Fahrrad-Parkhaus: Gefeiert und verworfen

Die Pläne für eine hochmoderne Rad-Abstell- und Service-Station am Getreidemarkt werden nicht umgesetzt. Doch was ist aus dem Preisgeld geworden, das es dafür gab?

Die Pläne klangen fast zu schön, um wahr zu sein - und das waren sie dann auch. Mit der Idee, in der Chemnitzer Innenstadt mehrere hochmoderne Fahrrad-Parkhäuser zu errichten, hatten die Stadtverwaltung und die Händler-Interessengemeinschaft (IG) Innenstadt im Jahr 2012 den ersten Platz im Städtewettbewerb "Ab in die Mitte! Die City-Offensive Sachsen" gewonnen.

Bis zum Jahr 2014, so hieß es damals, sollte das erste dieser High-Tech-Rad-Parkhäuser vor der Jugendherberge am Getreidemarkt errichtet werden. Für dessen Aufbau und Ausstattung gab es schon sehr konkrete Vorstellungen: Das videoüberwachte Rad-Parkhaus entstehe in innovativer Leichtbauweise, hieß es in der zum Wettbewerb eingereichten Beschreibung. Unter seinem Solardach sollte Platz für 50 Fahrräder, Ladestationen für Pedelecs, einen Fahrradschlauch-Automaten sowie Schließfächer für Ausrüstung und Gepäck sein. Vorgesehen war, dass eine Tafel über Nahverkehrsverbindungen, Kulturangebote und Einkaufsmöglichkeiten sowie Restaurants informiert, eine Hotline mit Fahrrad-Fachgeschäften, -Werkstätten und Mietrad-Verleihern verbindet. Damit nicht genug, sollte das Fahrrad-Parkhaus regelmäßig Start-Ort für Radrennen mit prominenter Beteiligung um den "Diamant-Pokal" und für Radtouren durch die Innenstadt und ins Umland sein, stand in der Chemnitzer Bewerbung.

Die Jury des vom Freistaat, den sächsischen Industrie- und Handelskammern und Privatunternehmen geförderten Wettbewerbs, der unter anderen Fachleute für Stadtentwicklung und -forschung sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angehörten, war angetan. Schließlich sollte sich das Fahrrad-Parkhaus, "dessen Glasfront Fahrradhändlern als Schaufenster dient", architektonisch "ins Stadtbild einfügen und so die Innenstadt nachhaltig beleben". Die Jury erkannte Chemnitz dafür den ersten Platz im Städtewettbewerb unter dem Motto "Aktive Stadt - Mitte(n) in Bewegung" und 25.000 Euro Preisgeld zu, die für das eingereichte Projekt verwendet werden sollten.

Doch aus all dem wird nichts. Nachdem die Stadtverwaltung bereits 2013 und 2014 keinen Termin für einen Baubeginn an dem Fahrrad-Parkhaus nennen konnte, teilte sie jetzt auf Nachfrage von "Freie Presse" mit, dass die Pläne nicht weiter verfolgt wurden. Begründung: Am Getreidemarkt sei schließlich inzwischen eine völlige Neuordnung vorgesehen. Gemeint ist, dass ein Investor in dem Quartier einen Wohn- und Bürokomplex errichtet. Die vorgelagerten archäologischen Grabungen beginnen im September.

Auf die Frage, was mit den ursprünglich für das Fahrrad-Parkhaus vorgesehenen 25.000 Euro geschehen ist, erklärt die Pressestelle des Rathauses: "Das Preisgeld steht der Verwaltung zur Verfügung." Es solle für eine Maßnahme an anderer Stelle verwendet werden, die mit einem Fahrrad-Parkhaus vergleichbar sei. Aktuell gebe es aber noch keine konkreten Pläne dafür, heißt es auf Nachfrage. Die Errichtung eines Fahrrad-Parkhauses soll im Zuge der geplanten Umgestaltung der Umgebung des Hauptbahnhofes - sprich der Verlegung des Busbahnhofes von der Straße der Nationen und der Verlängerung des Bahnsteigtunnels bis zur Dresdner Straße- geprüft werden. Für die Veranstalter des Städtewettbewerbs ist das Chemnitzer Beispiel offenbar kein Einzelfall. "Ab in die Mitte! Die City-Offensive Sachsen" sei zwar ein reiner Ideenwettbewerb und das vergebene Preisgeld nicht an die Umsetzung der Ideen gebunden. Trotzdem werde die Verwendung dafür empfohlen, erklärt Projektleiter Eddy Donat. Weil das in den vergangenen Jahren schon mehrfach nicht gelungen sei, habe der zuständige Initiativkreis in die Ausschreibung zum aktuellen Wettbewerb eine neue Klausel aufgenommen: Demnach sollen Preisträger den Wettbewerbsinitiatoren eine alternative Verwendung des Preisgeldes vorschlagen, wenn sie das ausgezeichnete Projekt nicht innerhalb von drei Jahren ganz oder teilweise umsetzen konnten.


Kommentar: Schöner Schein

Wieder einmal erfährt der Steuerzahler, was von preisgekrönten Wettbewerbsbeiträgen zu halten ist - zumindest, wenn die Stadt Chemnitz beteiligt ist. Das Fahrrad-Parkhaus, das nie gebaut wird, reiht sich ein hinter dem Tassenbrunnen für den Markt und dem Kongresszentrum-Anbau-Entwurf für die Stadthalle, die ebenfalls Wettbewerbssieger waren. Schade um das Geld.

Dabei entspricht die gute Idee des Fahrrad-Parkhauses genau den Wünschen vieler Chemnitzer Radfahrer. Am neuen Technischen Rathaus - genau zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt - oder in der künftigen neuen Johannisvorstadt hätte - bei entsprechendem Willen - ein Platz dafür gefunden werden können. Jetzt erscheint der Wettbewerbsbeitrag eher wie ein Werk des russischen Fürsten Potemkin.

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