Kaßberggefängnis: Schau auf vier Etagen

Erste Details für den Lern- und Gedenkort in der geschichtsträchtigen ehemaligen Haftanstalt stehen fest. Einige Fragen müssen allerdings noch geklärt werden.

Kaßberg.

Hier saßen Gegner des Nazi-Regimes ein. Hier wurden Menschen inhaftiert, die versucht hatten, aus der DDR zu flüchten. Und von hier aus gelangten tausende freigekaufte DDR-Oppositionelle in den Westen: Das 1876/77 erbaute und seit 2010 leer stehende Kaßberggefängnis hat eine wechselvolle Geschichte. An die erinnert bereits ein Gedenkort im Zugangsbereich. Ab 2021 soll es in dem Gelände, in dem in naher Zukunft auch Wohnhäuser entstehen, zusätzlich eine deutlich umfangreichere Gedenkstätte geben.

Das Konzept hat die eigens damit beauftragte Berliner Agentur Beier und Wellach nun vorgestellt. Errichtet werden soll die Gedenkstätte im Block B des Gebäudekomplexes. Dort inhaftierte Personen hatten dem Trakt den Namen Vogelkäfig gegeben - in Anlehnung an den DDR-Unterhändler und Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Unter seiner Vermittlung hatte die Bundesrepublik Deutschland zwischen 1962 und 1989 rund 30.000 Häftlinge aus der DDR freigekauft. Nahezu alle von ihnen waren vor ihrer Ausreise im B-Block eingesperrt.

Diese Episode soll den Schwerpunkt der Ausstellung bieten, die sich über vier Etagen und insgesamt 1800 Quadratmeter Expositionsfläche erstreckt. Im Untergeschoss sind den Plänen zufolge ein Eingangsbereich, ein Café, ein Filmraum und Zimmer für Veranstaltungen vorgesehen. Besucher sollen in diesem Abschnitt auch Informationen zur Geschichte des Gebäudes im 19. Jahrhundert erhalten. In der Etage darüber geht es dann um den Freikauf, der anhand der Erzählungen von 14 Zeitzeugen dokumentiert wird. Die Etagen darüber widmen sich der Nutzung des Gefängnisses durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD und später das Ministerium für Staatssicherheit (erstes Obergeschoss) sowie durch die Nationalsozialisten (zweites Obergeschoss). Der Aufbau ist in jeder Etage gleich: Ein Bereich ist Zeitzeugenberichten und -Biografien vorbehalten, ein anderer der geschichtlichen Einordnung. Das Dachgeschoss wird dem Konzept zufolge vorerst nicht erschlossen.

Eine besondere Rolle komme den Zellen als Ausstellungsräumen zu, kündigt Peter Wellach von der Agentur Wellach und Beier an. Einige der zwischenzeitlich moderner ausgestatteten Hafträume sollen rekonstruiert werden, um die Haftbedingungen zur DDR- oder Nazi-Zeit darzustellen. Dabei komme es auf Details an. So hätten viele Fenster des Gefängnisses in der DDR-Zeit nicht aus Glasscheiben, sondern kubischen Glasbausteinen bestanden. Deren Nachteil: Weder konnte man rausschauen, noch gut lüften. Diese Probleme darzustellen, sei wichtig, so Wellach. Deswegen wolle man die Glasbausteine in einigen Fenstern wieder einbauen. Generell soll ein Großteil des B-Blocks in den Zustand von 1989 versetzt werden.

Im Außenbereich - der auch während der Schließzeit der Gedenkstätte zugänglich sein wird - sollen Besucher mithilfe von Info-Stelen und eines Modells Einzelheiten zum Gefängnis erfahren. Markierungen am Boden sollen Gäste auf einen Rundgang führen, über Smartphone-Apps abrufbare Visualisierungen den früheren Zustand des Areals zeigen.

Die Gedenkstätte soll nahezu täglich geöffnet sein. Wer sie schlussendlich betreibt, sei noch offen, so Wellach. Denkbar seien die Stadt, der Eigentümer des Geländes - die Wohnungsbaugesellschaft Cegewo- oder die Stiftung Sächsischer Gedenkstätten. Als Träger kämen neben dieser Stiftung und der Stadt auch der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis infrage. Fest steht bereits, dass zum Programm auch Führungen und Workshops gehören, die sich besonders an Schulklassen richten. "Unser Ziel ist es nicht nur, auf die Geschichte zurückzuschauen, sondern auch Demokratiebildung zu betreiben", sagt Wellach. Seinen Berechnungen zufolge brauche man drei bis vier Personen, um den Dauerbetrieb gewährleisten zu können.

Die Kosten für Umbau und Exponate schätzt die Agentur auf etwa 3,1 Millionen Euro. Zwei Drittel davon kommen vom Freistaat in Form einer Förderung. Der Rest soll unter anderem über die Stadt und die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien bestritten werden. Baubeginn ist für 2020 vorgesehen, die Eröffnung ein Jahr später.

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