Europäische Kulturhauptstadt 2025: Der jüngste Botschafter

Chemnitz bewirbt sich um den Titel der Kulturhauptstadt Europas. Als Samuel Harnisch das hörte, lachte er laut. Dann hat er genauer hingeschaut. Heute ist er der jüngste offizielle Verfechter des Projekts.

Er ist in den Ferien oft durch die gläsernen Türen des Chemnitzer Tietz' gegangen, nahm drinnen die Treppen hoch zur Bibliothek und ahnte nicht, wohin ihn das noch führen würde. Wenn dann wieder Schule war und er während des Unterrichts gelegentlich aus dem Fenster rüber zur alten Riemann-Fabrik guckte und immer wieder über deren Monumentalität, wie er sagt, staunte, ahnte er ebenso wenig, wofür diese Begeisterung eines Tages Motor sein könnte. Und als er hörte, dass sich seine Heimatstadt Chemnitz um den Titel Kulturhauptstadt Europas bewirbt, fehlte ihm zudem die Vorstellung, was das bringen sollte. Er musste lachen. "Ich dachte: Kulturhauptstadt?! Träumt weiter", sagt Samuel Harnisch. Heute denkt er anders; in seinem neuen Bild der Kulturhauptstadt-Kandidatin finden sich das Tietz und der Riemann-Bau als Puzzleteile wieder.

Samuel Harnisch ist 19 Jahre, hat dieses Jahr Abitur gemacht und ist geprägt von zwei Leidenschaften, wozu Computerspiele und Soziale Medien nicht gehören. "Der Reiz daran hat sich mir nie erschlossen, da war ich Außenseiter", merkt er an. Er ist erstens Pfadfinder, und zweitens liebt er es, sich durch die Geschichte von Chemnitz zu pflügen. Die erste Leidenschaft hat dazu geführt, dass er derzeit einen zehnmonatigen Freiwilligendienst bei der Freien evangelischen Gemeinde in Chemnitz absolviert und dort einen neuen Stamm der Royal Rangers weiter aufbaut. Die Royal Rangers sind eine christliche Pfadfinderschaft, und Stämme sind vereinfacht gesagt ihre Ortsgruppen. Seine zweite Leidenschaft brachte ihn dazu, ehrenamtlich Botschafter für die Kulturhauptstadt-Bewerbung von Chemnitz zu werden. Es gibt fünf vom Chemnitzer Kulturhauptstadt-Sekretariat ausgewählte Botschafter, mit 19 ist Harnisch der Jüngste. Derzeit schaut er ein bisschen aufgeregt auf den 12. Dezember: Dann wird bekanntgegeben, ob es Chemnitz in die finale Auswahlrunde geschafft hat.

Die Europäische Union ernennt seit 1985 die Kulturhauptstädte Europas für jeweils ein Jahr. Deutschland ist berechtigt, für das Jahr 2025 eine Europäische Kulturhauptstadt zu stellen. Beworben haben sich Dresden, Gera, Zittau, Magdeburg, Nürnberg, Hildesheim, Hannover - und Chemnitz. Eine europäische Jury bewertet die Bewerbungen. Im Herbst 2020 wird die Gewinnerstadt bekanntgegeben. Nicht nur Samuel Harnisch dachte anfangs, dass sich Chemnitz an diesem Vorhaben verschluckt.

Denn einst wurden Kunstperlen wie Florenz, Athen und Paris mit dem Titel geschmückt. Doch mittlerweile haben sich die Anforderungen verändert. Gesucht für den Titel werden nicht Städte mit den meisten Museen und Konzerthäusern, sondern den besten Ideen für die Stadtentwicklung. Es geht um Konzepte, wie Städte mit Einwohnerschwund und Brachen umgehen können; wie Bürger ermutigt werden sollen, sich in ihrer Stadt einzubringen; wie sich Spannungen zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Demokraten und den weniger Demokratischen entspannen können und wie sich das Zugehörigkeitsgefühl zu Europa stärken lässt.

"Als ich begriff, dass es nicht um einen Schönheitswettbewerb, sondern um die Stadtentwicklung geht, wurde mir klar, dass Chemnitz gute Chancen hat", sagt Samuel Harnisch. Denn hier gibt es die Fehlstellen, die bearbeitet werden können, zum Beispiel Brachen und leere Fabrikbauten, lückenhafte Häuserzeilen und nicht gestaltete Uferflächen. Als Samuel Harnisch las, dass Botschafter für das Kulturhauptstadt-Projekt gesucht werden, bewarb er sich; damals, 2017, war er gerade mal 16 - und wurde aus mehr als 50 Bewerbern mit ausgewählt. Die Gründe, die für Harnisch sprachen: dass er sich mit der Geschichte von Chemnitz beschäftigt hatte, trotz seines jungen Alters bereits ehrenamtlich bei den Royal Rangers arbeitete und weil ein junger Blick auf die Bewerbung willkommen sei, zählt die Pressestelle der Stadtverwaltung auf.

An seinem Interesse an Stadtgeschichte hatte Harnisch mitunter schwer zu tragen. Wenn er durch die Türen des Tietz' gegangen war, lieh er sich oft stapelweise Bücher über Chemnitz aus, "manchmal so viele, dass ich schon komisch angeguckt wurde". Bereits als Kind habe er Eltern und Großeltern gern zugehört, wenn sie von früher erzählten, und sei mit ihnen in Museen gegangen. Das Interesse an Geschichte ist heute Quelle seiner Begeisterung für die Stadt. Das Tietz ist sein Lieblingsort, nicht nur wegen der Bücher, sondern wegen der Entwicklung des Hauses. 1913 als damals "vornehmstes Warenhaus Sachsens" eröffnet, wie es auf der Internetseite des Tietz' heißt, wurde es unter den Nazis geschlossen, in der DDR wieder genutzt, auch nach der Wende, dann verlassen und 2004 als Kulturkaufhaus neu eröffnet - unter anderem mit Bibliothek, Volkshochschule, Naturkundemuseum und Galerie. "Es ist doch bemerkenswert, was da entstanden ist", sagt Harnisch. Anderes Beispiel: Er mag den Sonnenberg und den Brühl mit den Kneipen und Lädchen, "vor Jahren undenkbar, dass dort so viel passiert, und jetzt ist das alles einfach da!" Nicht zu vergessen die alten Fabriken: Der Riemann-Bau, zu dem er aus dem Schulfenster guckte, wird saniert und zu einer Wohnanlage umgebaut. Der Wirkbau, zählt Harnisch weiter auf, die Schönherrfabrik - längst geben sie neuen Unternehmen und Künstlern Raum.

Für die Kulturhauptstadt-Bewerbung haben nun Stadtverwaltung und zahlreiche Einwohner viele Ideen für die künftige Stadtgestaltung zusammengetragen. Auch die Botschafter arbeiten da mit, und sollen als Multiplikatoren die Kulturhauptstadt-Idee weiter unters Volk bringen. Kein Problem für Samuel Harnisch. "Ich quatsche eigentlich jeden an, der mir über den Weg läuft", sagt er und lacht. Er hat die Bewerbung Freunden, Bekannten und Familie erklärt, in Kirchen und Jugendclubs, am Rande von Sport- und Kulturveranstaltungen. Manche fragten, warum der Titel der Bewerbung "Aufbrüche. Opening Minds. Creating Spaces" englische Wörter enthalte. Dann antworte er, dass es sich ja nicht um die Kulturhauptstadt Deutschlands, sondern die Kulturhauptstadt Europas handelt. Vereinzelte schimpften auch über "Geldverschwendung". Er erkläre dann, dass das nicht der Fall sei, weil Geld bereits auf dem Weg zur Bewerbung in Stadtentwicklungsprojekte fließe. "Aber manche machen da die Ohren zu."

Er hat die Kulturhauptstadt auch in die Schule geholt und mit seinem Mitschüler Corvin Krohn das Thema beackert. Unter dem Titel "Luftschloss oder reelle Chance?" erklärten sie in der Ausarbeitung unter anderem die Idee der Bewerbung und befragten 500 Chemnitzer online nach ihren Ansichten. 63 Prozent von ihnen befürworteten die Bewerbung. Geärgert aber habe ihn, sagt Harnisch, dass Leute in seinem Alter die Chancen der Titelvergabe an Chemnitz am geringsten sähen. "Ein Mitschüler sagte zu mir: Samuel, ich finde dich ja ganz ok, aber das mit der Kulturhauptstadt ist doch Rotz!" Samuel Harnisch lächelt. Weckt das seinen Ehrgeiz? "Auf alle Fälle!" Bei der Präsentation des Themas in der Schule habe er gemerkt, wie es bei manchen dann doch Klick machte und sie der Bewerbung mehr Chancen einräumten. Das hat auch Corvin Krohn beobachtet: "Definitiv!", sagt er. "Samuel erzählt viel, gern und auch gut und geduldig, was die Bewerbung bedeutet. Da habe ich auch einiges gelernt." Und damit wiederum auch die eigene Familie überzeugen können, dass das mit der Kulturhauptstadt keine dumme Idee ist, erzählt Krohn. Dass Samuel Harnisch die Fähigkeit hat, sich reinzubeißen, bescheinigt ihm auch sein Vater, der Stammleiter bei den Royal Rangers ist. "Was Samuel einmal beschlossen hat, verfolgt er hartnäckig", sagt Ralf Harnisch.

Möglicherweise konnte er diese Eigenschaft bei den Royal Rangers formen. Schon seit früher Kindheit ist Samuel dabei. Er habe es immer als "pures Abenteuer" empfunden, draußen sein zu können, Lagerfeuer zu entfachen, über dem offenen Feuer zu kochen, sich im Gelände zu orientieren, Unterstände zu bauen. Während seines Freiwilligendienstes betreue er nun ein Team mit Kindern ab acht Jahren, zudem gestalte er die Webseite des Stamms und Informationsmaterial, organisiere Unternehmungen und erledige Schriftsachen. Sein Faible für die Natur schlägt auch bei der Kulturhauptstadt-Bewerbung durch. Dort taucht die "Stadt am Fluss" auf. "Dieses Projekt gefällt mir am besten", sagt Harnisch. Die Idee: Der teils zugebaute Chemnitz-Fluss soll weiter offengelegt, das Ufer weiter gestaltet werden. "Ich finde Städte, die Wasser haben, besonders schön." Deshalb müsse die Chemnitz sichtbarer werden, Terrassen und Auenlandschaften könnten entstehen, Seilbrücken gebaut werden.

Stadtplanung, das würde Samuel Harnisch gern studieren. Das sei in Chemnitz aber nicht möglich. Er wolle ja hierbleiben, weil er in Chemnitz verwurzelt ist. Vielleicht wähle er deshalb Geschichte, das kann man in Chemnitz studieren. Oder Europa-Studien. Das, so Harnisch, würde natürlich auch passen.

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