Herzstück von Kunstfestival pocht in der Hartmannfabrik

Sechs Installationen werden ausgestellt. Sie bedienen sich Luftballons und 44.000 Stück Würfelzucker. Ein Fotograf hat zudem Bilder an einem verbotenen Ort gemacht - und bleibt darum anonym.

Kaßberg.

Ausgerechnet die Wismut. Galerist Ulf Kallscheidt hatte versucht, "den jungen Leuten das Thema auszureden, weil es ein heißes Eisen ist". So erzählt Kallscheidt von den Anfängen der neuen Biennale. Die jungen Leute waren Benjamin Gruner und Frank Schönfeld vom Verein Spinnerei, die ursprünglich eine Ausstellung organisieren wollten. Doch dann kam die Idee, mehr zu machen, ein Festival sollte es sein. Aber es brauchte ein Thema. Bei der ersten Einwohnerversammlung zur geplanten Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt war eine Frau aufgestanden, die sagte, dabei müsse das Thema der Wismut AG unbedingt eine Rolle spielen. Gruner und Schönfeld hätten unbedingt mehr darüber wissen wollen, so Kallscheidt. Er konnte sie nicht mehr davon abbringen.

"Pochen" heißt das neue Kunstfestival, das in Form einer Biennale alle zwei Jahre wiederkehren soll. Pochen, so wie das Herz schlägt, so wie der Bergmann das Erz aus dem Gestein herauspocht und so wie man in Sachsen sagt, wenn sich zwei prügeln. Jede Ausgabe der Biennale will sich mit einem Thema befassen, das eng mit Chemnitz zusammenhängt. Der Titel der Wismut-Ausgabe heißt "Tage des Aufbruchs". Gezeigt wird multimediale Kunst, weil man mit den üblichen Sehgewohnheiten brechen wollte.

Am Donnerstag wurde nun die Hauptausstellung des Festivals eröffnet. In der Hartmannfabrik sind bis 18. November sieben Kunstwerke und Installationen zu sehen. Die Arbeit "Neunundneunzig (99)" von dem aus Chemnitz stammenden Klangkünstler Olaf Bender und dem Slowenen Martin Bricelj Baraga kann man nicht anschauen, man muss sie erleben. Der Besucher betritt einen dunklen Raum und setzt sich. Über seinem Kopf schweben 99Luftballons, die im Laufe der 15-minütigen Show zu den Besuchern hinabgelassen werden und sich aufblasen. Beim Besucher stellt sich ein Gefühl der Enge ein, wie es vielleicht auch Bergarbeiter haben. "Nichts für Klaustrophobiker", warnt Kallscheidt.

In der Mitte der Hartmannhalle zeigt der Schweizer Künstler Zimoun eine Reihe von rechteckigen Kartons, in denen sich Gleichstrommotoren befinden. Die Kartons sind in ständiger Bewegung, wie Roboter, und es entsteht ein monotones, dumpfes Geräusch, das irgendwie nach Industrie klingt.

Hinter einem schwarzen Vorhang hat Michael Saup seine Installation "orbis lumen" aufgebaut. Sie besteht aus 44.000 Stück Würfelzucker. Doch das sieht man nur, wenn man es weiß. In dem dunklen Raum breitet sich vor dem Betrachter eine dreidimensionale Weltkarte aus, die von unten verschieden beleuchtet wird. Immer wieder tauchen auf der Karte Blitze und sich wellenartig ausbreitende Kreise auf. Sie veranschaulichen alle nuklearen Detonationen, die es seit 1945 auf der Welt gab. Die passende Jahreszahl wird auch eingeblendet. Zusammenhang zum Erzgebirge: Die Wismut hat mehr als 200.000 Tonnen Uran abgebaut. In der ersten russischen Atombombe von 1949 sei angereichertes Uran aus dem Erzgebirge beteiligt gewesen, sagt Kurator Kallscheidt.

Ganz konkret mit der Wismut hat sich Künstlerin Grit Ruhland befasst, schon seit Jahren, wie sie sagt. Sie stammt aus dem Uranbergbaugebiet in Ostthüringen und beschäftigt sich mit dem Unsichtbaren, wie sie schildert. Sie bastelte selbst zwei Geigerzähler, einen davon in einem Birkenast. Das Protokoll des Geigerzählers brachte sie mittels extra geschriebenen Computerprogramms auf ihr abgestecktes Forschungsgelände, das im Gebiet des ehemaligen Uranbergbaus liegt. Ergebnis waren Punkte, die auf dem Feld angezeigt wurden. Diese zufällig ausgewählten Koordinaten besuchte sie mehrmals und schrieb an jedem Ort Sinnesprotokolle, die in der Ausstellung hängen und gelesen werden können.

Ebenfalls direkt mit der Wismut befasst sich Susanne Kriemann. Sie hat auf Flächen bei Ronneburg in Thüringen gearbeitet. Dort befanden sich früher Halden des Uranbergbaus. Die Halden sind weg, der Boden ist aber noch heute extrem kontaminiert. Geologen erforschen da, welche Auswirkungen das hat, und lassen zu diesem Zweck auch Schafe dort weiden. Kriemann zeigt Fundstücke von den Flächen, darunter Steine und Gräser, aber auch Wolle der dort weidenden Schafe.

Johannes Blank und Alabaster Becher zeigen einen künstlerischen Film aus einem Uranbergwerk. Und gleich daneben hängen Fotos aus einem Uranbergwerk in der Nähe von Chemnitz. Weil man dort aber nicht hineindarf, hat der Fotograf den "Pochen"-Machern die Bilder zugespielt und gebeten, anonym zu bleiben.

Die Ausstellung ist bis 18. November in der Hartmannfabrik an der Fabrikstraße zu sehen. Nur die Installation "Neunundneunzig (99)" ist lediglich bis Sonntag zu sehen. Der Eintritt erfolgt auf Spendenbasis. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 17 bis 20 Uhr, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr.

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