Kerzen gegen das Vergessen

Eine Initiative hält den Schicksalstag der Deutschen, den 9. November, in Erinnerung und ist für den nächsten Preis nominiert.

Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. An keinem anderen Datum liegen große Freude und unermessliches Leid enger beieinander. Ende des Kaiserreichs, Hitlerputsch, Reichspogromnacht und Mauerfall: deutsche Geschichte im Brennglas. Zum nationalen Gedenktag ist er trotzdem nie geworden. "Das ist ein bisschen schade", findet Daniel Dost von den Buntmachern. Die Initiative, die für den sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert ist, hat im vergangenen Jahr die Aktion "Lichterwege" ins Leben gerufen. Bei der zweiten Auflage am Samstagabend spazierten rund 200 Menschen mit Kerzen vom Kaßberg-Gefängnis zum Luxor, zum Archäologiemuseum und zum Karl-Marx-Kopf. Etliche Teilnehmer einer vom Bündnis Chemnitz Nazifrei organisierten anderen Demo, die zuvor über den Kaßberg zu verschiedenen Stolpersteinen führte, schlossen sich an. Trotzdem waren die Veranstalter mit der Resonanz nicht ganz zufrieden, zur Premiere im vergangenen Jahr habe man mehr Menschen mobilisieren können. "Aber da war das Wetter besser und das gesamte Klima in der Stadt wegen der Vorfälle rund ums Stadtfest noch aufgeheizter", sagte Dost.

Am Kaßberg-Gefängnis, in dem im November 1938 14 jüdische Männer über Wochen festgehalten wurden, bevor diese mit 172 weiteren in der Reichspogromnacht festgenommenen Menschen ins KZ Buchenwald verschleppt wurden, erinnerte Rafael Wertheim von der jüdischen Gemeinde an die Schrecken der Vergangenheit. "Die Juden wurden gezwungen, der Zerstörung der Synagoge am Stephanplatz beizuwohnen. Außerdem wurden der Gemeinde 35.905 Reichsmark für die Beseitigung der Trümmer in Rechnung gestellt", erzählte er. Worte, die Wirkung zeigten. "Das ist alles so bewegend. Veranstaltungen wie diese müsste es öfter geben", sagte Teilnehmerin Heike Enderlein. Charlotte Bohley sah es ebenso. "Die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit muss lebendig gehalten werden." Auch Gudula Bartosch geht die unerfreuliche Seite des 9. November sehr nahe. "Mein erster Besuch in Buchenwald - das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Und heute habe ich Angst, dass sich die Geschichte wieder in diese Richtung dreht", betonte sie. Der 9. November als Freudentag, als Tag des Mauerfalls, sei ihr dagegen weniger präsent. "Wir wollten damals Reformen. So wie sich das dann entwickelt hat, war nicht alles gut."

Den Rückblick lieferte Hartwig Albiro am Luxor. Der ehemalige Schauspieldirektor war mittendrin, als sich am 7. Oktober 1989 ein Schweigemarsch vom Vorplatz der damaligen Theater-Interimsstätte zur Zentralhaltestelle in Gang setzte und die friedliche Revolution in Chemnitz ihren Anfang nahm. "Alles stand auf des Messers Schneide. Es hätte ein Blutvergießen geben können", so der 87-Jährige, der mit den Worten schloss, aus der Erinnerung Kraft für die Zukunft zu ziehen.

4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    4
    Freigeist14
    11.11.2019

    ArndBemen@ wenn Sie sich auf den Runden Tisch 1989 beziehen .....dort saßen Sozialisten und Kommunisten der Vereinigten Linken und der SED/PDS .

  • 6
    5
    ArndtBremen
    11.11.2019

    @Black: Ich hatte meinen Schreibfehler bereits korrigiert! Und ja, es war ein Schreibfehler. Ihre Interpredation dürfen sie sich schenken.

  • 10
    10
    gelöschter Nutzer
    11.11.2019

    "Ebenso wenig wir Hetzer und Spalter der Gesellschaft."

    Freudscher Versprecher?

  • 7
    8
    ArndtBremen
    11.11.2019

    Den Rückgang der Teilnehmerzahlen auf das Wetter zu schieben, ist doch albern. Vielleicht liegt es daran, daß keine klare Positionierung stattfindet. Die Botschaft der Novembertage kann und muss lauten: Nie wieder Faschismus und nie wieder sozialistisch, kommunistische Diktatur. Neonazis und Neokommunisten gehören nicht in unsere Demokratie. Ebenso wenig wir Hetzer und Spalter der Gesellschaft. 89 gab es ein wirksames Instrument: den "Runden Tisch". 30 Jahre danach bleiben die Stühle leider leer.



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