Hunderte City-Parkplätze fallen weg

Am Tietz und vor der Johanniskirche werden zwar neue Gebäude mit Tiefgaragen entstehen. Doch unterm Strich stehen künftig wohl weniger Stellplätze zur Verfügung.

Auto an Auto steht täglich auf dem Parkplatz an der Johanniskirche. Das wird sich demnächst ändern - so, wie sich das Gesicht der Bahnhofstraße ändern wird. Zwischen Tietz und Augustusburger Straße sollen sechs neue Gebäude entstehen, zwei davon auf dem Tietz-Parkplatz, vier weitere auf dem Grundstück des Parkplatzes an der Kirche. Die dort geplanten Wohn- und Geschäftskomplexe bilden künftig ein eigenes Viertel - die Johannisvorstadt.

Die heutigen Parkplätze wird es dann nicht mehr geben. Der am Tietz bietet Platz für 130 Fahrzeuge, der andere für 340. Damit stellen die Anlagen die größten von der Stadt bewirtschafteten Parkplätze in der gesamten Innenstadt dar. Auf sie entfällt gut ein Viertel der innerstädtischen Stellplätze außerhalb privat betriebener Parkeinrichtungen.

Wann genau die Bauarbeiten auf den Flächen beginnen, steht noch nicht fest. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass sich bis Monatsende nichts tut. Klar ist schon jetzt: Während der Bauzeit wird es keine alternativen Parkplätze geben. Mit den Baumaßnahmen entstehen zwar private Tiefgaragen und ein Parkhaus. Wie hoch dort der Anteil für öffentliches Parken sein wird, könne noch nicht gesagt werden, heißt es.

Bauherren der Johannisvorstadt sind der Kaufmann Peter Simmel und der Leipziger Immobilienentwickler Hansa Real Estate. Simmel will an der Ecke Augustusburger/ Bahnhofstraße einen Edeka-Markt, einen Drogeriemarkt und ein Parkhaus errichten. Eine Anfrage an ihn, wie viele Stellplätze er plant zu bauen, blieb unbeantwortet. Hansa Real Estate will Wohnhäuser, ein Ärztehaus und ein Hotel bauen. In den Erdgeschossen sind Gewerberäume für Handel, Gastronomie und andere Dienstleister vorgesehen. Geschäftsführer Stefan Voges sagt, jedes der drei Objekte werde eine Tiefgarage haben. "Wir prüfen derzeit die Realisierbarkeit zweiter Ebenen, sodass die Anzahl der Stellplätze noch nicht feststeht", so Voges. Die Stellplätze unter den Objekten seien allerdings vorrangig für Mieter, Eigentümer und Kunden gedacht. Die Anzahl der öffentlich und kostenpflichtig zugänglichen Parkplätze hänge von der noch laufenden Planung ab, aber auch von der Auslastung durch die Nutzer der Objekte.

Vor allem im Tietz macht man sich wegen der wegfallenden Parkplätze Sorgen. "Das wird sich bemerkbar machen", ist sich Kathrin Weber vom Laden "Faire Welt" sicher. Nicht zuletzt ältere Menschen, die die Läden sowie Kultureinrichtungen des Hauses nutzten, kämen oft mit dem Auto. Besonders die Bauphase mache ihr Sorgen. "Für eine längere Zeit generell keine Parkplätze zu haben, das wird schwer. Vielleicht wird es, wenn es fertig ist, dann aber auch ganz gut", hofft sie.

Ronny Rößler, der Direktor des Naturkundemuseums, findet klare Worte: "Ein Museum ohne Parkplätze daneben wird sich auf einen Rückgang der Besucherzahlen einstellen müssen." Tiefgaragen sehe er nicht als adäquaten Ausgleich. Aus Studien sei bekannt, dass vor allem ältere Menschen Tiefgaragen nicht nutzen. Frauen würden diese wegen Sicherheitsbedenken ebenfalls oft meiden. Auch den Neubauprojekten und den damit verbundenen Baumfällungen gegenüber ist Rößler kritisch eingestellt. "Wir sollten in Chemnitz nicht die Fehler anderer Städte nachmachen", sagt er. Städte würden immer unattraktiver zum Wohnen, Grün falle weg, mehr Fläche werde versiegelt. "Als Naturwissenschaftler kann ich das nicht gutheißen", so Rößler.

Bert Rothe, amtierender Geschäftsführer Handel/Dienstleistungen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), versucht, beide Seiten der Medaille zu sehen. Er könne die Bedenken der Händler gut nachvollziehen, und eines der entscheidenden Kriterien für den Ort des Einkaufs seien nachgewiesenermaßen die Parkplätze. Auch er gibt zu bedenken, dass eine gewisse Klientel Tiefgaragen nicht nutze. Trotzdem sei die Bebauung unumgänglich. "Wir müssen verdichten, Wohnraum und die ein oder andere Attraktivität schaffen", sagt er. Er hoffe, dass diese dann auch mehr Kunden ins Tietz bringt.

Die Befürchtungen, dass ein Wegfall vieler Parkplätze der Innenstadt schaden könnte, bestätigt Hans-Jörg Bliesener, der Center-Manager der Sachsen-Allee. "Die Bebauung der Innenstadt ist die beste Maßnahme der Politiker der Stadt für das Chemnitz-Center in Röhrsdorf und für die Sachsen-Allee", findet er. Zumal die Parkplätze an Tietz und Johanniskirche nicht die einzigen sind, die zur Disposition stehen: Am Hartmannplatz werden wegen des Neubaus einer Oberschule weitere 90 innenstadtnahe Stellplätze wegfallen. (mit micm)


Kommentar: Zusätzliche Belastung

Keine Frage: Der Innenstadt stehen schwierige Jahre bevor. Die Bahnhofstraße wird rund um die Zschopauer Straße zur Riesen-Baustelle. Hunderte öffentliche Pkw-Stellplätze in fußläufiger Entfernung zu den Einkaufszentren, Warenhäusern und zum Tietz fallen weg - die meisten vermutlich für immer. Höchste Zeit für Händler und Gewerbetreibende, aber auch für das Rathaus, sich Gedanken zu machen, wie man dieser Herausforderung begegnen will. Während der Bauarbeiten, aber auch danach. Und am besten gemeinsam. Bislang gibt es noch nicht einmal eine Übersicht zu Innenstadt-Parkplätzen auf der Internetseite der Stadt. Eine solche könnte ein Anfang sein.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 3 Bewertungen
4Kommentare
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  • 2
    5
    Nixnuzz
    13.09.2018

    Wenn schon neue Parkplätze geplant/ gebaut werden sollen: Bitte nicht mit Trabbi-Schattenriss-Grenzen! Die SUV-o-Manie braucht größere Stell-Flächen, wobei auch das Aussteigen der Gewachsenen aus geöffneten Türen ein wenig bedacht werden sollte...

  • 9
    2
    cn3boj00
    13.09.2018

    Mehr Belebung der Innenstadt durch Bebauung und "Verdichtung"? Museen ohne Parkplatz? Ein Einkaufs-Dorado (Simmel) ohne Parkplatz? Da bin ich mal gespannt, ob so viel toter Beton mehr Leben bringt.

  • 7
    6
    branderweg
    13.09.2018

    Die Zukunft der Stadt dürfte kaum darin liegen, große öffentliche Flächen für das Abstellen von Autos zu reservieren und von anderen Zwecken freizuhalten, die allgemein der wirtschaftlichen, baulichen, funktionalen Bereicherung dienen. Mit hohen öffentlichen Summen investieren Städte in einen attraktiven Nahverkehr (hier: Chemnitzer Modell) und in eine gute Wegevernetzung (Fußwege, Rad) im Umfeld des Stadtzentrums, um die Stadt lebenswerter zu machen (Verminderung Lärm, Abgase, Begrünung, Nutzungsmischung etc.). Damit wird private Autonutzung nicht verboten, aber an wichtigen Stellen im Stadtgebiet stadtverträglich behandelt und nicht zum non-plus-Ultra gemacht. Für alle die weiterhin Autofahren müssen oder es wollen, gibt es ausreichend Alternativen ...

  • 12
    6
    Steuerzahler
    13.09.2018

    So wie die Stadt seit Jahren mit dem Individualverkehrs umgeht, ist dieses Verhalten der Verantwortlichen kein Zufall. Es soll aber niemand jammern, wenn dann die beschriebenen Folgen eintreten.



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