehn Kategorien ein, für die sie 1 bis 40 Punkte vergaben. Besonders wichtige Parameter wie die Mietpreise wurden doppelt gewichtet. Von 520 möglichen Punkten erreichte der Spitzenreiter Kassel 436, Hannover erhielt 366, Chemnitz 361 Punkte.

Die angehende Floristin Antonia Uhlig hat Chemnitz nicht überzeugt. Im kommenden Jahr wird sie ihre Ausbildung beenden und danach der Stadt den Rücken kehren: "Ich werde an der Ostsee arbeiten." Ihre Kollegin Jasmin Dietrich dagegen würde gern bleiben. In ihren Augen entwickelt sich die Stadt gut: "Man kann hier einkaufen, bummeln und essen gehen." Auch Akachukwu Daniel gefällt es in Chemnitz. Wenn er doch einmal Zeit hat, trifft er sich mit Freunden in der Stadt oder spielt Basketball im Konkordia-Park. Ob er nach seiner Lehre bleiben wird, lässt er jedoch offen.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare
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  • 2
    3
    Kastenfrosch
    10.07.2018

    >Die Konkrete Frage also, nutzt man das was angeboten wird und wünscht sich mehr, oder geht es nur ums ningeln.

    Schon. Da die Bürgersteige hier in der Regel aber um 18, 19, spätestens 20 Uhr hochgeklappt werden, und die Stadt wie ausgestorben wirkt, kann man sich dem Eindruck, es sei nichts los, oft kaum erwehren. Selbst wenn man die vorhandenen Leuchttürme der Zerstreuung kennt.

  • 4
    0
    derBuerger
    10.07.2018

    Ich verstehe den Vorwurf von Frau Ulig nicht: "mehr Angebote für junge Leute: Konzerte, Feste und Möglichkeiten, nach Feierabend noch etwas zu unternehmen" nicht. In Chemnitz wird so viel angeboten und dies zu Preisen, die sich auch gerade Jugendliche leisten können. OK, Untersuchungen haben gezeigt: Bei vielen Veranstaltungen sind die Altersgruppen sehr durchmischt, was ungewöhnlich ist, ich aber sehr positiv sehe. Veranstaltungen sind im Bundesdurchschnitt recht preiswert wenn ich es mit anderen Städten vergleiche. Ich denke, dass Jugendliche, die etwas unternehmen wollen hier bessere Möglichkeiten haben als anderswo. Es gibt genug Freiräume, die gefüllt werden können. Ein Veranstalter, der nur etwas für Jugendliche anbietet und dann kommt niemend wird pleite gehen. Man kann den Hund nicht zur Jagd tragen. Bei der Suche was fehlt in Chemnitz wird man schnell fündig. Aber schneller und umfangreicher bei der Suche welche Möglichkeiten hat man hier wenn man wirklich will.
    Die Konkrete Frage also, nutzt man das was angeboten wird und wünscht sich mehr, oder geht es nur ums ningeln.



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