Hooligan-Experte: "Dem CFC fehlt eine langfristige Strategie"

Robert Claus sprach in Chemnitz über die Vorkommnisse im Stadion, die Reaktion des Vereins und die Vernetzung der Szene.

Robert Claus hat für sein Buch über Hooligans bei Sportveranstaltungen in ganz Deutschland recherchiert. Benjamin Lummer hat mit ihm über die Szene in Chemnitz, die Verbindungen zum Kampfsport und die Gruppierung Hoonara gesprochen.

Freie Presse: Sie haben in verschiedenen Städten und Stadien über Hooligans recherchiert. Waren Sie auch in Chemnitz?


Robert Claus: Ja. Ich habe mir mehrere rechte Demonstrationen in Chemnitz angeschaut. 2015 habe ich das Pokalspiel des CFC gegen Borussia Dortmund besucht. Später war ich bei einer Drittligapartie gegen Hansa Rostock. Beide Male stand ich im Gästeblock.

Was haben Sie im Stadion erlebt?

Aufgefallen sind mir Ordner, die bei Rechten beliebte Kleidung getragen haben. Die BVB-Fans hatten mir zudem berichtet, dass die Security-Mitarbeiter im Stadion sie angewiesen hätten, Anti-Rassismus-Buttons abzulegen.

Vor vier Wochen wurde im Stadion vor einem Spiel des CFC eines verstorbenen Neonazis gedacht. Hat Sie das überrascht?

Es hätte mich nicht überrascht, wenn rechte Hooligans ein Spruchband ins Stadion geschmuggelt und gezeigt hätten. Der öffentliche Charakter der Aktion durch die Maßnahmen des Vereins hat mich aber schockiert.

Sehen Sie ein spezifisches Chemnitzer Problem?

Nazi-Hooligans sind weitverbreitet, sie treten in vielen Städten in Erscheinung. In den meisten Orten sind sie jedoch außerhalb ihrer Szene isoliert und schaffen es nicht, wie in Chemnitz im Spätsommer 2018, in kurzer Zeit tausende Leute auf die Straße zu bringen.

Die Chemnitzer Fanszene gilt aber als gespalten, viele Anhänger haben die Trauerkundgebung für den Neonazi kritisiert.

Es gibt dort auch antirassistisch eingestellte Leute. Aber ich sehe bislang noch keine öffentlich agierende Gruppe, die entsprechende Banner aufhängt. In Duisburg hat sich beispielsweise die Gruppe "Zebras stehen auf" etabliert, eine Fan-Initiative gegen Rassismus und Diskriminierung. Das Fehlen solch einer Initiative sagt einiges über die Macht- und Gewaltverhältnisse in der Chemnitzer Fanszene aus.

Die Hooligan-Szene ist da offensichtlich schon weiter. Sie gilt als stark vernetzt.

Vor allem zwischen Chemnitzer und Dortmunder sowie Cottbuser Hooligans gibt es Verbindungen. Neonazis sind zwischen den Städten umgezogen, weil sie jeweils eine rechte Infrastruktur vorfinden. Beim Kampfsportevent "Kampf der Nibelungen" in Ostritz 2018 waren Neonazis aus allen drei Städten zum Teil gemeinsam angereist.

Die Kampfsportszene spielt in Ihrem Buch über Hooligans eine große Rolle. Warum?

Wir verstehen die Hooligan-Szene nicht, wenn wir nicht auch über die Kampfsportszene reden. Ein Teil der Hooligans rekrutiert sich aus Fankurven im Stadion, viele aber auch über Kampfsport. Viele Hooligans messen sich zudem bei Kampfsportveranstaltungen. Diese Szene hat sich und ihre Gewalt professionalisiert.

Auch die Chemnitzer Gruppierung Hoonara - Hooligans, Nazis, Rassisten -, die sich 2007 aufgelöst haben soll, spielt da offenbar eine Rolle.

Bei einem Kampfsportturnier in Berlin im November 2016 wurde einer der Kämpfer von Anhängern mit "Hoonara"-Rufen gefeiert. Man sollte die Auflösungsankündigungen solcher Gruppen kritisch in den Blick nehmen. Die Personen und Netzwerke verschwinden ja nicht. Hoonara existiert aus meiner Sicht weiter - als Slogan, aber auch als Netzwerk.

Der CFC hat nach der Trauerkundgebung geäußert, er sei überfordert und brauche Hilfe im Kampf gegen rechte Anhänger. Sie beraten seit sechs Jahren Borussia Dortmund im Umgang mit Hooligans. Was kann ein Verein machen?

Er sollte auf alle Fälle seine Fanarbeit intensivieren - in Kooperation mit dem Fanprojekt. Dazu gehören beispielsweise Gedenkstättenfahrten mit Anhängern oder Aktionstage zu Zivilcourage im Stadion. Dafür braucht es fest finanzierte Vollzeitstellen in der Fanarbeit des Clubs sowie Schulungen für die Security-Mitarbeiter, damit sie rechte Symbole erkennen. Das geht natürlich nur, wenn im Ordnungsdienst keine Neonazis arbeiten. Denn letztlich können wir Zivilcourage von Fans nur erwarten, wenn die Struktur des Stadionalltags dies auch unterstützt. Zudem sollten sich Vereine von bekennenden Neonazis trennen, wie es Borussia Dortmund getan hat.

Der CFC hat beim letzten Heimspiel T-Shirts mit der Aufschrift "Toleranz, Weltoffenheit, Fairness" kostenlos verteilt.

Das ist nicht schlecht, aber es bleibt eine plakative, symbolische Aktion. Aus meiner Sicht fehlt dem CFC der präventiv-pädagogische Ansatz, eine langfristige Strategie.


Robert Claus

1983 in Rostock geboren, studierte Claus Europäische Ethnologie und Gender Studies. Er ist als freier Autor tätig und arbeitet als Projektleiter bei der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" in Hannover. Seit sechs Jahren berät er Borussia Dortmund im Umgang mit rechten Fans. Vergangenes Jahr ist im Verlag "Die Werkstatt" sein Buch "Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik" erschienen. In diesem zeichnet Claus die Szene von der Entstehung in den 1970er-Jahren bis heute nach. (lumm)


Ines Vorsatz: Machtkampf um Deutungshoheit in der Stadt

Nach dem gewaltsamen Tod eines Deutschen am Rande des Stadtfestes im August 2018 sei "ein Machtkampf um die Deutungshoheit" in Chemnitz entbrannt, sagte Ines Vorsatz vom Kriminalpräventiven Rat der Stadt am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion, die sich an eine Lesung von Robert Claus anschloss. Angetrieben werde dieser Machtkampf von Pro-Chemnitz-Fraktionschef Martin Kohlmann. Viele Chemnitzer hätten Angst, gegen Menschen anzureden, die beispielsweise den Hitlergruß zeigen. Deswegen, so Vorsatz, entstehe der Eindruck, in der Stadt werde alles toleriert und es fehle an Zivilcourage.

Im Laufe der Diskussion meldete sich ein Zuhörer zu Wort, der sich als Fan des CFC beschrieb und nach eigenen Angaben regelmäßig auf der Südtribüne steht. Er habe den Eindruck, ein Großteil der Zuschauer dort sei Neonazis, sagte er. Als er sich einmal gegen antisemitische Rufe ausgesprochen habe, hätten sich einige Zuschauer drohend vor ihm aufgebaut. An der Diskussion hatten mehr als 100 Zuhörer teilgenommen. (lumm/schab)

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 3 Bewertungen
12Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    4
    08.04.2019

    Man hat doch schon einen neuen "Sicherheitsdienst. Das Ergebnis hat man ja am Wochenende gesehen!

  • 1
    2
    Zeitungss
    06.04.2019

    Dem CFC fehlt nicht nur eine Strategie, sondern eine eigene Zeitung um dieses Chaos unter die Menschheit zu bringen. Für Interessenten wäre ein Abo möglich und der Rest der Welt bliebe verschont.

  • 2
    6
    franzudo2013
    05.04.2019

    Die Strategie gibt es schon. Aufsteigen und Fans gewinnen.
    Bisher sind von 240.000 Chemnitzern recht wenige ins Stadion gegangen.
    10.000 bis 15.000 Besucher wären ein Statement.
    Wo sind denn die Fußball- Fans ?
    Hat Frau Ludwig einmal gefragt, für wen sie das Stadion baut ?
    Wie muss man drauf sein, nicht einmal mit der Südkurve zu reden ?
    Wenn das kein Populismus ist, was dann ?

  • 11
    6
    Distelblüte
    05.04.2019

    "Angetrieben werde dieser Machtkampf von Pro-Chemnitz-Fraktionschef Martin Kohlmann. Viele Chemnitzer hätten Angst, gegen Menschen anzureden, die beispielsweise den Hitlergruß zeigen. Deswegen, so Vorsatz, entstehe der Eindruck, in der Stadt werde alles toleriert und es fehle an Zivilcourage."

    "Im Laufe der Diskussion meldete sich ein Zuhörer zu Wort, der sich als Fan des CFC beschrieb und nach eigenen Angaben regelmäßig auf der Südtribüne steht. Er habe den Eindruck, ein Großteil der Zuschauer dort sei Neonazis, sagte er. Als er sich einmal gegen antisemitische Rufe ausgesprochen habe, hätten sich einige Zuschauer drohend vor ihm aufgebaut."

    Diese Aussagen treffen es ziemlich gut. Gegen aggressive Rechte Haltung zu zeigen haben die wenigsten gelernt. Als gelernte Ossis trotten sie eher in der Menge mit, und wenn die Menge hinter Pro Chemnitz herläuft, dann eben da.
    Ich wünschte, es wäre anders.

  • 9
    2
    CPärchen
    05.04.2019

    @ArndtBremen: tut mir Leid, aber ich verstehe den Übergang zur Politik nicht. Es ist nicht nur Sache der Politiker für eine schöne Gesellschaft zu sorgen, sondern auch der Gesamtgesellschaft.
    @516315: Das dachte ich mir tatsächlich auch, aber sachlich hat er keine schlechten Argumente.

  • 8
    14
    516315
    05.04.2019

    "1983 in Rostock geboren, studierte Claus Europäische Ethnologie und Gender Studies...."

    Hätte er mal lieber was im MINT-Bereich studiert. Das wäre sinnvoll gewesen.

  • 10
    5
    Blackadder
    05.04.2019

    @arndtbremen: Zunächst muss der CFC die Sponsoren überzeugen, dass er etwas tut.

  • 14
    19
    ArndtBremen
    05.04.2019

    Dem CFC fehlt eine Strategie???? Blödsinn hoch 3. Unseren Politikern fehlt es an Fähigkeit zu regieren. Wer hat denn unser Land in diese besorgniserregende Situation gebracht? Der CFC, die Fans?

  • 12
    10
    osgar
    05.04.2019

    @KarlChemnitz Sie tun mir leid!
    Jeder deutet halt Aussagen, so wie er es braucht.

  • 11
    20
    KarlChemnitz
    05.04.2019

    Hallo Osgar, ganz klar: Die durchweg rechtsradikale Anhängerschaft des Nazi-Vereins aus der Nazi-Hochburg des Landes hat das Spiel vorverlegen lassen, um am Führergeburtstag Zeit für eine schöne Gedenkveranstaltung zu haben. Oder habe ich Sie da falsch verstanden?

  • 10
    16
    osgar
    05.04.2019

    Wie wäre es denn, wenn Herr Claus sich beim morgigen Spiel unter die Zuschauer in der 6b mischt und dann die Fans zu einem Besuch in Buchenwald am 20.4. einlädt? Das eigentlich für den 20.4. geplante Spiel gegen die Zweite von Hertha wurde ja vom 20.4. auf den 18.4. vorverlegt. Warum wohl?
    Es ist leider nichts als heiße Luft was hier abgelassen wird.

  • 8
    22
    Hinterfragt
    05.04.2019

    Gähn ...



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