Katastrophenschützer am Limit: Erst Grippe, dann Magen-Darm

Wie gut sind Rettungs- kräfte für ein zweifaches Krisenszenario gerüstet? Eine groß angelegte Übung in Chemnitz sowie im Raum Zwickau und Leipzig sollte Klarheit bringen. Sie offenbarte auch Probleme.

In welcher Zeit und mit wie vielen Einsatzkräften können Sachsens Katastrophenschützer auf ein Ereignis reagieren, bei dem eine lang anhaltende Grippewelle die Krankenhäuser ans Leistungslimit gebracht hat und es dann noch zu einem Fall von massenhaft auftretenden Magen-Darm-Infekten bei einer Sportveranstaltung kommt?

Mit dieser Fragestellung begann am Samstag die Katastrophenschutzübung "Akut 2016" im Sportforum in Chemnitz, wo die Landesdirektion Sachsen im Auftrag des Innenministeriums eine Ernstfall-Situation vor allem für ehrenamtliche Rettungs- und Hilfskräfte proben ließ. Diese Art von Test war seit einigen Jahren in Sachsen nicht mehr möglich gewesen, weil Personal mit realen Ereignissen konfrontiert war. "2013 gab es wegen der Flutkatastrophe keine Übung. Und im vergangenen Jahr musste sie wegen der Flüchtlingskrise ausfallen", sagte Holm Felber, Pressesprecher der Landesdirektion Sachsen.

Sich diesmal auf ein Katastrophenszenario mit schweren Fällen von Grippeerkrankungen und einem Großeinsatz wegen eines Massen-Magen-Darm-Infekts zu konzentrieren, hat nach Felbers Auskunft keinen aktuellen Hintergrund. "Solche Übungen bedürfen einer langen Vorbereitung. Wenn diese hier abgeschlossen ist, beginnen die Planungen für die nächste." Der übliche Rhythmus für derartige Tests ist laut Felber ein zweijähriger.

Da zum Übungsszenario diesmal auch gehörte, dass Sportler aus dem Raum Zwickau und Leipzig wegen der auftretenden Magen-Darm- Infekte vorzeitig vom Wettkampfort abreisen, dann aber auch erkranken, gab es zudem zwei weitere Einsatzorte in Werdau und Borna. Insgesamt, so Felber, waren etwa 900 Einsatzkräfte in die Übung involviert.

Nach Auskunft von Lutz Fischer, der als Mitglied der Berufsfeuerwehr Chemnitz die Abläufe der Rettungsmaßnahmen vor Ort zu koordinieren hatte, waren im Sportforum rund 300 Chemnitzer Rettungskräfte von Freiwilligen Feuerwehren, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk sowie dem Arbeiter-Samariter-Bund und weiterer Organisationen im Einsatz. "Die meisten von ihnen waren schon vergangenen Dienstag bei den Evakuierungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Bombenfund auf dem Chemnitzer Kaßberg im Ernstfall-Einsatz und mussten heute zur Übung erneut ran", so Fischer nach dem Übungsende gegen 14 Uhr.

Begonnen hatte der Test, bei dem rund 150 Freiwillige, davon laut Felber etwa 80 in Chemnitz, das Darstellen der Erkrankten übernahmen, um 9 Uhr. Nach dem Auslösen des Alarms waren die angerückten Rettungskräfte vor Ort gezwungen, zwei sogenannte Behandlungsplätze für je 50 Patienten mit insgesamt sechs aufblasbaren Zelten aufzubauen. In Schutzanzügen rückten die Helfer und Notärzte dann in die Halle vor. Dort war zu entscheiden, welcher Erkrankte dringender medizinischer Hilfe bedarf und wer als weniger schwerer Fall einzustufen ist. Dringende Fälle wurden per Rettungswagen ins Klinikum Chemnitz am Standort im Küchwald gebracht. Dort hatten die Mitarbeiter der Infektionsklinik das Haus für die Notsituation freigeräumt sowie ein Behandlungszelt und eine provisorische Aufnahmestelle eingerichtet.

Auf dem Gelände des Sportforums hatten unterdessen Feuerwehrleute eine Station zur Dekontaminierung aufgebaut, um die Kleidung der Rettungskräfte sowie die zum Einsatz kommenden Fahrzeuge zu desinfizieren. Die dafür nötigen Chemikalien mussten extra herangeschafft werden. "Die Mittel müssen kühl lagern und sind deshalb nicht im Ausrüstungsbestand der Einsatzfahrzeuge", erklärte René Paetzel, ausgebildeter Desinfektor der Berufsfeuerwehr.

Die Auswertung der Übung wird in den nächsten Tagen erfolgen. Lutz Fischer zog dennoch kurz Bilanz: "Nicht immer hat die Funktechnik optimal funktioniert. Zudem wissen wir jetzt, dass die in den Schutzanzügen arbeitenden Kräfte stark unter Flüssigkeitsverlust und Kreislaufbelastungen leiden. Im Ernstfall müssen sie eher abgelöst werden als hier bei der Übung."

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