In neun Monaten zum Lokführer - junge Frau meistert Umschulung

Als erste Quereinsteigerin hat eine 31-Jährige die Ausbildung auf dem Zug absolviert. Ihr Kindheitstraum war das aber nicht.

Mühlau.

Für die einen war es der Traumberuf von Kindheit an, für andere ist er mit Stress, Schichtbetrieb, Unterbezahlung und Ungewissheit verbunden - der Lokführer, offiziell Triebfahrzeugführer genannt. Durch Zugausfälle, Unpünktlichkeit und Personalnot ist der Beruf in Verruf geraten. Mit einer Werbekampagne sind Deutsche Bahn und andere Bahngesellschaften auf Mitarbeitersuche - auch die Mitteldeutsche Regiobahn (MRB), unter deren Marke die Transdev-Gruppe in Sachsen zehn Bahnstrecken betreibt (früher Veolia und Connex).

Zu den ersten sieben Quereinsteigern, die eine neunmonatige Ausbildung zum Lokführer abgeschlossen haben, gehört Sindy Müller aus Mühlau. "Mein Traumjob war das nie", sagt die 31-Jährige. Nach Abschluss der zehnten Klasse an der Hartmannsdorfer Oberschule wollte sie eigentlich Mechatronikerin werden. Aber 2004 gab es keine freien Lehrstellen - heute werden indes händeringend Bewerber gesucht. Sie wurde Hauswirtschafterin, "auch weil ich nach dem Realschulabschluss schnell Geld verdienen wollte", erläutert sie. Sie lernte ihren Mann aus Mühlau kennen, bekam zwei Mädchen, die heute drei und sieben Jahre alt sind, und wechselte die Jobs, "um Zeit für die Familie zu haben". Sie arbeitete in verschiedenen Branchen: ambulante Pflege, Security-Firma, Gebäudereinigung und Automobilzulieferer. Schließlich bewarb sie sich als Kundenbetreuerin bei der MRB. Früher nannte man sie Schaffner, also das Zugpersonal, das Fahrkarten verkauft und kontrolliert. "Das Arbeiten mit Menschen liegt mir, ich bin sehr offen und kontaktfreudig", sagt die junge Frau. Wer in ihr verschmitztes Gesicht schaut, nimmt ihr das ab.

Dann kam die Chance für die Lokführer-Ausbildung. "Wir haben Familienrat gehalten", sagt sie. Ihr Mann arbeitet als Gas-Wasser-Installateur mit geregelter Arbeitszeit. Außerdem helfen Schwiegermutter und Schwägerin, wenn die Kinder von Hort und Kita abzuholen sind, fügt sie hinzu. "Ich bin ehrgeizig und neugierig", sagt Sindy Müller. Deshalb habe sie die Herausforderung gereizt. Seit einer Woche hat sie ihren Abschluss mit Gesamtnote 1 in der Tasche. Und in dieser Woche absolvierte sie ihre ersten Fahrten allein auf den elektrifizierten Strecken zwischen Dresden und Hof (RE 3), Chemnitz-Elsterwerda (RB 45) sowie Dresden-Zwickau (RB 30).

"Ich war total aufgeregt, habe wie ein Schießhund aufgepasst, um jedes Signal zu erkennen", sagt die Mühlauerin nach der ersten Fahrt. 200 verschiedene Signale gibt es, dazu Fahrdienstvorschrift, Bremsvorschriften, PZB, erzählt Müller.

PZB? "Das ist die Punktförmige Zugbeeinflussung, also eine Vielzahl von Magneten auf der Strecke, die eine Zwangsbremsung veranlassen", erörtert sie. In der Fachzeitschrift ist nachzulesen: PZB bezeichnet verschiedene Systeme von Zugbeeinflussung, die an ausgewählten Punkten einer Schienenstrecke eine Überwachung und Beeinflussung schienengebundener Fahrzeuge ermöglichen. Überwacht wird bei aktuell gebräuchlichen Systemen hauptsächlich, ob ein haltzeigendes Signal nicht überfahren wurde.

Lehrlokführer Michael Mattusch bescheinigt der frischgebackenen Lokführerin gutes Technikwissen und viel Ehrgeiz. "Sie war eine der Besten, die den Abschluss geschafft haben", fügt der 53-Jährige hinzu. Damit verstärke sie das MRB-Team mit mehr als 100 Lokführern - darunter vier Frauen - und knapp 100 Kundenbetreuern. Er selbst habe 1983 noch bei der Deutschen Reichsbahn den Beruf des Lokführers gelernt, "weil es ein Kindheitstraum war". "Ich bin immer noch mit Herzblut dabei und will junge Leute für den Beruf begeistern", sagt der gebürtige Riesaer.

Sindy Müller erzählt, dass die neun Monate Ausbildung der "Hammer waren". Sie habe viel lernen müssen, nach der Ausbildung am Tag oft noch bis in die Nacht hinein habe sie gebüffelt. "Aber es hat sich gelohnt." Sie lobt die familiäre Atmosphäre und den kollegialen Umgang im Team. "Hier wird man als Küken auch mal geknuddelt", fügt sie scherzhaft hinzu.

Als größte Anerkennung nennt sie aber auch die Fahrgäste - oftmals ältere Menschen - die dankbar dafür seien, wenn sie beim Einsteigen helfe, beim Lösen des Fahrscheins zur Seite stehe. Das habe sie als Schaffnerin kennengelernt, als Lokführerin würden ihr viele Mitfahrer Hochachtung zollen. Und als sie mit ihrer großen Tochter beim Einkauf in Burgstädt war und Kim auf dem Viadukt eine MRB-Bahn sah, hat sie stolz gerufen: "Diesen Zug fährt meine Mama."

In der Ausbildungsklasse von Sindy Müller waren gelernte Bäcker, Verkäufer, Elektriker und Schreiner. Sie alle werden künftig auf den Strecken der MRB einen Zug steuern. Und nächstes Jahr sollen ab Januar und Mai zwei weitere Klassen gebildet werden, sagt Marketingsprecherin Romy Trommler.

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