Jeder fünfte Rentner verdient sich was dazu

Mehr als 3500 Menschen in Mittelsachsen sind im Vorjahr auch nach Erreichen der Regelaltersrente auf Arbeit gegangen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Burgstädt/Hartmannsdorf.

Es ist geschafft. Nach 45 Arbeitsjahren bekommt Henry Opitz* seine wohlverdiente Rente. Doch Freude will bei dem 63-jährigen Senior aus Mittelsachsen nicht aufkommen. Von den knapp 800 Euro Rente bleiben abzüglich Miete gut 450 Euro zum Leben übrig. Er geht nebenher einer Beschäftigung in einem Metallbetrieb nach. Mit dieser Situation ist er nicht allein. Immer mehr Rentner im Landkreis arbeiten trotz regulären Rentenalters geringfügig weiter.

Nach Zahlen der Agentur für Arbeit wurden im Juni des Vorjahres 3052 Menschen registriert, die auch nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze einer geringfügigen Beschäftigung nachgingen. Im Vergleich zu 2010 sind das 778 Personen mehr. Das entspricht fast knapp 20 Prozent aller Minijobber im Landkreis. Auch die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über der Altersgrenze ist kontinuierlich gestiegen. So hatten im Juni vergangenen Jahres 512 Frauen und Männer im Alter von 65 Jahren und älter eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit. "Das waren 237 mehr als im Juni 2010", sagt Antje Schubert, Sprecherin der Arbeitsagentur.


Während im Erzgebirgskreis vor allem Frauen in den vergangenen fünf Jahren von der Entwicklung stark betroffen waren, kann das Schubert für Mittelsachsen nicht bestätigen. "Bei uns sind es deutlich mehr Männer", betont sie. Das liege daran, dass Senioren zwischen Penig und Neuhausen besonders im verarbeitenden Gewerbe und Handel, aber auch in den Wirtschaftszweigen Verkehr und Lagerwirtschaft gebraucht werden. Das bestätigt Steffen Beikirch, Sprecher vom Telekommunikationsdienstleiter Komsa. In dem Hartmannsdorfer Unternehmen arbeiten sieben Personen, die Rente beziehen. "Sie helfen in der Fertigung, Administration, Logistik und in der betriebseigenen Kindertagesstätte", sagt Beikirch. Sie würden unter anderem Engpässe im Schichtsystem sowie bei Urlaub und Krankheit abfedern.

Dass manche arbeitende Senioren anonym bleiben wollen, ist nicht verwunderlich. Kaum einer der Betroffenen traut sich, über seine niedrige Rente zu sprechen. Viele haben Angst, Freunde und Nachbarn könnten davon erfahren. Das bestätigt auch die Sprecherin der Arbeitsagentur: "Es ist ein sehr sensibles Thema." Gleichwohl stellt sie klar, dass nicht allein die niedrigen Renten der Grund sind, weshalb Senioren weiter auf Arbeit gehen. So würden einige die Abwechslung zum Rentnerdasein zu schätzen wissen, andere wollen sich einfach nur im Kopf fit halten. Das sieht Komsa-Personalchefin Katrin Haubold ähnlich: "Unsere Rentner verfügen über persönliche Kontakte und ganz viel Know-how. Sie freuen sich über den fortbestehenden Kontakt zu ihrem Unternehmen."

Das kann auch Detlev Kapolke, Vertriebs-Chef der Fliesen- und Naturstein-Firma Fliesen-Thomas aus Burgstädt, bestätigen. Das Unternehmen beschäftigt 130 Mitarbeiter an zwölf Standorten in Sachsen, Thüringen und Bayern. "Wir haben ein Rentnermodell", erläutert Kapolke. Fünf Kollegen arbeiten nach Erreichen der Regelarbeitszeit im Vertrieb, Verkauf, Lager, Logistik und Controlling mit, ergänzt er. Der älteste Arbeitnehmer ist 72 Jahre alt. Er sei vor sieben Jahren dazugestoßen und habe vorher als Elektriker gearbeitet. Diese Erfahrungen seien jetzt unverzichtbar, sagt Kapolke. Er erwähnt zudem "Opa Günther", wie ein anderer Rentner liebevoll von den Mitarbeitern genannt wird. Im neuaufgebauten Bereich Naturstein übernehme er viele Arbeiten mit seinem handwerklichen Geschick. Die Mitarbeiter identifizieren sich mit der Firma, haben Spaß an der Arbeit und schätzen das Betriebsklima, fasst Kapolke die Vorteile zusammen. Das Unternehmen profitiere von dem langjährigen Erfahrungsschatz der einzelnen Personen und lege deshalb auch großen Wert darauf, sie im Betrieb weiter zu beschäftigen.

Und was sagen befragte Rentner? "Ich kann mir was dazu verdienen, bleibe auch im Alter noch aktiv und geistig gefordert", sagt ein 68-Jähriger. Für einen anderen sei die Arbeit in einem Kollegen-Kreis wichtig, zumal seine Frau gestorben ist.

*Name von der Redaktion geändert

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