Gefängniszellen weichen Auto-Stellplätzen

Auf dem Gelände der ehemaligen Haftanstalt auf dem Kaßberg laufen Abrissarbeiten. Im September soll der Neubau beginnen.

Ein erster Zellentrakt ist bereits verschwunden. Wo einst Häftlinge eingeschlossen wurden, haben zurzeit Abrissbagger das Sagen. Die im Januar begonnenen Abbrucharbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Kaßberg-Gefängnisses sollen voraussichtlich noch bis Mai/Juni dauern, sagte Jens Kroll, Geschäftsführer der Chemnitzer Gesellschaft für Wohnungsbau Cegewo, jetzt auf Anfrage.

Das Unternehmen hatte den 12.000 Quadratmeter großen Komplex der früheren Haftanstalt im Herbst 2017 vom Freistaat gekauft und will ihn zum Wohn- und Geschäftsviertel "Neuer vorderer Kaßberg" umgestalten. Für September dieses Jahres plant Kroll den Baubeginn an einer Tiefgarage mit insgesamt 75 Stellplätzen und einem Gebäude entlang der Kaßbergstraße. Details und Entwurfsbilder dazu will er erst veröffentlichen, wenn die Baugenehmigung aus dem Rathaus vorliegt.

Das Grobkonzept, laut dem auch der Abriss eines Teils der früheren Gefängnisgebäude vorgesehen ist, sei aber bereits bestätigt. Dort, wo jetzt abgerissen wird, sollen keine neuen Gebäude errichtet, sondern Freiflächen mit Parkplätzen angelegt werden, sagte Kroll.

Nach Fertigstellung von Tiefgarage und Neubau sollen die verbleibenden ehemaligen Gefängnisgebäude umgebaut werden, kündigt der Geschäftsführer weiter an. Auf ihrer Internetseite wirbt die Cegewo bereits für den Kauf von sechs barrierefreien Eigentumswohnungen und einer Gewerbeeinheit in einem Bestandsgebäude, das Verwaltungspalais genannt wird. Komplett abgeschlossen werden soll das Bauvorhaben im Jahr 2022, so Kroll.

Darin Platz finden soll auch künftig eine Gedenkstätte, in der die Mitglieder des Vereins Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis Besucher an die wechselvolle Geschichte der Haftanstalt erinnern wollen. Diese war 1886 als Königlich Sächsische Gefangenenanstalt eröffnet worden. In der Zeit des Nationalsozialismus waren in der Einrichtung ein Gerichtsgefängnis sowie eine Strafvollzugsanstalt untergebracht. Inhaftiert waren auch Chemnitzer Juden und politische Gefangene wie der Kommunist Ernst Enge, der 1944 in dem Gefängnis umkam.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nutzten sowjetische Besatzungsbehörden die Anlage. 1957 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit den Komplex als Untersuchungshaftanstalt. Überregionale Bekanntheit erhielt das Gefängnis mit insgesamt 370 Haftplätzen als letzte DDR-Station für etwa 33.000 politische Gefangene, die von 1967 bis 1989 von der Bundesrepublik freigekauft wurden.

Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm der Freistaat Sachsen die Gefängnisanlage und betrieb sie bis Ende 2010 als Justizvollzugsanstalt. (mit jpe/jüw/micm)

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