Gut ausgedacht

Vor 40 Jahren baute Gerhard Müller in Limbach-Oberfrohna das erste Autodachzelt für den Trabant. Bis 1990 entstanden rund 1500 Stück. Die Wende machte dieser Kleinproduktion ein Ende.

Ich steige dir aufs Dach" - Was die Schlagersängerin Bärbel Wachholz ab 1959 bis zu ihrem frühen Tod 1984 immer wieder gesanglich zum Besten gab, war zunächst eine harmlose sprichwörtliche Drohung an ihre Liebhaber, sollten sie es wagen, "andren nachzuschauen". Wer es dennoch wagte, musste ausgekratzte Augen in Kauf nehmen. Wörtlich nahm dagegen Gerhard Müller das Aufs-Dach-Steigen. Nicht, dass er Schornsteinfeger oder Dachdecker gewesen wäre. Nein, er wollte auf das Dach seines Trabants steigen - und dort nächtens schlafen, wenn er auf großer Tour war. Auf solch eine Idee kommen Menschen, die nicht im 08/15-Rhythmus ticken. Gerhard Müller war einer von ihnen.

1930 in Kaufungen geboren, lernt Gerhard Müller nach dem Krieg Landmaschinenschlosser und geht den Eltern auf ihrem Bauernhof zur Hand. Das ist zunächst, was man einen üblichen Lebensstart nennen kann. Aber schon 1948, die Zonengrenzen in Deutschland bieten noch zahlreiche Schlupflöcher, macht er sich auf die Socken - und wird in Frankreich für zehn Jahre sesshaft. Was genau er dort treibt, bleibt im Ungefähren. Seine Tochter Sylvia meint sich zu erinnern, dass ihr Vater davon gesprochen habe, in Frankreich in seinem Beruf gearbeitet zu haben. Das heißt, er hätte dort Landmaschinenservice im weitesten Sinne betrieben.

Ende der 50er-Jahre erkranken die Eltern, rufen nach des Sohnes Unterstützung. Gerhard kommt wieder nach Hause und darf, ohne jede zwischenzeitliche Internierung in einem Aufnahmelager für Übersiedler aus dem Westen, den Eltern abermals unter die Arme greifen. Er qualifiziert sich zudem zum Berufskraftfahrer und arbeitet später in einem Betrieb des VEB Orsta-Hydraulik in Karl-Marx-Stadt.

Mitte der 60er Jahre heiratet er, wird Vater und lässt sich bald wieder scheiden. Sein Leben ist unstet. Für seine Umgebung ist er der "Franzose", und das ist damals alles andere als eine schmeichelhafte Bezeichnung. Ein "Lebemann", der sein Geld ausgibt wie er es bekommt, ist selbst Leuten nicht geheuer, die nicht der sozialistischen Ideologie zugetan sind.

Menschen, die ihn kannten, halten es für möglich, dass ihm schon in dieser Zeit der Gedanke an eine im Osten unbekannte touristische Übernachtungsmöglichkeit durch den Kopf ging. Vielleicht hat er so etwas in Frankreich gesehen. Denn es gab sie ja schon seit den 30er Jahren, die Autodachzelte. Ihrer bedienten sich vorwiegend Abenteurer, Leute, die mit dem Auto durch die Wüste oder andere unwirtliche Gegenden reisten, in denen es vielleicht auch nicht ratsam war, direkt auf dem Boden zu kampieren. Es musste nicht prinzipiell erfunden werden. Aber so etwas unter den Bedingungen der DDR herzustellen, war eine Herausforderung.

Gut möglich ist auch, dass sich der Dachzeltgedanke im Nachgang zu seinen Rumänien-Urlaubsfahrten in seinem Kopf breitmachte. Mehrfach war er mit seiner Lebensgefährtin Inge auf der Südosteuropa-Tour und vom abendlichen Zeltaufbau nicht angetan. Er konnte davon ausgehen, dass andere Campingfreunde ähnlich empfanden. Inge verfügte über die nötige Basis seiner Idee: einen Pkw, einen Trabant.

Nachweisbar ist dagegen die erste öffentliche Vorstellung einer solchen Dachergänzung. Nachzulesen in der Zeitschrift "Der Deutsche Straßenverkehr" (Heft 9/1976). Etwa zur gleichen Zeit stellt er diesen Prototypen auf einer Campingmesse im erzgebirgischen Thum vor. Bis 1979 lassen schließlich noch die Serienreife und die juristische Absicherung seines Vorhabens auf sich warten. Das Patentamt der DDR stellt ihm die Patentschrift 143578 aus. Sie lautet auf einen "Dachgepäckträger mit Zeltaufbau für Pkw".

Damit wird deutlich, dass Gerhard Müller kein Autodachzelt erfunden hat, wie immer wieder geschrieben wurde. Nein, er dachte sich einen speziellen Dachgepäckträger aus, auf den ein x-beliebiges (Dach-)Zelt montiert werden kann. Eine solche spezielle Erfindung war auch nicht für Pkw im Allgemeinen nötig, sondern exakterweise nur für den Trabant. Nur dieser benötigte wegen seines Duroplastdaches eine seitliche Abstützung auf das Fahrgestell. Diese Aufgabe übernahmen Streben, deren untere Enden sich in den Aufnahmevorrichtungen für den Wagenheber abstützten. Müller hat schon nach kurzer Zeit seine Dachzelte auch für andere Pkw angeboten - und alle kamen ohne diese Seitenstützen aus, mussten also überhaupt nicht auf sein Patent zurückgreifen, weil sie über stabile Stahldächer verfügten.

Müller produzierte zunächst in einem Anbau seines Hauses in Rußdorf, einem Stadtteil von Limbach-Oberfrohna, bald jedoch in einer größeren, gemieteten Halle auf dem Nachbargrundstück. Örtlich gesehen also eine Hinterhofproduktion, aber juristisch sauber ein Gewerbebetrieb mit "Bilanzanteilen", also der Genehmigung, offiziell planwirtschaftlich zugeteiltes Material zu kaufen. Das reichte aber vorn und hinten nicht, weder in der Menge noch in der jeweils notwendigen Struktur. Mal gab es keinen Zeltstoff, mal keine Druckknöpfe und dann wieder Reißverschlüsse en masse. Als kleiner Privatbetrieb überleben konnte nur, wer zu "organisieren" verstand. Und Gerhard Müller war darin ein Meister: rührig, schlitzohrig, beweglich. In der besser versorgten Hauptstadt Berlin kaufte er im Delikat ein und tauschte Köstlichkeiten gegen die Bereitschaft der Empfänger, ihm benötigtes Material über seine Bilanzanteile hinaus zu verkaufen.

Diese Organisationsleistung ist, rückblickend gesehen, sein größtes Verdienst, das nur würdigen kann, wer die damaligen Verhältnisse kennt, unter denen solch kleine Privatunternehmen wirtschaften mussten, existieren durften. Bald wurde er selbst Empfänger solcher Aufmerksamkeiten. Er fertigte pro Woche zwar nur zwei Zelte, aber sie fielen auf - und die Begehrlichkeit stieg schneller als er Kaufwünsche erfüllen konnte. So wie halt bei allem, was in diesen Jahren die Wirklichkeit der DDR-Warenwelt ausmachte. Aus anfänglichen Wartezeiten von Monaten wurden bald Jahre. Seinen Betrieb vergrößern wollte er nicht, dafür war er zu wenig Geschäftsmann. Ihm genügte, was seine Lebensgefährtin nähte, er und ein ständiger Angestellter sowie die eine oder andere Aushilfskraft schweißten und als Sattler zusammenfügten. Wobei: Diszipliniertes Arbeiten in der Produktion war seine Sache nicht. Sein zeitweiliger Mitarbeiter Jürgen Oertel, heute Sattlermeister in Wechselburg mit Müller-Dachzelt-Service erinnert sich: "Der Chef war am liebsten unterwegs."

Wer ein Müller-Zelt kaufte, musste samstags in Rußdorf vorfahren, anfangs 1340 Mark der DDR mitbringen, später mindestens 1610 Mark. Für diverses Zubehör entsprechend mehr. Direktvertrieb nennt man so etwas. Und zunehmend kamen am Wochenende Kunden zu ihm, die schon ein Zelt aus seiner Werkstatt auf dem Dach hatten. Daraus entwickelten sich erste kleine Treffen mit angesagter Party. Bald reichte der Platz zu Hause nicht mehr aus. Müller organisierte zunächst in der näheren Umgebung, bald auch an weiter entfernten Orten jährliche Treffen für die Dachzeltgemeinde. Ab 1984 traf sie sich regelmäßig zu Pfingsten. Privat organisierte informelle vereinsmäßige Gruppengründungen ohne staatliche oder gesellschaftliche Anbindung passten indes nicht in das DDR-Schema von Kollektivbildungen. Deshalb drängte die Staatsmacht zur Gründung einer offiziellen Organisation. Unter dem Dach des ADMV (Allgemeiner Deutscher Motorsportverband) bildete sich in Leipzig der "MC Touristik/Dachzelte".

Müllers lockerer, sorgloser Umgang mit dem Geld machte ihn in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre zum permanenten Schuldner. Er konnte Lieferanten nicht mehr bezahlen, verlor Geschäftspartner und Freunde. Den Rat seiner Tochter, die von ihm gemietete Produktionshalle zu einem Spottpreis zu kaufen, schlug er aus. So ohnehin angeschlagen, stolperte Müller in die Wendezeit, in der seine potenziellen Ost-Kunden plötzlich andere Reiseformen für sich entdeckten. Er verlor über Nacht die gemietete Halle, träumte aber von einer Produktion im großen Maßstab für einen größeren Markt. Aber dafür hätte er Geld von den Banken benötigt. Sie hielten sich bedeckt, betrachteten ihn nicht als kreditwürdig. Dann setzte Gerhard Müller alles auf eine Karte, verkaufte Haus und Grundstück. Die letzte Fassung des Kaufvertrages enthielt eine Klausel, die er nicht zur Kenntnis genommen oder zumindest in ihrer Tragweite nicht begriffen hatte. So verlor er Hab und Gut, sah kein Geld, zerbrach an Leib und Seele. Er starb 1999 auf einer Fahrt nach Polen während einer Wartepause an der Grenze.

Seit 2009 kommen die Müller-Zelt-Freunde einer neuen Generation wieder jährlich zu "Treffen der Neuzeit" zusammen. Die Zelte thronen weiterhin vorwiegend auf Trabantdächern, leuchten aber in frischen Farben der inzwischen erneuerten Stoffe. Sie sind, wie damals, Ausdruck einer eigenen Art, Freizeit zu erleben und Anlass, sich zu treffen. Keine schlechte Funktion in einer Zeit, in der der überbordende Individualismus althergebrachte Formen des Zusammenseins verdrängt.

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