Flemminggebiet: Einwohner beklagen Verlust an Wohnqualität

Ehemalige Kunden sind empört über die Schließung des Netto-Marktes an der Rudolf-Krahl-Straße. Es ist nicht der erste Rückschlag für das Viertel.

Altendorf.

Im Flemminggebiet sinkt die Wohnqualität drastisch, findet Heinz Schlenzig, der seit den 1960er-Jahren in dem Viertel des Stadtteils Altendorf wohnt. Denn mit der Schließung der Netto-Filiale an der Rudolf-Krahl-Straße Ende August setze sich eine negative Entwicklung fort, die schon vor einigen Jahren begonnen habe.

Angefangen habe es mit dem Aus für die letzte Gaststätte im Wohngebiet, die "Mentana" hieß. Im Februar 2006 hatte das Lokal mit Bowlingbahn an der Rudolf-Krahl-Straße seine Türen dicht gemacht - bis heute ohne Aussicht auf Wiedereröffnung. Seitdem hätten mehrere Arztpraxen, eine Filiale einer Drogeriekette und ein Getränkemarkt ersatzlos geschlossen und nun also der Netto-Markt einschließlich Bäckerei-Filiale. Alles laufe offenbar darauf hinaus, dass Altendorf seinem Namen Ehre macht und sich zum "alten Dorf" entwickelt, kommentiert der Einwohner ironisch. Die Empfehlung von Netto, den etwa drei Kilometer entfernten Markt an der Paul-Jäkel-Straße zu nutzen, bedeute für viele ältere Kunden, künftig mit dem Taxi einkaufen fahren zu müssen.

Der im Flemminggebiet verbliebene Edeka-Markt sei für etliche Rentner keine Alternative, sagt auch Rainer Blum. Bei Netto einzukaufen, sei preiswert gewesen. Nun gebe es keine entsprechende Einkaufsmöglichkeit mehr, auf die Rentner mit einer niedrigen Rente jedoch angewiesen seien, sagt der Bewohner des Flemminggebietes. "Es können sich nicht alle leisten, nur bei Edeka einzukaufen oder mit dem Bus zum nächsten Discounter zu fahren", so Blum.

Unterdessen hat sich der Vermieter des geschlossenen Netto-Marktes an der Rudolf-Krahl-Straße bei der "Freien Presse" gemeldet und Gerüchte bestritten, wonach die Forderung einer höheren Ladenmiete Netto zur Schließung veranlasst habe. "Der Mieter Netto hat vor einem Jahr selbstständig den bestehenden Mietvertrag zum 31. August 2018 gekündigt", teilte die Firma Fairvesta aus Tübingen auf Nachfrage mit. Dabei sei das Immobilienunternehmen "an einem weiteren Mietverhältnis sehr interessiert" gewesen, so eine Sprecherin. Fairvesta habe Netto deshalb angeboten, den Mietvertrag um drei Jahre zu verlängern und den Mietzins um zehn Prozent zu senken. "Das hat der Mieter abgelehnt und somit greift seine Kündigung", erklärt die Sprecherin.

Von der Handelskette war dazu keine Stellungnahme zu erhalten. Zu Vertragsangelegenheiten werde grundsätzlich keine Auskunft gegeben, teilte eine Sprecherin mit. Netto hatte seinen Kunden wenige Tage vor der Schließung über eine Information auf einem Aufsteller vor dem Markt mitgeteilt, dass der Laden an der Rudolf-Krahl-Straße am 29. August letztmalig geöffnet sein wird.

Ursprünglich hatte Netto die Schließung des Marktes damit begründet, dass es nicht möglich sei, die Filiale an der Rudolf-Krahl-Straße an das neue, moderne Netto-Konzept anzupassen, so eine Sprecherin. Deshalb sei die Schließung "leider alternativlos" gewesen. Auf dem Aufsteller vor dem Markt hatte der Discounter den Kunden empfohlen, künftig die Filiale an der Paul-Jäkel-Straße zu besuchen.

Das Unternehmen betonte jedoch, dass die Schließung des Marktes an der Rudolf-Krahl-Straße in keiner Verbindung zu der kürzlich erfolgten Erweiterung des Geschäftes an der Paul-Jäkel-Straße stünde. Entsprechende Vermutungen waren unter den Bewohnern des Flemminggebietes aufgekommen, nachdem sie von der Schließung des Nettos in ihrem Viertel erfahren hatten.

Doch Hoffnungen auf einen neuen Netto-Markt im Viertel dürfen sich die Bewohner nicht machen. Derzeit seien keine Baumaßnahmen von Netto im Flemminggebiet geplant, sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Zuvor hatte die Stadtverwaltung erklärt, dass dem Stadtplanungsamt keine Anträge zum Bau oder zur Erweiterung von Netto-Einkaufsmärkten in Chemnitz vorliegen.

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1Kommentare
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  • 3
    0
    HHCL
    12.09.2018

    Man hätte vielleicht auch die anderen Mieter mal zu ihrem "Mietverhältnis" befragen sollen, da hört man abenteuerliches.

    Der Komplex gammelt seit Jahren vor sich hin und man scheint auch keinerlei Anstrengungen unternommen zu haben, die Lücken wieder zu schließen und z.B. die Gaststätte wieder zu eröffnen. Im ganzen Wohngebiet gibt es ein einziges Lokal; wenn man die Gartenkantinen dazu zählt sind es zwei. Öffentliches Leben findet im Flemminggebiet im Grunde nicht mehr statt.

    Die einstmals gute Infrastruktur des Wohngebietes bröselt dahin. Kleinere Läden und Geschäfte gibt es dort auch schon lange nicht mehr, Arztpraxen schließen ersatzlos, usw.. Die SG sollte vielleicht mal tätig werden, wenn sie ihre Wohnungen dort weiter vermieten will. Wer soll den in ein Gebiet ziehen, wo nichts mehr ist, außer Wohnungen.



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