Hausärztin hört auf - Patienten verzweifelt

Seit drei Jahren sucht eine Allgemeinmedizinerin in Bernsdorf einen Nachfolger. Jetzt schließt sie ihre Praxis. Die Leidenschaft für ihren Beruf hat über die Jahre gelitten.

Bernsdorf.

Eigentlich sollte schon Ende Juni Schluss sein. Nach 27 Jahren als Hausärztin in Bernsdorf geht Dr. Gabriele Clausner in den Ruhestand. Weil sich bisher kein Nachfolger fand, verschob die Medizinerin zweimal den Abschied vom Berufsleben. Doch am 30. September wird sie ihre Praxis endgültig schließen. "Jetzt ist die Familie dran", erklärt die 65-Jährige.

Ob es einen Nachfolger gibt, der künftig für ihre Patienten da sein wird, ist unklar. "Einen interessierten Arzt gibt es", sagt Gabriele Clausner. Er habe sich die Praxis angesehen. Seine Zusage stehe aber noch aus. Sie gehe ungern, sagt sie. "Ich habe gern gearbeitet, aber irgendwann muss Schluss sein." Am 1. April 1991 eröffnete sie ihre Praxis. "Voller Enthusiasmus", erinnert sie sich. Doch die Begeisterung sank mit den Jahren, vor allem weil die Bürokratie zunahm. "Die hat sich in den 27 Jahren mehr als verdreifacht. Ständig neue Formulare, Verordnungen, Computerprogramme. Das nimmt Zeit, die ich eigentlich für die Patienten brauche", so die Fachärztin für Allgemeinmedizin. 25 Stunden Sprechzeit bietet sie wöchentlich noch an. Hinzu kommen etwa 25 Hausbesuche pro Woche. Insgesamt komme sie mit Bereitschaftsdiensten, Gesprächen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen, Versicherungen und Apothekern auf 55 Arbeitsstunden pro Woche. "Wer mit Familie macht das noch?", fragt sie.

Clausner sorgt sich, dass ihre Patienten, darunter viele alte Menschen, die nicht nur aus Bernsdorf, sondern auch aus umliegenden Stadtteilen zu ihr kommen, künftig ohne hausärztliche Betreuung dastehen. Um ihren möglichen Nachfolger ein- arbeiten zu können, habe sie schon vor drei Jahren mit der Suche im Ärzteblatt, bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) und über private Vermittler begonnen. Vergeblich. "Es hat sich nie jemand gemeldet." Bis ihr die KVS, die die ärztliche Versorgung koordiniert, den jetzigen Interessenten schickte. Er könne die voll eingerichtete Praxis mit Geräten zu einem "minimalen Preis" übernehmen, sagt Clausner. Und er könnte sogar mit einem finanziellen Zuschuss rechnen. Weil für Chemnitz Hausärzte dringend gesucht werden, fördert die KVS Praxisnachfolger mit 60.000 Euro. Insgesamt sechs Hausarztstellen im Stadtgebiet können mit dieser Summe ausgestattet werden, fünf Ärzte haben die Pauschale bereits in Anspruch genommen.

Sollte sich der Interessent für die Praxis an der Augsburger Straße entscheiden, bekommt er jede Menge zu tun. 1000 Patienten behandelt Gabriele Clausner im Quartal. Etwa 800 von ihnen sind chronisch krank, benötigen regelmäßige hausärztliche Betreuung. Viele ihrer Patienten sind im Rentenalter, sagt die Chemnitzerin. Sollte sie keinen Nachfolger finden, wird die Praxis im Oktober ausgeräumt. "Dann landet die Einrichtung auf dem Schrott", so die Medizinerin.

Geschockt haben Patienten von Gabriele Clausner die Nachricht aufgenommen, dass ihre Hausärztin aufhört. "Damit verliere ich meine Vertrauensärztin", sagt Georg Wild. Seit 25 Jahren ist er bei ihr in Behandlung. Viermal jährlich komme er in die Praxis. "Ich hoffe, dass ein Nachfolger kommt, die Praxis floriert doch", sagt der Bernsdorfer. "Ich bin sehr schockiert, dass Frau Clausner aufhört. Seit Eröffnung ihrer Praxis bin ich Patientin", sagt Margitta Böhm. Alle acht Wochen komme sie aus dem Beimlergebiet nach Bernsdorf. "Ich bin fast blind und auf den Bus angewiesen. Bei mir in der Gegend nehmen die Ärzte keine neuen Patienten auf", erklärt die 76-Jährige. Andrea Thriemer, seit zwei Jahren bei Clausner in Behandlung, sorgt sich vor allem um die Versorgung der älteren Patienten. "Das ist die große Frage der Zukunft. Es sind viele Hochbetagte darunter, die nicht mehr mit Bus und Bahn zum Arzt fahren können und auf Hausbesuche angewiesen sind. Sie stehen vor dem Nichts. Was wird mit ihnen?", fragt sie. Auch Patienten, die wegen chronischer Erkrankungen regelmäßig Medikamente nehmen müssen, stünden vor einem Problem. Die scheidende Medizinerin vermisst ein Konzept, das sicherstellt, dass Patienten nach dem Wegfall eines Hausarztes weiter versorgt werden. Diese Situation wird in Chemnitz in den nächsten Jahren häufig eintreten. Etwa 60 der rund 150 Hausärzte in der Stadt sind 60Jahre und älter, so die KVS.

"Wo soll man noch hingehen? Alle Praxen sind voll", fragt sich Ursula Reiter. Alle acht Wochen benötigt sie hausärztliche Betreuung, ihr schwerkranker Mann ist auf Hausbesuche angewiesen. "Wo kriegt man einen Arzt her? Das ist schon ein Notstand in Chemnitz", sagt die 68-Jährige und wirkt verzweifelt.

Die Praxisaufgabe von Gabriele Clausner ist kein Einzelfall in der Stadt. Auf der Internetseite der KVS suchen derzeit sechs Mediziner aus Chemnitz einen Nachfolger, darunter vier Hausärzte. Drei von ihnen wollen ihre Tätigkeit noch in diesem Jahr beenden.

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