Familiengeschichte bringt Franzosen nach Hartmannsdorf

Ein Schriftsteller wandert seit Tagen durch die Region. Die Strecke ist Teil einer langen Tour. Er besucht Orte, wo sich einst Lager für Kriegsgefangene befanden und kam nach Mittweida und Hartmannsdorf.

Der französische Schriftsteller Laurent Guillet kam bei seiner Wanderung durch die Region auch nach Hartmannsdorf zum Gedenkstein an der Ziegelstraße. Hintergrund seiner Tour ist die Geschichte seines Onkels und der Kriegsgefangenen sowie Zwangsarbeiter in der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Von Falk Bernhardt

Es ist ein Weltrekordversuch mit einem sehr ernsten Hintergrund: Der französische Schriftsteller Laurent Guillet ist seit dem 25. Mai auf Wanderschaft. Dabei folgt der 48-Jährige den Spuren seines Großonkels Joseph Santerre, der von 1940 bis 1945 insgesamt sieben deutsche Kriegsgefangenenlager hatte durchlaufen müssen.

Am 73. Tag der Wanderschaft kam Guillet am späten Montagnachmittag nun in Mittweida an, Im Rathaus wurde er von OB Ralf Schreiber (CDU) empfangen und umfassend über die geschichtliche Aufarbeitung in der Stadt informiert. So schaute sich der französische Autor die in der Stadt verlegten Stolpersteine an, fotografierte die Denktafel am "kleinen" Rathaus II, die an den Einzug der US-Amerikaner im Jahr 1945 erinnert und betrachtete das in diesem Jahr veröffentlichte Buch, das die Geschichte der Mittweidaer Juden thematisiert.

Mit Guillet saß auch Eberhard Hoffmann aus Burgstädt mit am Tisch. Der 90-Jährige war nach dem Zweiten Weltkrieg selbst in den Speziallagern bei Mühlberg/Elbe und im ehemaligen KZ Buchenwald inhaftiert. Der Burgstädter und der Franzose kennen sich seit vier Jahren. Guillet hat inzwischen den gesamten Weg der Gefangenschaft seines Großonkels verfolgt und an allen Lagerstationen Gedenktafeln errichtet. Außerdem wurden auf der Route schon mehrere Friedensbäume gepflanzt. 2011 veröffentlichte er sein Buch "Er hieß Joseph". Danach kam er auf die Idee mit der großen Schnitzeljagd mit mehr als 2000 Kilometern Fußmarsch. Start war am Geburtshaus von Joseph in Limerzel in der Bretagne, Ziel ist am 16. August Most in Tschechien.

"Ich will an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erinnern", erklärte Guillet am Montag nach acht Stunden Marsch. Drei Kilometer hatte er da noch zu gehen, die Übernachtung im "Holzwurm" in Altmittweida bezahlte ihm der Oberbürgermeister, der den französischen Gast wohl auch bald wieder in Mittweida begrüßen kann. Guillet will im Stadtarchiv über die in Steinbrüchen tätigen Zwangsarbeiter recherchieren.

Am Dienstag war das Ziel Hartmannsdorf, Aufbruch erst nach 9 Uhr. "Ich bin kein Frühmensch", gestand der Wanderer. "Und die Füße befehlen, wie schnell ich laufen kann." Auch Hartmannsdorf war mit Bedacht gewählt. Am Friedensbaum an der Ziegelstraße wurde eine Kerze angezündet. Dort befindet sich auch der Gedenkstein, der an seinen Großonkel erinnert. Ab Januar 1941 gehörte das Kriegsgefangenen-Stammlager Stalag der Wehrmacht in Hartmannsdorf zu den Stationen, wo Santerre interniert war. Das Lager befand sich in Gebäuden einer ehemaligen Färberei und Bleicherei. Der Betrieb wurde nach 1989 zur Industriebrache und 2010 abgerissen. Guillet geht seinen Recherchen nach davon aus, dass sein Großonkel vor vielen Jahren in einem Steinbruch in Hartmannsdorf gearbeitet hat.

Hartmannsdorfs Bürgermeister Uwe Weinert (CDU) ist davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit einem persönlichen Schicksal durchaus zur Geschichtsaufarbeitung beitragen kann.

Der 1970 geborene Laurent Guillet hat sich in seinem Buch "Il s'appelait Joseph" ("Sein Name war Joseph") mit der Lebens- und Leidensgeschichte seines Großonkels Joseph Santerre beschäftigt. Darin spielt laut Weinert die Gemeinde Hartmannsdorf eine zentrale Rolle. An Santerre werde an einem historischen Platz erinnert. Auf dem Hartmannsdorfer Friedhof gebe es hingegen einen Gedenkstein für alle Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft, fügt Weinert hinzu. An der Ziegelstraße hatte die Gemeinde einen Kugelahorn als Friedensbaum pflanzen lassen.

0Kommentare Kommentar schreiben