Immer bereit für den ersten und den letzten Moment im Leben

Hebamme Anett Schmid arbeitet nicht nur im Geburtshaus, sondern auch im Hospiz. Außerdem engagiert sie sich für die Anerkennung ihres Berufsstandes. Jetzt erhält sie die höchste Ehrung, die es im Freistaat gibt.

Den Brief hat Anett Schmid gefunden, als sie 2.15 Uhr von einer Hausgeburt heim kam. Ihr Mann hatte ihn aus dem Briefkasten genommen und auf den Schreibtisch gelegt. Da saß sie nun nachts, noch aufgewühlt von dem Erlebnis der Geburt, mit diesem Brief in der Hand. Darin stand, dass sie mit dem Sächsischen Verdienstorden ausgezeichnet werden soll, der höchsten Ehrung, die es im Freistaat gibt. "Und ich konnte mit niemandem reden", sagt Schmid. Also googelte sie, was da auf sie zukommen würde. "Den haben ja nur solche Größen wie Dirigent Kurt Masur und Komsa-Chef Gunnar Grosse erhalten", fand sie heraus. Ein Rätsel blieb: Wer hatte sie eigentlich vorgeschlagen?

Überreicht wird ihr der Orden mit 16 weiteren Personen am heutigen Mittwoch von Ministerpräsident Michael Kretschmer in Dresden, heißt es in einer Mitteilung der Staatskanzlei. Auch das Rätsel, wer Schmid vorgeschlagen hat, wird von dieser Stelle gelöst: Sozialministerin Barbara Klepsch war es. Schmid stelle seit mehr als zwei Jahrzehnten täglich unter Beweis, dass ihr das Wohl von Frauen, Kindern und Familien in Chemnitz besonders am Herzen liege, heißt es in der Begründung. Und weiter: "Aufgrund der Situation in der Hebammenversorgung engagiert sie sich verstärkt für den Erhalt des Berufsstandes".


Dass Anett Schmid überhaupt Hebamme geworden ist, war ein komplizierter Weg. Denn obwohl sie die 10. Klasse mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, durfte sie in der DDR kein Abitur machen, denn sie war nicht in der FDJ. Der Kindheitstraum, Hebamme zu werden, schien unerreichbar. Also wurde sie Kosmetikerin. Doch dann kam die Wende und Schmid durfte ab 1991 in Dresden an der Evangelischen Hochschule Sozialpädagogik und Diakonie studieren. 1993 gründete sie in Chemnitz den Verein "Erlebnis Geburt" mit. Er hatte das Ziel, ein Geburtshaus zu eröffnen. Sie selbst brachte ihr erstes Kind noch im Geburtshaus in Halle zur Welt. Die weiteren drei kamen zu Hause. Ihr Mann habe sie ermutigt, 1998 schließlich doch noch die Hebammenausbildung zu machen. Damit konnte sie im Geburtshaus, das 2000 eröffnet wurde, arbeiten.

Zunächst waren sie drei Hebammen. Doch die Hürden wurden immer höher. Es braucht eine teure Haftpflichtversicherung und ein Qualitätsmanagementsystem. Ein Jahr lang arbeitete Schmid ganz allein. Ohne die Betriebskosten, die der Verein von der Krankenkasse für eine Geburt bekomme, wären die Räume nicht zu halten gewesen, sagt sie. Das Geburtshaus blieb, das Jahr aber zehrte an ihren Kräften. Rund um die Uhr hatte sie Rufbereitschaft. "Ich habe 36 Frauen betreut. Das war zu viel", erinnert sie sich. Jetzt hat sie wieder eine Kollegin, die ebenfalls Geburtshilfe leistet. Drei weitere Hebammen arbeiten derzeit im Haus, ohne Geburtshilfe. Schmid versuche, im Monat drei bis vier Frauen zu betreuen. Außerdem nehme sie sich im Jahr drei Monate, in denen sie ebenfalls nur Vor- und Nachsorge, aber keine Geburtshilfe mache. Aus Selbstschutz. Im September wird sie trotzdem sechs Frauen betreuen. Sie kann eben schlecht Nein sagen.

Noch etwas veränderte sie nach dem Jahr als Einzelkämpferin: Sie ließ sich zu 40 Prozent beim Hospiz anstellen. Dort betreut sie auch Frauen mit Tot- oder Fehlgeburten. Zum einen gebe ihr die Anstellung soziale Sicherheit. Zum anderen sagt sie über ihre Doppeltätigkeit, dass sie sich nichts Schöneres vorstellen könne. "Ich bin am Anfang und am Ende da", sagt sie. Sterbende zu begleiten, bedürfe einer inneren Ruhe. "Und die habe ich." Ohne die Geburten ginge es aber nicht. "Mein Mann sagt immer, ich werde nörgelig, wenn ich länger kein Neugeborenes hatte", sagt sie. Und das stimme auch. Der Moment der Geburt sei ein schöpferischer Akt, "die Neugeborenen bringen einen Blick aus einer anderen Welt mit", sagt sie. Sie sei immer wieder aufs Neue berührt, wenn Kinder bei ihren Eltern ankommen und eine Familie entsteht.

Dass sie zudem berufspolitisch aktiv ist, sei selbstverständlich, sagt Schmid. Obwohl in Chemnitz Hebammen ausgebildet werden, finde sie keinen Nachwuchs. Denn wer den Abschluss hat, könne sich die Klinik aussuchen. Eine Selbstständigkeit mit all den Hürden tue sich da keine an. Doch damit gehe den Frauen die Wahlmöglichkeit darüber, wie und wo sie ihre Kinder zur Welt bringen möchten, verloren. Das neueste Thema: Ab 2020 kann man nur noch über ein Studium Hebamme werden. Sachsen habe aber keinen Studiengang vorbereitet. Dabei sei Chemnitz mit zwei Krankenhäusern und einer Fachschule prädestiniert dafür. Doch Schmid fürchtet, die Gelegenheit werde verschlafen. "Dann gehen die jungen Leute weg", sagt sie.

Am heutigen Mittwoch kann sie die Sorgen um den Hebammenstand ruhen lassen und die Auszeichnung genießen. Richtig glauben konnte sie es vorher nicht. "Ich spüre den Stolz noch nicht", sagt sie.


Maximal 500 lebende Ordensträger

Der Sächsische Verdienstorden wird seit 1997 verliehen. Ihn können in- und ausländische Personen erhalten, die sich um den Freistaat Sachsen und seine Bevölkerung verdient gemacht haben, außerordentliche Leistungen, insbesondere im politischen, sozialen, kulturellen oder wirtschaftlichen Bereich sowie auf dem Gebiet der Umwelt sind Kriterien für eine Verleihung. Insgesamt darf die Zahl der lebenden Ordensträger 500 nicht überschreiten. Bisher wurde er 320 Mal verliehen. Unter den Trägern aus Chemnitz sind Renate Aris, Hartwig Albiro und Ingrid Mössinger. (jpe)

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