Kinder spielen Demokratie in Mittelalter-Ambiente

Eine Gruppe von Jungen und Mädchen entwickelt während der Ferien eine Parallelgesellschaft. Es gibt erstaunliche Ähnlichkeiten zur echten Politik.

Schloßchemnitz.

Der achtjährige Ian ist sauer. Jemand hat die Tür des Postgebäudes kaputt und sich danach aus dem Staub gemacht. Jetzt muss er gemeinsam mit Florian, neun Jahre alt, den aus großen Pappkarton-Platten bestehenden Eingangsbereich reparieren. "Die Polizei kümmert sich ja nicht", schimpft der Junge.

Die Beamten sind im selben Alter wie Ian und Florian und machen auch beim Projekt Kinderstadt mit. Während der sechswöchigen Sommerferien, die am 2. Juli begannen, treffen sie sich wochentags von 8 bis 16 Uhr mit rund 30 bis 40 anderen Kindern auf dem Gelände des Schullandheims im Küchwald und spielen dort das Leben einer Stadt im Mittelalter nach. In den ersten Tagen sei lediglich auf dem Fußballplatz richtig was los gewesen, berichten die Betreuer. Das sei nun anders. "Wir sind positiv überrascht, wie sie die Stadt in die Hand genommen haben", sagt Jörg Theile vom Verein Auxilium Chemnitz, der die Kinderstadt organisiert hat.

Inzwischen hat die Stadt, die von den Kindern "Unicorn City", auf Deutsch Einhorn-Stadt, genannt wurde, ein Gasthaus, eine Post, eine aus Papp-Häusern gebaute Siedlung und sogar eine eigene Währung, den "Unicorn-Cent". Die Münzen werden von einer Art Zentralbank aus kleinen Holzscheiben gebastelt. Mit dem Geld bezahlen die Kinder zum Beispiel ihre Mahlzeiten. Wer nicht selbst beim Hausbau mit Hand angelegt hat, sondern bei anderen unterkommen will, muss auch Miete bezahlen. Geld verdienen können die Kinder, in dem sie einen der zahlreichen Berufe nachgehen. Die bereits erwähnten Polizisten werden genauso gebraucht wie Wächter, Schnitzer, Maler oder Reporter. Am meisten verdienen kann man als Finanzminister, Gastwirt oder Dachdecker. Die Mitarbeiter der Müllabfuhr und der Post bekommen hingegen am wenigsten.

Die Entscheidung, welche Berufe es gibt und wie viel man damit verdient, haben die Kinder selbstständig getroffen. Genauso wie die Gesellschaftsform, in der sie ihre Ferientage verbringen wollen. Anarchie, Monarchie und Demokratie standen zur Auswahl, nur eine Diktatur war von den Organisatoren ausgeschlossen. Die Kinder entschieden sich dafür, einen Volksvertreter zu wählen - jede Woche aufs Neue.

Die zehnjährige Melissa wurde vergangene Woche zur ersten Bürgermeisterin gewählt. "Durch mich ist es ruhiger geworden in der Stadt", sagt die Viertklässlerin nun zum Ende ihrer Amtsperiode. Als ihren größten politischen Erfolg verbucht sie, dass sie Beauftragte nominiert hat, die den Kindern beim Hausbau helfen. Weil sie die Stadt in Frieden halten möchte, tritt sie noch einmal an, begründet sie.

Das Spektrum der Gegenkandidaten ist ähnlich groß wie in der tatsächlichen Politik. Einer ihrer Herausforderer ist Marc, der Recht und Ordnungen bringen will und verspricht, dass Einkaufszentren gebaut werden, wenn er Bürgermeister wird. Dann ist da Colin Elias, auf dessen Wahlplakat einfach steht: "Wählt mich, weil ich dann entscheiden kann." Einer der Kritiker der amtierenden Bürgermeisterin ist der elfjährige Tim. "Melissa hat jeden gleich ins Gefängnis gesteckt, der etwas falsch gemacht hat", berichtet er. Natürlich wurden die Jungen und Mädchen nicht wirklich eingesperrt, machen die Betreuer klar. Das Gefängnis bestand ebenfalls aus Pappkartons, und der Ausbruch sei - im wahrsten Sinne - kinderleicht gewesen. Tim hat trotzdem eine andere Idee für eine Bestrafung derjenigen, die etwas falsch gemacht haben: "Sie sollen Mathe-Aufgaben lösen!" Bei der Wahl entschieden sich die Kinder letztendlich weder für Tim, noch für Melissa. Stattdessen hatte die zehnjährige Amelie die Nase vor, die auf ihrem Plakat für sich als Streitschlichterin warb.

Die Organisatoren hoffen, dass noch weitere Stadtbewohner hinzukommen. Das Projekt sei offen für alle Kinder zwischen sechs und 16 Jahren. Zu den wenigen Vorgaben, die die Betreuer machen, gehören die wöchentlichen Themen. Nach Wasser in der Vorwoche ist diese Woche Feuer dran. Ein Besuch der Feuerwehr musste aber wegen Personalknappheit abgesagt werden. "Holen wir nächstes Jahr nach", sagt Jörg Theile. Zwar ist er noch auf der Suche nach Privatleuten, die das Projekt unterstützen wollen. Aber er verspricht bereits, dass es auch 2019 eine Kinderstadt geben wird.

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