Kasse zahlt nicht - Hunderte Chemnitzer helfen kranker Frau

Madeleine Timme ist mit ihrer Krankheit Lipödem an die Öffentlichkeit gegangen, um Geld für die Behandlung zusammenzubekommen. Nach einem "Freie Presse"- Bericht bekam sie viel Zuspruch - aber auch Besuch von der Polizei.

Exakt zwölf Anstriche umfasst die handgeschriebene Liste, die Madeleine Timme angelegt hat. Überschrieben ist sie mit "Helfer, die mich berührt haben". Genannt werden unter anderem Familien, Rentner, Firmen, eine 13-Jährige, die ihr Taschengeld gegeben hat, und Hartz-IV-Empfänger. Ihnen allen ist gemein, dass sie kleine oder größere Geldbeträge für Madeleine Timme gespendet haben, damit diese eine Behandlung für ihre Krankheit bezahlen kann.

Bei Timme wurde vor einem Jahr Lipödem diagnostiziert. Bei der Krankheit vermehren sich Fettzellen im Unterhautfettgewebe unkontrolliert. Das Gewebe verklebt zusehends, es bilden sich vor allem im Hüftbereich und an den Beinen Fettwülste, die auf Gefäße drücken. Zudem kommt es zu Wassereinlagerungen, Ödem genannt. Das sorgt für Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit. Weder mit Diäten noch Sport lässt sich Lipödem heilen. Die Krankheit betrifft nur Frauen und wird wahrscheinlich vererbt. Schreitet sie voran, kann es zu einem Lymphödem kommen. Dabei staut sich Flüssigkeit in den Lymphbahnen, die betroffenen Stellen schwellen noch mehr an.

Nach jahrelanger Unsicherheit, woran genau sie erkrankt ist, war die Lipödem-Diagnose ein Fortschritt für die 33-Jährige. Eine Ultraschall-Untersuchung zu Beginn dieses Jahres zeigte allerdings, dass die Krankheit schon weit fortgeschritten ist und Timme kurz vor eben jenem Lymphödem steht - ein Horrorszenario für sie. "Wenn es soweit kommen würde, bräuchte ich wohl irgendwann Krücken oder einen Rollstuhl."

Allein mit Lymphdrainage, Kompressionsstrümpfen, Ernährungsumstellung und Bewegung sei ihr nicht zu helfen, sagten Ärzte und empfahlen eine spezielle Absaugung. Dabei werden die erkrankten Zellen großflächig entfernt. Die OP hat nichts mit einer Fettabsaugung gemein, wie sie Schönheitschirurgen vornehmen. Das Problem: Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für diesen Eingriff nur im Einzelfall, weil es keine wissenschaftlichen Studien gebe, die den Nutzen nachweisen, erklärte eine Sprecherin der AOK Plus.

Deswegen entschied sich Timme für einen ungewöhnlichen Weg. Mithilfe von Briefen - bis heute sind es 5000 Stück -, die sie abends in ihrer Wohnumgebung verteilte, bat sie um finanzielle Unterstützung. Rund 12.000 Euro benötigt Timme für drei Operationen. Mithilfe eines Spendenprofils im Internet hatte sie bis Mai 5700 Euro zusammenbekommen. Dann, Anfang Juni, erzählte sie ihre Geschichte in der "Freien Presse" - mit ungeahntem Erfolg. Binnen kurzer Zeit kamen mehr als 3000 Euro dazu. Rund 300 Personen gaben Geldbeträge, darunter ein Siebenjährige, die sich eigentlich eine Barbie kaufen wollte, berichtet Timme. Und eine ältere Frau habe sie zum Kaffee eingeladen. "Es ist Wahnsinn, was ich an Nächstenliebe und Mitgefühl erfahren habe. Ich bin überwältigt und unheimlich dankbar", sagt die junge Frau. Allerdings gab es auch Missgunst: Eine unbekannte Person habe sie angezeigt, offenbar weil sie Betrug vermutete, berichtet Timme. "Die Polizei stand vor der Tür. Sie haben dann meine Krankenunterlagen geprüft und sich entschuldigt."

Bei 9200 Euro steht der Spendenpool nun. Zwei von drei Operationen sind damit bezahlt. Um den dritten Eingriff zu finanzieren, hofft Timme auf weitere Unterstützung. Und nun geht es tatsächlich los. Am Freitag reist sie in die Aesta-Klinik im tschechischen Pilsen. Der dortige Arzt genieße einen sehr guten Ruf bei der Lipödem-Behandlung, sagt sie. Einen Tag nach der Anreise erfolgt der mehrstündige Eingriff an den Beinen. Unter Vollnarkose werde ihr eine Lösung injiziert, die das erkrankte Gewebe aufweiche. Mit vibrierenden Kanülen würden Ärzte dieses dann absaugen, erklärt die Chemnitzerin. "Da kommen acht oder neun Liter zusammen." Nach dem Eingriff muss sie für mehrere Monate ein Kompressionsmieder tragen, soll zudem wenig sitzen, stattdessen viel spazieren oder liegen. Geht alles in Ordnung, könnte vier Monate später die zweite Operation durchgeführt werden, dann an Bauch und Oberbauch. In einem dritten Eingriff wären später die Arme dran.

Wenige Tage vor dem Eingriff beschreibt sie ihre Gefühle als eine Mischung aus Aufregung und Unsicherheit: "Ich freue mich, dass es endlich los geht und frage mich, wie es nach der Operation sein wird. Werden die Schmerzen wirklich weg sein?" Angst hat sie nicht, sagt die 33-Jährige. "Es kann nur besser werden."

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1Kommentare
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  • 10
    0
    Heckertbewohner
    13.09.2016

    So läuft das in der Bundesrepublik Deutschland, einem der reichsten Staaten der Welt. Man muss sich selber kümmern. Krankenkassen/Versicherungen/der Staat drückt sich wo er kann. Hoffentlich geht es der Frau bald besser.

    Jetzt plant die Bundesregierung, die Kosten für die Flüchtlingsmedikation nur(!) den gesetzlichen Krankenkassen aufzubürden.
    Beamte/Politiker und privat Versichterte, i.d.R. Besserverdiener, bleiben somit außen vor. Beitragserhöhungen/ Leistungsminderungen für Gering- und Normalverdiener werden die Folge sein. Schöne Gesellschaft.



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