Gedenktafel für Chemnitzer Frauenrechtlerin enthüllt

Ein Ex-Stadtrat, der die Geehrte persönlich kannte, erinnert an Marie Luise Pleißner. Er erzählt von einer streitlustigen Frau - und einer riesigen Torte.

Bernsdorf.

Ein wenig erschrocken sei er schon, dass er nun ein Alter erreicht habe, in dem er als Zeitzeuge herhalten müsse, sagte Wolfgang Meyer. Der 70-Jährige, der 26 Jahre lang für die FDP im Stadtrat saß, ist am Montag zur Enthüllung einer Gedenktafel für die Frauenrechtlerin Marie Luise Pleißner gekommen, um einige persönliche Worte über die Chemnitzerin zu sprechen. Auf der Tafel im nach Pleißner benannten Park an der Ecke Bernsdorfer Straße/Wartburgstraße ist eine Kurzbiografie der gelernten Lehrerin, die von 1891 bis 1983 lebte, zu lesen.

Meyer kannte Pleißner, weil beide Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) waren, die nach der Wende in der FDP aufging. Der Bäckermeister erinnere sich an Pleißner als im positiven Sinne streitlustige Frau. Eine seiner letzten Erinnerungen an sie sei die Feier zu ihrem 90. Geburtstag im Chemnitzer Hof, denkt Meyer zurück. Damals habe er, der Chef der Chemnitzer Bäckerinnung, ihr zu ihrem Ehrentag eine riesige Torte mit einer großen 90 in der Mitte gebacken. Auch im hohen Alter habe Pleißner noch die Aura einer besonderen Person gehabt.

Bevor die Gedenktafel enthüllt wurde, sprach Heidi Becherer, Vertreterin des Landesfrauenrats Sachsen und Mitglied der SPD-Fraktion im Chemnitzer Stadtrat, über das zivilgesellschaftliche Engagement von Pleißner. Die gelernte Lehrerin habe sich für Bildungsmöglichkeiten für Frauen, für Frieden und gegen den Faschismus eingesetzt. Wenn Pleißner heute noch leben würde, hätte sie beim gestrigen "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz mit an der Spitze gestanden, ist sich Becherer sicher.

Im Anschluss wurden Auszüge aus Briefen von und über Marie Luise Pleißner vorgelesen. Die Gäste erfuhren unter anderem, wie das Erleben von zwei Weltkriegen Pleißner zur überzeugten Pazifistin werden ließ. Sie habe sich für den Schutz von Juden eingesetzt und sich ihr Leben lang geweigert, den Hitlergruß zu zeigen - selbst wenn das im Schuldienst von ihr verlangt wurde. Als Pädagogin sei sie streng, aber gerecht gewesen.

Die Gedenktafel für Marie Luise Pleißner ist Teil des Projektes "Frauenorte" des Landesfrauenrats Sachsen. Dabei sollen Frauen sichtbar gemacht werden, die in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen engagiert waren und bis heute eine Vorbildfunktion hätten. Im ganzen Freistaat existieren bislang zehn solcher Frauenorte. In Chemnitz gibt es noch eine weitere Gedenktafel dieser Art: Am Schillerplatz gegenüber der Alten Aktienspinnerei wird an die Streikführerin Ernestine Minna Simon erinnert.

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