Höherer Mindestlohn: Tausende Mittelsachsen profitieren

Nach Schätzungen der Gewerkschaften erhält jeder fünfte Beschäftigte im Kreis wegen der Anhebung auf 8,84 Euro pro Stunde mehr Geld. Viele Unternehmer sehen indes ihre Zukunft in Gefahr.

Rochlitz/Mittweida.

Große Sprünge kann sie nicht machen. "Ich muss jeden Cent mehrmals umdrehen", bedauert Erika Lindner*, die sich als Friseurin ihren Lebensunterhalt verdient. Die 35-Jährige gehört zu jenen Vollzeitbeschäftigten in Mittelsachsen, die ein Einkommen an der unteren Schwelle des Mindestlohns beziehen, von dessen Anhebung um 34 Cent auf 8,84Euro sie nun profitieren.

Laut Ralf Hron, Geschäftsführer des DGB Südwestsachsen, hatten vor der Einführung des Mindestlohns im Kreis 17.000 Arbeitnehmer nicht mehr als 1485 Euro brutto verdient, was etwa dem Mindestlohn bei einer Vollzeitstelle entspricht. "Etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer in Mittelsachsen sind von der Erhöhung direkt betroffen. Durch die notwendige Anpassung in den höheren Lohngruppen profitieren von der Anhebung des Mindestlohns aber wesentlich mehr Menschen", sagt Hron, der damit aber nicht das Problem von Altersarmut gelöst sieht. "Dafür müssen die Niedriglöhner mindestens mehr als 1800 brutto erhalten. Monatlich macht die Anhebung aber nur zwischen 30und 60 Euro aus."


Dennoch ist für die SPD-Bundestagsabgeordnete Simone Raatz der Mindestlohn eine Erfolgsgeschichte. "Die Anzahl jener Mini-Jobber, die ergänzend Geld vom Jobcenter erhalten, ist gesunken - um 19 Prozent", sagt Raatz, die nach eigenen Angaben weiß, dass es nicht allen Betrieben im Kreis leichtfällt, diesen Lohn zu zahlen. Das sieht die Handwerkskammer Chemnitz ähnlich: "Zum Problem wird der Mindestlohn in strukturschwachen Gebieten für Gewerke, die keine eigenen Tariflöhne haben. Eine Lohnuntergrenze befürworten wir dennoch. Wir sind aber nicht einverstanden, dass eine Kommission in Berlin die Löhne ohne die zuständigen Tarifpartner vor Ort festlegt", sagt Präsident Frank Wagner.

Mit Kritik spart auch nicht der Hotel- und Gaststättenverband in Chemnitz (Dehoga). "Eine staatliche Lohnfestsetzung spiegelt niemals die regionalen Marktgegebenheiten wider", begründet Geschäftsführerin Franziska Luthardt. Zudem habe eine Dehoga-Umfrage ergeben, dass seit 2015 etwa drei Viertel der Mitgliedsbetriebe mit erhöhten Personalkosten, zwei Drittel mit gestiegenen Lieferanten- und Dienstleisterkosten zu kämpfen haben. "Gastronomie und Hotellerie haben sich in den letzten Jahren als Jobmotor erwiesen. Bleibt zu hoffen, dass der Mindestlohn diese Entwicklung nicht gefährdet."

Einer der betroffenen Hoteliers ist Nando Sonnenschmidt, der von Rochlitz aus bundesweit 20 Hotels mit gut 400 Mitarbeitern betreibt, darunter das "Deutsche Haus" in Mittweida. "Wegen der Erhöhung des Mindestlohns rechne ich jährlich mit Mehrkosten von etwa 150.000 Euro", sagt der Geschäftsführer, der von einem Kraftakt für sein Unternehmen spricht. Ihm bleibe zunächst nichts anderes übrig, als während der Hochsaison in ausgewählten Hotels die Preise moderat anzuheben. Zwar könne der Unternehmer durchaus das Anliegen des Mindestlohngesetzes nachvollziehen, am Ende aber zahle er immer mehr Lohn und Steuern.

Jörg Hüsken, Geschäftsführer des Luftfahrtindustrie-Zulieferers Cotesa aus Mittweida, befürwortet die Steigerung beim Mindestlohn, obwohl dies auch die Verdienste anderer Lohngruppen weiter nach oben treibe. In seinem Unternehmen lägen die Löhne der rund 500Mitarbeiter seit anderthalb Jahren über Mindestlohnniveau. "In der Industrie kann sich das keiner mehr leisten, nur Mindestlohn zu zahlen. Sonst findet man schlicht keine Mitarbeiter mehr", hat Hüsken festgestellt. (mit jl)

* Name von der Redaktion geändert

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