Grünen-Politikerin auf der Suche nach Frieden für die Stadt Chemnitz

Kirchenleute, Sozialarbeiter, Pegida: Was Katrin Göring-Eckardt bei ihrem Besuch in Chemnitz erlebte und zu hören bekam.

Kaßberg.

Schon das Polizeiaufgebot draußen ließ erahnen, dass drinnen, im soziokulturellen Zentrum Kraftwerk, kein gewöhnlicher Abend bevorstehen könnte. "Wie bleibt Chemnitz friedlich?" Zu diesem Thema wollten Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Grüne im Bundestag, und Ute Kiehn-Dziuballa, die Geschäftsführerin des Kraftwerk-Vereins, am Dienstag mit Chemnitzern ins Gespräch kommen. Anhänger der rechtspopulistischen Vereinigung Pro Chemnitz hatten im Internet dafür geworben, der Grünen-Politikerin einen besonderen Empfang zu bereiten. Man möge die faulen Eier nicht vergessen, hieß es.

Doch derart üble Szenen, sie blieben aus. Dass der Abend dennoch nicht ohne Eklat über die Bühne ging, dafür sorgte Steffen Musolt, einst Begründer und bekanntester Vertreter des hiesigen Pegida-Ablegers. Der 72-Jährige hatte, nachdem er sich in der Diskussion bereits mehrfach zu Wort gemeldet hatte, mit einem Handy Besucher der Veranstaltung fotografiert. Als diese sich darüber beschwerten und ihn aufforderten, die Aufnahmen zu löschen, weigerte er sich wortreich - und wurde schließlich des Saales verwiesen. Vertreter des Chemnitzer AfD-Kreisvorstandes verfolgten das Geschehen sichtlich amüsiert.

"Miteinander reden ist hart, anstrengend, kräftezehrend - genauso wie einander zuhören. Aber nur so kann Demokratie funktionieren", lautete Göring-Eckardts Fazit nach zwei Stunden Fragen und Antworten, in denen es längst nicht nur um Chemnitz ging, sondern immer wieder auch ums große Ganze. Der wohl konkreteste Vorschlag zur eigentlichen Fragestellung des Abends kam denn auch aus dem Publikum. Ein friedliches Zusammenleben, so meinte eine Rentnerin, werde nur funktionieren, wenn jeder Einzelne täglich im Alltag etwas dafür tue - nicht zuletzt durch eine gewisse Grundfreundlichkeit im Umgang mit allen Menschen, gerade in dieser oft eher von Griesgrämigkeit geprägten Stadt. Dafür gab es reichlich Applaus.

Vor der Diskussionsveranstaltung - einer von mindestens dreien im Stadtgebiet, die sich allein am Dienstagabend mit der aktuellen Lage in Chemnitz beschäftigten - hatte sich Göring-Eckardt mit Vertretern der evangelischen Kirche sowie Straßensozialarbeitern aus der Innenstadt getroffen. Ist die verbreitete Ablehnung gegenüber Migranten purer Rassismus oder stecken dahinter eher Ängste vor Abstieg und Veränderung? Ist die seit Monaten anhaltende Diskussion um die Sicherheit in der Stadt überzogen? Auf Fragen wie diese erhielt die Thüringerin kaum je eindeutige Antworten. "Es gibt sehr konkrete negative Erfahrungen mit Migranten und auch eine Angst, das nicht aussprechen zu dürfen", beschrieb Volkmar Zschocke, grüner Landtagsabgeordneter aus Chemnitz, seine Erfahrungen. Ute Kiehn-Dziuballa, die Chefin des Kraftwerks, warnte indes vor einer weiteren Hysterisierung, zugleich aber auch vor unangebrachter Ignoranz: "Ob die Ängste im Einzelfall berechtigt sind oder nicht: Man muss sie ernst nehmen."

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