Kein Chor wie jeder andere

Frauen, Männer, Arbeiter, Rentner, Blinde - die Mitglieder der Tondisteln könnten verschiedener nicht sein. Und die Leiterin braucht keine Noten.

Wenn die Tondisteln ihre Stimmen erheben, schaffen sie ein ganzes Orchester. Instrumente zur Begleitung brauchen sie nicht, die singen sie gleich mit. Wenn sie zusammen musizieren, für sich selbst oder auch vor Publikum, dann entsteht Stimmung, die einfach zum Mitwippen einlädt. Ihre Chorleiterin, Anja Voigt, sieht die Tondisteln nur mit den Ohren - und das ganz hervorragend. Die 43-jährige Sozialpädagogin ist von Geburt an blind, verfügt jedoch über ein absolut feines Gehör.

Menschen erkennt sie an ihren Stimmen, Melodien muss sie nur wenige Male hören, und schon kann sie sie wiedergeben. Wie sie erzählt, habe sie schon als kleines Kind immer die Melodien aus dem Radio nachgesungen, später hat sie in verschiedenen Chören mitgewirkt. Die Musik liegt ihr im Blut. 2006 übernahm sie die musikalische Leitung des A-cappella-Chors Tondisteln.

Dabei handelt es sich um einen bunten Zusammenschluss musikliebender Chemnitzer, die sich wöchentlich im Haus Arthur treffen, um gemeinsam zu singen. Dass ihre Chorleiterin blind ist, macht ihnen nichts aus, warum auch, das fehlende Augenlicht behindert Anja Voigt kaum in ihrer Arbeit. Arrangieren kann sie die Tondisteln nach Gehör. "Bei den meisten Musikstücken ist es mir möglich, die einzelnen Stimmen herauszuhören", sagt sie. Wenn das nicht machbar ist, lässt sie sich von ihren Chorkollegen die einzelnen Stimmen vorspielen. Noten braucht sie dafür nicht. Gesungen werden Volkslieder, Popsongs und Evergreens, worauf der Chor gerade Lust hat. Die Songs sind extra für A-cappella-Ensembles arrangiert und umgearbeitet, passen also perfekt zur Gruppe.

Welche Stücke einstudiert werden, das entscheiden die Chormitglieder gemeinsam. Aufs Dirigat wird einfach verzichtet, stattdessen werden die Einsätze leise vor jedem Lied eingezählt. Das kommt auch den anderen beiden blinden Mitsängern zugute. Sie fallen unter den knapp 30 Singenden übrigens kaum auf, ist es doch eine bunt gemischte Gruppe. "Von Ende 20 bis 70 Jahren haben wir alles dabei", freut sich Anja Voigt. Doch nicht nur im Alter unterscheiden sich die Tondisteln: Zu ihnen gehören Rentner, Mütter, Arbeitende - einfach jeder, der Lust hat. Beim Singen spielt das Alter keine Rolle. "Ich kann von den Jüngeren sogar noch viel erfahren - beispielsweise, wenn es ums richtige Textlernen geht. Ich punkte dafür mit meiner Gesangsausbildung", erklärt Godehard Gödefeld. Der 68-Jährige schaut dabei zufrieden auf seinen Nebenmann, den 30-jährigen Silvio Hildebrandt. Der hat nämlich seine Texte schon im Kopf, nachdem er sie nur wenige Male gehört hat. Da ihm das Augenlicht fehlt, ist er darauf angewiesen, sich Texte schnell zu merken. Er selbst schätzt vor allem den Zusammenhalt im Chor: "Hier hilft man sich gegenseitig", sagt er. Und was bereitet Anja Voigt die größte Freude an ihrem Ensemble? "Jedes Mal, wenn wir ein Lied lernen, wenn es beginnt, richtig zu klingen, dann ist das ein magischer Moment", verrät sie. Neue Stimmen seien übrigens stets willkommen, so Voigt. Vor allem den einen oder anderen Bass würde sie sich wünschen; die seien aktuell noch etwas dünn besetzt.

Ihr nächstes Konzert geben die Tondisteln am heutigen Donnerstag, um 18 Uhr, im Umweltzentrum, Henriettenstraße 5. Die Benefiz-Veranstaltung - die Höhe des Eintritts bestimmt jeder selbst - wird zugunsten der blinden Tänzerin Sristi KC ausgetragen, die Projekte unter dem Titel "Blind Rocks" in Nepal umsetzt. Informationen dazu sind im Internet zu finden unter www.blindrocks.org.

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