Im Schatten der bunten Esse

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Furth

Wer durch die Straßen am Glücksberg fährt, wähnt sich in einer Eigenheimsiedlung am Stadtrand. Dabei liegt Furth nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt und wird vor allem durch Gewerbe geprägt. Der über 300 Meter hohe, seit einigen Jahren bunt angestrichene Schornstein des Heizkraftwerkes am Dammweg wirft seinen Schatten auf einen Großteil des Stadtteils, in dem er steht. Das Kraftwerk, wo mit Braunkohle und Erdgas Strom und Fernwärme erzeugt werden, ist nur eines der Unternehmen in dem großen Gewerbegebiet, das Furth in zwei Hälften teilt: die Häuser entlang der Chemnitztalstraße und eben die Siedlung am Glücksberg zwischen der Blankenburgstraße und der Bahnstrecke nach Leipzig am Rande des Küchwaldes. Und mitten durch das Gewerbegebiet verläuft mit dem Fischweg eine der ältesten Straßen der Stadt.

Bernd Ullmann und Dietmar Pilz, die beide 1942 geboren wurden, kennen das Gebiet an beiden Ufern des Chemnitz-Flusses noch als grüne Aue. Doch es gab auch damals schon Halden mit Gießereiabfällen der Schönherrfabrik und der Gießerei Krautheim, erzählen sie. Nach den Bombenangriffen im März 1945 brachte die Trümmerbahn Schutt aus der Innenstadt in die Aue. Später entstanden daneben das Heizkraftwerk und ein Plattenwerk für den Wohnungsbau. Die Hallen des früheren Plattenwerkes nutzt heute der Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetrieb ASR. Daneben haben weitere Firmen Platz gefunden, die sich mit Entsorgung und Baustoff-Recycling beschäftigen. Auf vielen freien Flächen haben sich zudem Neu- und Gebrauchtwagenhändler angesiedelt.

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Die Siedlung am Glücksberg entstand seit den 1930er-Jahren auf Land, das zuvor zum Grundbesitz der von Richard Hartmann gegründeten Sächsischen Maschinenfabrik gehört hatte, erzählt Dietmar Pilz. Er ist in der Siedlung groß geworden und wohnt dort bis heute im Haus seiner Großeltern. Sein Freund Bernd Ullmann ist auf der anderen Seite des Chemnitztals aufgewachsen: im Gartenhaus der Villa der Fabrikantenfamilie Trübsbach, für die sein Vater als Hausmeister und Chauffeur gearbeitet hat.

Ab 1948 besuchte Pilz, ab 1949 auch Ullmann die alte, 1902 errichtete Further Schule an der Chemnitztalstraße. Das Gebäude unweit des damaligen Gasthauses "Schweizerhof", in dem sich heute das Alternative Jugendzentrum befindet, dämmert offenbar ebenso ungenutzt vor sich hin wie das Klinkergebäude der ehemaligen Post im Stadtteil. Die nicht weit davon entfernte, in den 1930er-Jahren errichtete Wohnsiedlung an der Straße Fuchsdelle hat die städtische Wohnungsgesellschaft GGG 2003 abreißen lassen.

"Furth ist zu einem Schmuddelkind von Chemnitz verkommen", kritisiert Dietmar Pilz und vermisst Raumordnungs-Planungen des Rathauses, um den Stadtteil wieder lebenswerter für seine Einwohner zu machen. Einzige verbliebene Nahversorger im Viertel sind eine Bäckerei, ein Sonderpostenmarkt und zwei Getränkehändler. Beim früheren Konsum am Glücksberg habe die Stadtverwaltung tatenlos zugesehen, wie Gebäude und Grundstück einschließlich des Fußweges zum Kindergarten verkauft wurden, berichtet Pilz. Als "Lichtblicke" im Stadtteil bezeichnet er dagegen das Camman-Hochhaus und den Fußballplatz des VfB Fortuna an der Chemnitztalstraße.

Um sich einzumischen, wenn sie weitere Belastungen für die Further befürchten, gehörten Pilz und Ullmann vor etwa neun Jahren zu den Gründern der Bürgerinitiative Glücksberg. Gemeinsam mit Nachbarn von der Hofewiese in Borna und Stadträten haben sie sich erfolgreich gegen den Bau einer Biogasanlage am Firmensitz des ASR gewehrt. "Man darf nicht locker lassen", hat sich Pilz vorgenommen.


Das ist Furth

Mit rund 1470 Einwohnern auf knapp 2,5 Quadratkilometern Fläche weist Furth eine vergleichsweise geringe Bevölkerungsdichte auf. Hauptsächlich durch die große städtische Flüchtlingsunterkunft an der Chemnitztalstraße ist nahezu jeder zehnte Einwohner ein Ausländer - der zweithöchste Anteil in der Stadt. Furth, wo sich einst Fischteiche des Chemnitzer Benediktinerklosters befanden, wurde 1338 erstmals urkundlich erwähnt und 1913 eingemeindet. (mib)

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    9
    Interessierte
    04.04.2019

    Neben dem bunten Schornstein ist die gesamte Strecke dreckig ...
    Das fängt an nach der Emilienstraße ...
    Und bei dem AJZ -Jugendclub wird es einem ganz schlecht ...



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