Förster: Wäldern der Stadt stehen dramatische Einschnitte bevor

Die Folgen von Trockenheit und Schädlingen werden auf Jahrzehnte hinaus sichtbar sein. Fachleute sprechen von einer Katastrophensituation.

Es klingt einigermaßen ernst, was Förster Ullrich Göthel dieser Tage zu sagen hat über die Lage in den von ihm betreuten Chemnitzer Wäldern. Denn festzustehen scheint: Der Chemnitzer Wald, er wird schon bald nicht mehr derselbe sein wie der, den Generationen von Chemnitzern kannten. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten werden sich Waldbesucher in großem Stil auf den Anblick sichtbar kranker und abgestorbener Bestände und auf einen Einschlag in großem Stil einstellen müssen.

Grund sind massive Schäden durch die lang anhaltende Trockenheit in den vergangenen Jahren und den dadurch hervorgerufenen Befall durch Schädlinge. Betroffen davon sind insbesondere Fichten, die - obwohl sie seit Jahrzehnten schon nicht mehr neu gepflanzt werden - in einigen Wäldern bis zu ein Drittel des Bestandes ausmachen. "Geschwächt durch monatelangen Wassermangel, den auch der relativ schneereiche Winter nicht ausgleichen konnte, strecken viele Fichten ihre Waffen vor dem Borkenkäfer", erläutert Göthel, der als zuständiger Revierleiter für den landeseigenen Betrieb Sachsenforst große Teile der Wälder in und um Chemnitz betreut. "Sie können schlicht kaum noch Harz produzieren, um die sich einbohrenden Tiere zu verkleben." Die Bäume sterben ab - und müssen so schnell wie möglich aus dem Wald, damit die Borkenkäfer sich von dort nicht noch weiter ausbreiten. Innerhalb von zwei Jahren sei das Aufkommen an Bruch- und Schadholz örtlich auf das Zehn- bis Hundertfache gestiegen, rechnet Göthel vor. "So etwas habe ich in meiner Dienstzeit noch nie erlebt."


Ein Ort, an dem die Folgen dieser Entwicklung bereits deutlich zu erkennen sind, ist der größte Wald der Stadt, der Zeisigwald. In dem von Sachsenforst betreuten Teil des Waldes sei bislang bereits etwa die Hälfte der Fichten den Stürmen der vergangenen Jahre oder aber dem Käferbefall zum Opfer gefallen, so Revierleiter Göthel. Mittlerweile sei dort bereits die zweite Generation Käfer in diesem Jahr unterwegs. Sollte sich das Wetter nicht dramatisch ändern - ergiebige Niederschläge und Temperaturen unter 20 Grad über viele Wochen hinweg - dürften gegen Ende des Jahres in dem Bereich kaum noch Fichten zu finden sein, die älter als 80 Jahre sind. "Die Fichte scheint im Zeisigwald flächendeckend abzusterben", so Göthel.

Das Problem: Forst-und Waldarbeiter kommen mit dem Entfernen befallener Fichten kaum hinterher. Jeder einzelne Baum muss analysiert und gegebenenfalls als zur Fällung vorgesehen markiert werden. Für diese Tätigkeit greift Sachsenforst bereits auf ehemalige Forstleute und Ruheständler aus den eigenen Reihen zurück; beim Fällen und Abtransportieren mitunter auf Unternehmen aus anderen Bundesländern. Alle in der Region verfügbaren Holzerntemaschinen (sogenannte Harvester) seinen im Einsatz, sagt Göthel. Doch da es in anderen Forstrevieren und -bezirken nicht viel anders aussehe, seien die Kapazitäten erschöpft. "Die technische Ausstattung reicht für diese Katastrophensituation nicht aus", so Göthel.

Das bekommt auch die Stadtverwaltung zu spüren, die unter anderem im Bereich Alte Harth (Harthau), im Einsiedler, Erfenschlager, Rödel- (Klaffenbach) und Sechsruthenwald (Glösa-Draisdorf) größere Schadholzaufkommen verzeichnet. "Es gibt erhebliche Engpässe bei den Arbeitskapazitäten der Forstunternehmer", heißt es aus dem Rathaus.

Und die Lage dürfte sich so schnell nicht bessern. Zumal nicht ausgeschlossen scheint, dass nach "Erledigung" des Fichtenbestandes schädliche Käfer über kurz oder lang sich auch über andere Baumarten hermachen könnten. Auch ist nach Einschätzung von Fachleuten durchaus offen, wie die in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt neu gepflanzten Buchen, Eichen, Erlen, Linden, Ahorne, Hainbuchen und Weißtannen auf Dauer mit sich ändernden klimatischen Verhältnissen klarkommen werden.

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 9 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 11
    2
    fnor
    06.08.2019

    Es gibt auch Fachleute, die im Abholzen den falschen Bekämpfungsweg sehen. Befallene Bäume werden seit Jahren gefällt und aus dem Wald gebracht. Dennoch haben wir aufgrund des Wetters diese Sutuation. Den Käfer scheint man damit nicht zu bekämpfen. Verblieben hingegen die Bäume im Wald, so können sich Pilze und Krankheiten unter den Käfern ausbreiten und die Population schwächen. Durch das Fällen werden jedoch gerade diese alten Populationen entfernt, es verbleibt nur frischer Befall mit jungen vitalen Larven. Das Fällen hat man schon in den Nationalparks im Harz und der Böhmischen Schweiz eingestellt. Mal sehen ob der Wald dort besser oder schlechter überlebt.

  • 5
    11
    701726
    06.08.2019

    Jeder Baum ist wichtig, aber da werden wegen Baumaßnahmen gesunde Bäume gefällt oder es ist geplant . (siehe 160 Jahre alter Baum wegen Fußweg oder die Bäume auf dem Parkplatz Moritzstraße) und die von denen garnicht gesprochen wird.



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