Im kalten Winter vor 76 Jahren: Gemeinsame Flucht in den Tod

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Wieso fand der als "Arbeitseinsatz" bezeichnete letzte "Judentransport" nach Theresienstadt ohne Gustav Glaser statt?

Die Kriminalpolizei Chemnitz meldete am 17. Februar 1945 dem Standesamt den Selbstmord eines Ehepaares. Die Beamten hatten die Leichen der Eheleute Glaser in der Wohnung Hermann-Fischer-Straße 5, wie einst die mittlerweile überbaute Zimmerstraße in der Innenstadt in der NS-Zeit hieß, gefunden. Das viergeschossige Haus gehörte zu den sogenannten "Judenhäusern", in denen nach 1939 die noch hier lebenden Juden auf engstem Raum zusammenleben mussten.

Die Polizeibeamten gingen davon aus, dass die Eheleute am frühen Abend des 14. Februar 1945, um 19 Uhr, starben. Am Folgetag sollten die letzten als Juden verfolgten Männer und Frauen aus dem Regierungsbezirk Chemnitz in das Sammel- und Durchgangslager Theresienstadt deportiert werden. 57 Personen hatten sich in der Staatlichen Akademie, der heutigen Technischen Universität, zum Abtransport einzufinden. Ungeachtet der Angriffe der Alliierten Luftstreitkräfte an diesem Tag erschienen fast alle Männer und Frauen, sogar zwei Kinder (11 und 12 Jahre), am Stellplatz. Nur ein Mann fehlte. Was war geschehen?

Die Geheime Staatspolizei hatte am 10. Februar 1945 Deportationsscheine an die noch in der Stadt lebenden Juden verschickt. Darin wurden diese aufgefordert, sich am 14. Februar, 19 Uhr, für den zu einem "Arbeitseinsatz außerhalb von Chemnitz abgehenden Transport" in der Staatlichen Akademie für Technik, Am Platz der Alten Garde 6/7, III. Stock, Zimmer 85, einzufinden. Auch Gustav Glaser erhielt den Schein, den er am Stellplatz vorzeigen sollte. Aus Angst vor der ungewissen Zukunft vergiftete sich jedoch der Fabrikarbeiter in seiner Zwangswohnung. Martha Paula Glaser, mit der er seit dem 24. Mai 1928 verheiratet war, folgte ihm aus Liebe oder aus Angst vor der drohenden Einsamkeit in den Tod.

Wer war Gustav Glaser? Er erblickte am 8. März 1889 in Lindenberg bei Berlin (heute Ortsteil der Gemeinde Ahrensfelde) das Licht der Welt. Ende der 1920er-Jahre verlegte er seinen Wohnsitz nach Siegmar, einen Vorort von Chemnitz. Als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer engagierte er sich fortan im Sportklub "Schild", der vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gegründet worden war. In dieser Zeit lernte er die um neun Jahre jüngere Technikzeichnerin Martha Paula Leißner kennen, die aus einer protestantischen Fabrikantenfamilie in Chemnitz stammte. Ihre Ehe blieb kinderlos. Gustav Glaser brachte es in der Folgezeit vom Handelsvertreter für Textilwaren bis zum Geschäftsführer einer Firma.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte auch für die Eheleute Glaser verheerende Folgen. Gustav Glaser wurde als Geschäftsführer abberufen. Eine halbjährige landwirtschaftliche Umschulung, die die Israelitische Gemeinde ihm im Frühjahr 1939 vermittelt hatte, sollte helfen, das Land zu verlassen. Er hatte damals gehofft, mit Hilfe eines Bruders, der für die Jewish Colonisation Association tätig war, nach Argentinien oder Brasilien auszuwandern. Er war sogar bereit, mit seiner Ehefrau nach Schanghai zu emigrieren. Doch die Pläne zerschlugen sich. Die Eheleute mussten in dieser Zeit ihre Wohnung in Siegmar-Schönau aufgeben und wurden im Wohnhaus des ehemaligen Fabrikanten Hugo Sussmann (Leipziger Straße 16) einquartiert.

Das Städtische Gartenamt verpflichtete Gustav Glaser zur Zwangsarbeit. In dieser Eigenschaft war er unter anderem für die "Pflege" des Jüdischen Friedhofes im Ortsteil Altendorf verantwortlich. Die Gestapo beauftragte ihn auch, "Asche-Urnen von zu Tode gekommenen Juden", wie Adolf Diamant, der Chronist der Jüdischen Gemeinde, bemerkte, auf dem Friedhof in namenlosen Grabstätten beizusetzen. Im Juni 1940 wurde Gustav Glaser zudem auf Antrag der Privaten Jüdischen Volksschule in Chemnitz, deren Unterricht teilweise auf dem Gemeindefriedhof stattfand, als "Turnlehrer" eingesetzt. Nach deren Schließung im Sommer 1942 wurde er von den NS-Behörden zur Zwangsarbeit in der Beleuchtungskörper- und Metallwarenfabrik E. F. Barthel an der Uhlestraße verpflichtet. In der Folgezeit wurden die Eheleute gezwungen, in die Innenstadt zu ziehen. Zu ihren Nachbarn gehörten unter anderem Dr. Adolf Lipp, seit 1943 jüdischer "Krankenbehandler", und Siegbert Fechenbach, Hauptinitiator für die Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde im September 1945.

Die sterblichen Überreste der Eheleute wurden bereits am 18. Februar 1945 im Krematorium der Stadt eingeäschert. Ob die Urnen auf dem Städtischen Friedhof in Bernsdorf beigesetzt wurden, kann angesichts der damaligen Luftangriffe nur vermutet werden. Eine Überführung auf den seit 1943 geschlossenen Jüdischen Friedhof kann wohl ausgeschlossen werden. Zwei Stolpersteine erinnern seit dem 5. Oktober 2020 vor dem Haus Kopernikusstraße 16, wie die Leipziger Straße in Siegmar-Schönau seit 1951 heißt, an das Schicksal der Eheleute Glaser.

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