Hochspannung nur für Schwindelfreie

Der Netzbetreiber 50Hertz lässt derzeit an einer Überlandleitung von Chemnitz ins Erzgebirge den Korrosionsschutz erneuern. Dafür Personal zu finden, sei nicht einfach, sagt der Bauleiter.

Es hämmert, es klopft, es ratscht, doch auf den ersten Blick ist weit und breit niemand zu sehen. Erst wer die Augen nach oben richtet, erkennt staunend, woher die metallisch klingenden Geräusche kommen - aus luftiger Höher. So oder ähnlich erging es in jüngster Zeit so manchem Chemnitzer entlang der großen Freileitungstrasse, die von Röhrsdorf aus in Richtung Erzgebirge führt - auch über mehrere Chemnitzer Stadtteile hinweg.

Industriekletterer einer Spezialfirma sind derzeit dabei, an den Strommasten Korrosionsschutz-Arbeiten auszuführen. Gut gesichert sind sie in bis zu 40 Metern Höhe vor allem mit Drahtbürsten und Schabern am Werk, um die Masten von Roststellen zu befreien. Es ist das erste Mal seit gut 20 Jahren, dass die Stahlkonstruktionen auf diese Weise grundlegend inspiziert und in Ordnung gebracht werden.

"Später kommt da auch noch ein neuer Deckanstrich drauf", sagt Bauleiter Mario Spangenberg. Mit knapp 22Mitarbeitern ist er seit einem Monat entlang der kilometerlangen Trasse unterwegs. "Eigentlich wollten wir schon etwas weiter sein", erläutert er. Doch das nasskalte Wetter habe ihnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Die Oberflächentemperatur muss mindestens zehn Grad betragen, die Luftfeuchtigkeit wiederum darf nicht höher sein als 80 Prozent."

Jedermanns Sache ist das Arbeiten in luftiger Höhe nicht. Nicht nur, weil man schwindelfrei sein muss, wie Spangenberg erläutert. "Es ist ziemlich anstrengend, auch wenn man dabei gutes Geld verdienen kann." Ein Argument von offenbar begrenzter Strahlkraft. "Meine ehrliche Meinung ist: Viele richten es sich lieber bequem zu Hause ein, als solche Jobs zu machen." Nicht zuletzt deshalb wohl gehörten zu der Truppe Mitarbeiter aus aller Welt. "Tschechien, Spanien, Ghana", nennt Spangenberg einige Beispiele. "Sie wohnen aber alle in Deutschland und können sich gut auf Deutsch verständigen."

In Auftrag gegeben hat die Arbeiten der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz. Das Unternehmen ist zuständig für insgesamt rund 10.000Kilometer Hoch- und Höchstspannungsleitungen quer durch Ostdeutschland - von den küstenfernen Ostsee-Windparks vor der Insel Rügen bis hinauf zur tschechischen Grenze. In Röhrsdorf betreibt 50Hertz ein Umspannwerk. Es gilt als wichtiger Knotenpunkt auf der Stromautobahn. Von dort leitet das Unternehmen Strom aus dem Nordosten nach Westsachsen, Thüringen und Tschechien weiter.

Die derzeit laufenden Instandhaltungsarbeiten sollen laut einem Sprecher von 50 Hertz zugleich auch dazu genutzt werden, einige der Masten mit Aufstiegsleitern nachzurüsten. Denn für gewöhnlich würden derlei Erneuerungen nur alle 15 bis 20 Jahre ausgeführt - je nach dem, wie sehr die Witterung den Stahlkonstruktionen zugesetzt hat. Die Arbeiten entlang der Trasse bis zur Grenze werden voraussichtlich noch bis Oktober andauern.

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