Fazit eines erfüllten Lebens

Der Künstler Lothar Kittelmann feiert seinen 85.Geburtstag. Seine expressiven, kräftigen, klaren und auch haltungsstarken Arbeiten überzeugen bis heute, auch wenn ihm eine größere Ausstellung zum Jubiläum verwehrt bleibt.

Sehr oft zeichnet, malt und druckt Lothar Kittelmann nicht mehr. Vielleicht, weil er in seinen Bildern vieles schon gesagt hat, was zu sagen ist. Denn wenn er am heutigen Freitag seinen 85. Geburtstag feiert, kann er auf ein reiches, erfülltes Leben zurückschauen, in dem er das Weltgeschehen noch immer aufmerksam verfolgt.

Gemeinsam mit seiner Frau lebt Lothar Kittelmann in einer kleinen Wohnung an der Hübschmannstraße, dritte Etage. In den drei Zimmern hängen oder stehen viele seiner Bilder, Gemälde vor allem, aber auch Drucke und Metallplastiken aus Schrott, verschweißt, ganze Schachspiele aus Metall, jede Figur einzigartig. "Ich habe alle Schweißerpässe", sagt er stolz.

Lothar Kittelmann war nie nur Figur in einem Schachspiel. Er musste sich seine Anerkennung als Künstler erkämpfen. Geboren am 18. Oktober 1934 in Teichwolframsdorf, "da war nur Natur", schwärmt er noch heute, ließ er sich zunächst zum Maschinenschlosser ausbilden, arbeitete viele Jahre lang als Werkzeugmacher, Schweißer, gelegentlich als Bademeister. Das künstlerische Talent lag in der Familie: "Auch mein Großvater und mein Vater konnten gut zeichnen", erinnert sich Kittelmann.

Er selbst hat seine Begabung an der berühmten Zeichenschule von Professor Carl Michel und Tatjana Lietz in Zwickau ausbilden lassen. "Ich habe oft 30 Punkte, die höchste Punktzahl, bei ihr erreicht", ist er noch heute stolz. 1973 übersiedelte die Familie nach Karl-Marx-Stadt, wo Lothar Kittelmann unter anderen Michael Morgner kennenlernte, den er noch heute dankbar und warmherzig seinen Mentor und ein Vorbild nennt. Morgner war es auch, der 1984 die Aufnahme Kittelmanns in den Verband Bildender Künstler unterstützte. Ein Zeichen dafür, wie eng und auch selbstlos damals professionelle und die sogenannten Volkskünstler, die sich ihre Fähigkeiten autodidaktisch angeeignet hatten, in Karl-Marx-Stadt einander verbunden waren. Qualitativ war da ohnehin "kein Unterschied zwischen Profis und Volkskunst", sagt Kittelmann.

Er ist trotzdem immer ein Einzelgänger geblieben. Den ganz großen Erfolg hat er nie angestrebt. Umso stolzer ist er auf die kleinen Erfolge, die Anerkennung durch Galerien und private Sammler. Sein "Till Eulenspiegel", entstanden in den 1980er-Jahren, erregte Aufsehen - Kittelmann hatte die Figur bei seinen Studien über Bauernkriege und Renaissance entdeckt - weil er mit dem Narren, der Befehle allzu wörtlich nahm, seiner Zeit einen Spiegel vorhalten konnte. Zu einem Holzschnitt des Rattenfängers von Hameln regte ihn ein Werber der Nationalen Volksarmee an, der Kinder vom Eintritt in die Armee der DDR überzeugen wollte. Es gibt Arbeiten zur Pariser Kommune, zur Bewahrung der Natur, zu den Kriegen des 21. Jahrhunderts.

Lothar Kittelmann hat sich immer wieder auf seine Art gesellschaftlicher Missstände angenommen. Einen berührenden Holzschnitt, "Übern Hartz", aus dem Jahre 2005 hat er den durch die damaligen Arbeitsmarktreformen in die Armut getriebenen Menschen gewidmet.

Den Gemälden sieht man den Einfluss van Goghs und der Expressionisten an, den Lothar Kittelmann dennoch zu einem ganz eigenen, von klaren farbigen Flächen und Linien bestimmten Stil entwickelt hat. Van Gogh hat er auch einen grafischen Zyklus gewidmet, mit dem er 1991 in Ludwigsburg einen dritten Preis gewann. Die Holzschnitte erinnern in ihrer kräftigen, reduzierten Klarheit manchmal an Helmut Andreas Paul (HAP) Grieshaber, in dessen Heimatstadt Wolfenbüttel auch Lothar Kittelmann ausstellen durfte, was ihn stolz macht.

Immer hat er auch die Schönheit der Welt, der Liebe, der Menschen gefeiert. "Unsere Erde ist wunderschön", sagt er überzeugt, aber auch ein wenig traurig, mit der lebenserfahrenen, belesenen Weisheit des Alters. "Sie hat zwei wahnsinnige Weltkriege erlebt, aber sie ist so schön. Manchmal bin ich sprachlos."

Eine große Ausstellung zum 85.Geburtstag ist ihm verwehrt geblieben. Er hätte sie verdient gehabt. Steht sein Werk doch nicht nur für sein eigenes Leben, sondern stellvertretend für die Vielen, die sich mühsam den Weg bahnen mussten vom neben- zum hauptberuflichen Künstler und es dabei zu beachtlichen Leistungen brachten. Gratulanten wird es an seinem Geburtstag trotzdem geben - die Glückwünsche werden von Herzen kommen. Und Lothar Kittelmann wird über sein künstlerisches Leben sagen - auch wenn er nicht mehr oft zeichnet: "Es hat Spaß gemacht."

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