In Frieden

Oberrabenstein. Was für ein gechillter Nachmittag am zweiten Tag des Kosmonaut-Festivals: Perfektes Festival-Wetter mit feiner Sonne, aber ohne Hitze-Ausschläge, dazu ausgesprochen entspannte Musik, eher lockere Comedy mit sanftem Biss (Imaani Brown so: "Wie, die Flüchtlinge bringen Terror und Malaria ins Land? Na, wenigstens nehmen sie euch nix weg!") und Gratis-Minigolf im "Kosmonaut"-Logo - nichts ist da weiter weg als Party-Eskalation. Hier wird sich einfach mal ordentlich erholt, hier und da entspannte Gespräche unter Freunden. Den Auftakt auf der Hauptbühne macht ein souverän unterhaltsamer Max Richard Lessmann - so elegant muss ein Bosse erst einmal werden. In die gleiche Kerbe hiebt auf der Atomino-Bühne Voodoo Jürgens, dessen morbider Charme in der Sonne etwas weggestrahlt wird - aber der charmante Schmäh des Österreichers gibt trotzdem beste Unterhaltung her, ein ausgezeichneter Showmann, der nicht nur Kleinkunst, sondern auch größere Bretter kann. Parcels und Mine auf der Hauptbühne sind ebenfalls im Sorten Fluss, fühlt sich alles an wie Massive Attack am Stausee mit eine Flasche Apfelwein im Blut. Das Rap-Duo SXTN ist da bestenfalls lyrisch expliziter - gelegentlich muss man die Kinder von der Gedichtinterpretation abhalten. Aber sonst - ist alles auf Friedenspfeife.

Im Prinzip greift der Tag aber nur die Stimmung des Vorabends auf - da konnten Von Wegen Liesbeth (!!) überraschenderweise die höchste Eskalationsstufe auf der Partyskala verbuchen. Die großartigen Editors konnten zwar die gesetzteren Jahrgänge (leicht zu erkennen am umfassend vorbeugenden Gore-Tex-Outfit neben den Mädels mit Einhorn-Utensilien, Badeschlappen und nassen "Erkältung?-Mir-doch-Egal"-Hemdchen) rundweg begeistern - lockten damit aber nur wesentlich weniger Publikum vor die Hauptbühne. Die Band startete sehr engagiert und spielte mit einer Sonderklasse auf, die wohl keine andere Gruppe des Festials erreichen kann. Doch die gebremste Stimmung schlug sich mit der Zeit auf die Bühne nieder, der etwas merkwürdige Sound tat ein übriges: Hier ist allen Beteiligten was entgangen, die großartigen Songs von "Papillon" bis "Smokers Outsider The Hospital Door" entfalteten nicht ihre volle Pracht.

Deichkind lockte dann zwar alle verfügbaren Menschen vor die Bühne und verstopfte das Gelände derb, die Show war auch ausgesprochen unterhaltsam und sehr schön anzusehen. Das Chaotische, Anarchische, das diese Band auszeichnet, fehlte aber irgendwie. Wo früher aus Müllsäcken, Neon-Farbe, Gaffatape und Baumarkt-Krempel skurriles Theater entfesselt wurde, gab es diesmal eine perfekt durchgestylte Leuchtdioden-Show, die ordentlich Werbung für die Möglichkeiten der modernen Bühnengestaltung machte, aber niemandem den Schweiß der Begeisterung auf die Stirn trieb. Der Hit "Leider Geil" wurde fast nebenbei versenkt und der gemeine Kracher "Illegale Fans", zu Zeiten der CD-Raubkopierer noch dreist, wirkte eher antiquiert. Unterm Strich bot Deichkind sehr gute Unterhaltung, niemand auf dem Platz war unzufrieden - aber Abriss geht anders.

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