Gemeinde will alten Bahnhof abreißen

In Oberlichtenau stört Reisende nicht nur das marode Stationsgebäude. Doch die Kommune darf nicht allein handeln.

Lichtenau.

Die Lichtenauerin war enttäuscht. Als sie kürzlich Besuch von ihrer Tochter und ihrer Enkelin erhielt, habe sie diese vom Bahnhof Oberlichtenau abgeholt, berichtete die Frau in der Gemeinderatssitzung. Ihre Tochter sei mit einem Kinderwagen angereist. "Ich musste pünktlich da sein, um ihr beim Tragen des Wagens zu helfen", erzählte die Lichtenauerin. Denn der Bahnhof sei alles andere als barrierearm. Außerdem vermittle das Gelände den Besuchern keinen schönen Eindruck von der Gemeinde. Besonders das Bahnhofsgebäude sehe nicht einladend aus.

Der Gemeinde ist die Problematik bewusst. Sie hat Ende 2016 das leer stehende Bahnhofsgebäude von einem Privatbesitzer gekauft und begutachten lassen, berichtet Martin Lohse, Referent des Bürgermeisters. "Die Bausubstanz ist schlecht und wir als Kommune haben auch keine Nutzungsidee für das Gebäude." Die Gemeinde strebe deswegen den Abriss an. Das Problem: Noch sei das Haus als Bahngelände gewidmet und dürfe deswegen nicht abgerissen werden, erklärt Lohse. Nach Angaben von Bürgermeister Andreas Graf laufe seit mehr als einem Jahr ein Entwidmungsverfahren - bislang ohne Ergebnis.

Die Leipziger Pressestelle der Deutschen Bahn bestätigt auf Anfrage, dass es seit 2017 ein mit der Gemeinde abgestimmtes gemeinsames Projekt ihrer Tochterunternehmen DB Station&Service und DB Netz für einen Haltepunkt Oberlichtenau ohne Bahnhofsgebäude gibt. Das Freistellungsverfahren für das Haus beim Eisenbahn-Bundesamt laufe aber noch. Erst Mitte dieses Monats habe die Bahn AG ihre Stellungnahme dazu abgegeben.

Was die Hindernisse für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen betrifft, verweist die Gemeindeverwaltung auf den Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS), der die Bahnstrecke betreibt. Der VMS kenne schon seit 2017 den Wunsch der Gemeinde, die Bahnsteige zu modernisieren und barrierefrei erreichbar zu machen, bestätigt eine Sprecherin auf Anfrage. Zudem wolle die Gemeinde in der Nähe sogenannte Park+Ride-Parkplätze für Pendler anlegen, die ihre Autos am Haltepunkt abstellen und mit dem Zug weiter zum Arbeitsort fahren wollen. Obwohl für die Bahnsteige eigentlich das Bahn-Tochterunternehmen DB Station&Service als Betreiber zuständig sei, habe der Verkehrsverbund der Gemeinde seine Unterstützung angeboten. Vorrang habe wegen seines schlechten Zustandes und der höheren Anzahl an Fahrgästen der Bahnhof Oberlichtenau. Daher habe der VMS bereits die Vorplanung dafür angeschoben und deren Finanzierung übernommen, so die Sprecherin weiter. Geplant würden neue Bahnsteige mit der Standardhöhe von 55 Zentimetern für Züge des Chemnitzer Modells im Eisenbahnnetz. Außerdem sollen die Bahnsteige ohne Brücke erreichbar gemacht sowie neue Unterstände und Anzeigetafeln für die Wartenden aufgestellt werden. Zur Anordnung und Erreichbarkeit der Bahnsteige würden mehrere Varianten untersucht. Die Planung sehe zudem etwa 20 Pkw-Stellplätze, davon zwei für Behinderte, und Fahrradständer vor. Die Vorplanung und die Variantenuntersuchung, die derzeit in Arbeit seien, sollen nach Fertigstellung der Gemeinde und der Deutschen Bahn vorgelegt werden, so die VMS-Sprecherin. Der Baubeginn hänge davon ab, wann die Genehmigung dafür erteilt wird und die Finanzierung gesichert ist. Ziel sei eine Umsetzung im Jahr 2021.

Denn ab Anfang 2022 muss der öffentliche Nahverkehr in Deutschland laut Personenbeförderungsgesetz generell barrierefrei sein. Daher sollen auch am Haltepunkt Ottendorf, der bereits barrierearm erreichbar sei, moderne, 55 Zentimeter hohe Bahnsteige errichtet werden, heißt es vom VMS. Dafür sei aber die Deutsche Bahn zuständig. Zum aktuellen Stand dieses Vorhabens gibt es derzeit keine Informationen.

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