Im ehemaligen Europa-Kino entstehen Eigentumswohnungen

Der Saal des früheren Filmtheaters an der Hainstraße ist schon abgerissen worden. Dieses Schicksal soll dem Vorderhaus erspart bleiben.

Sonnenberg.

Die Leuchtreklame erinnert viele noch immer an einstige Kinobesuche. "Europa 70" steht in senkrechter Schrift an der Straßenfassade des Hauses an der Hainstraße. Doch der Saal des 1998 geschlossenen Filmtheaters ist schon 2006 abgerissen worden. An seiner Stelle im Hof des Gebäudes befindet sich heute das "Fenster in die Erdgeschichte", eine Grabungsstätte des Naturkundemuseums, auf der Besucher die Erforschung des Versteinerten Waldes miterleben können.

Angesichts von dessen Zustand fürchteten Anwohner und Passanten jahrelang auch um den Erhalt des Vorderhauses des früheren Kinos. Nachdem seine Eigentümer mehrfach gewechselt hatten, angekündigte Sanierungen jedoch ausgeblieben waren, musste es wegen seines schlechten Bauzustandes 2011 mithilfe von Fördergeld gesichert werden. Im Inneren waren bereits Decken und Wände eingefallen. Doch seit einiger Zeit zeugen ein Schuttcontainer und eine mobile Toilette, die vor dem Haus stehen, von begonnenen Bauarbeiten.

Derzeit werden nicht mehr verwendbare Teile des Gebäudes abgebrochen und die vier Etagen entkernt, ist dazu auf Anfrage von der Unternehmensgruppe Isihome zu erfahren. Der Firma aus Bebra in Hessen, die bereits mehrere Gebäude an der Sebastian-Bach-Straße und am Lessingplatz saniert hat, gehört das ehemalige Kino nach eigenen Angaben seit März dieses Jahres. Unmittelbar danach war bei der Stadtverwaltung die Baugenehmigung beantragt und im Juni auch erteilt worden, berichtet Unternehmenssprecher Marcel Deutschländer. Noch in diesem Jahr will Isihome mit dem Rohbau beginnen, der etwa fünf Monate in Anspruch nehmen soll.

Geplant ist, in dem Haus an der Hainstraße insgesamt neun moderne Eigentumswohnungen mit zwei bis vier Zimmern und Wohnflächen von rund 64 bis knapp 110 Quadratmetern einzurichten. Alle Wohnungen sind bereits verkauft, erklärt Deutschländer. Die Bauarbeiten sollen bis Ende 2020 abgeschlossen werden. Die historische Substanz des Gebäudes und sein äußerer Charakter bleiben dabei erhalten, versichert der Sprecher. Die Wohnungen würden mit hochwertigen Materialien ausgestattet und die Fassade nach historischem Vorbild behutsam saniert und aufgearbeitet. Zum Umfang der geplanten Investition gibt das Unternehmen keine Auskunft.

Doch was geschieht mit der historischen Leuchtschrift an der Fassade? Das fragen Kenner des früheren Kinos und Beobachter des aktuellen Baugeschehens immer wieder auch bei "Freie Presse" an. Die endgültige Entscheidung darüber sei noch nicht gefallen, antwortet Marcel Deutschländer. Fest stehe allerdings, dass die Leuchtreklame auf jeden Fall erhalten bleibe und unter gar keinen Umständen entsorgt werde. Denn als Experte im Bereich der Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden lege Isihome viel Wert auf den Erhalt historischer Details. So laufe die gesamte Sanierung und Vermarktung des Objektes an der Hainstraße wegen dessen Geschichte als Kino unter dem Titel "Europa 70". Daher sei es auch denkbar, dass die Leuchtreklame im Zuge der Gebäudesanierung aufgearbeitet und wieder angebracht wird. Andernfalls werde sie gespendet und an anderer Stelle aufgestellt. "Wir sind dazu aktuell mit dem Verein Kreatives Chemnitz in Kontakt", so Deutschländer.

Nach Angaben der Arbeitsgruppe Sonnenberg-Geschichte des Chemnitzer Geschichtsvereins und von Sandro Schmalfuß von der Initiative Stadtbild Chemnitz wurde das Mehrfamilienhaus Hainstraße 36 im Jahr 1887 als Teil des Concert-Theaters und Ballsaals "Goldene Kugel" erbaut. 1923 zog die "Globus Aktiengesellschaft für Textilindustrie" mit Kontor- und Produktionsräumen in den Saal ein. 1932 begann der Kinobetrieb mit 951 Sitzplätzen, ab 1934 unter dem Namen "Europa-Lichtspiele". Nach dem Abschluss von Umbau- und Modernisierungsarbeiten im Jahr 1970 erhielt das Kino den Namen "Europa 70" und die gleichlautende Leuchtschrift an der Fassade.

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