Kita-Umfrage des Freistaates empört Eltern und Erzieher

Mehr Geld, mehr Personal oder mehr Zeit - die Landesregierung will wissen, wo der Bedarf in der Kinderbetreuung am größten ist. Warum Betroffene in Chemnitz damit nicht zufrieden sind.

Vor wenigen Tagen hat der Freistaat eine Umfrage zur Kinderbetreuung gestartet. Aus dem Ergebnis will er lesen, worauf Eltern und Erzieher den größten Wert legen. Dabei gibt er vier Vorschläge vor (siehe Kasten). Betroffene haben darüber in der Kindertagesstätte "Röhrsdorfer Kinderwelt", die vom gleichnamigen Elternverein getragen wird, debattiert.

Kita-Leiterin Heike Parthum kritisiert die Politik des Freistaates: "Der seit über zehn Jahren gesetzlich bindende Sächsische Bildungsplan kann aufgrund fehlender Rahmenbedingungen nicht umgesetzt werden", sagt sie. Denn für ein individuelles, bedürfnisgerechtes Eingehen auf jedes einzelne Kind, wie es der Bildungsplan vorsieht, wäre ein Arbeiten in kleinen Gruppen erforderlich. Doch das sei mit einem Erzieher je zwölf Volltags-Kindergartenkinder nicht zu gewährleisten. Für mittelbare pädagogische Tätigkeiten wie die Vor- und Nachbereitung oder Elterngespräche müssten die Erzieher unbezahlte Freizeit opfern. "Uns vor die Wahl zwischen einem besseren Personalschlüssel oder mehr Vor- und Nachbereitungszeit zu stellen, ist fatal", so Parthum. "Wir brauchen beides".


Tagesmutter Sabine Eisfeld vom Verein Kindertagespflege Chemnitz ist von der Umfrage enttäuscht. "Wir finden uns nirgends wieder." Dabei wünschten sich die Tagesmütter und -väter angesichts des steigenden Bedarfs an ihren Leistungen mehr öffentliche Wertschätzung, eine höhere Bezahlung, eine bessere Absicherung im Krankheitsfall. Derzeit bekommen sie insgesamt 30 Tage Urlaub und Krankheit pro Jahr bezahlt.

Stadtelternratsvorsitzende Silke Brewig-Lange sieht bei der frühkindlichen Bildung in Sachsen seit Jahren kaum Fortschritte. "Immer wird auf irgendetwas gewartet, jetzt auf das Ergebnis der Umfrage", so ihr Vorwurf. Der Umfragebogen der Staatsregierung sei "wie ein Geschirrtuch, mit dem das Bettlaken ersetzt werden soll". Die Eltern forderten stattdessen Qualität, und die sei nun einmal teuer. Wenn sie sich für einen Vorschlag der Regierung entscheiden müsste, dann für mehr Zeit zur Vor- und Nachbereitung, empfahl sie.

Stadträtin Sabine Pester (Linke) versicherte, die geschilderten Probleme seien ihr auch als Mutter "allseits bekannt". Während die Stadt mit dem Bau neuer Kitas zur Absicherung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz eine "große Baustelle" zu bewältigen habe, schiebe der Freistaat mit seiner Umfrage den Eltern den Schwarzen Peter zu. Die vorgeschlagenen Verbesserungen der Betreuungsschlüssel und die Kürze des Umfragezeitraums seien "ein Witz".

Landtagsabgeordnete Marion Junge (Linke) erinnerte an die Kosten. So würde die Einführung des von der Bertelsmann-Stiftung empfohlenen Personalschlüssels 1 Erzieher für 7,5 Kindergartenkinder für Sachsen Mehrausgaben von 800 Millionen Euro im Jahr mit sich bringen. Ihre Fraktion werde vorschlagen, dieses Ziel bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Sieben Jahre vorher soll als Zwischenschritt der von den Wohlfahrtsverbänden geforderte Schlüssel von 1:10 erreicht werden.


Was die Staatsregierung Eltern und Erziehern vorschlägt

Noch bis 1. Mai führt die Sächsische Staatsregierung eine Kita-Umfrage durch. Zur Teilnahme aufgerufen sind alle Kita-Leitungen und Erzieher sowie die Eltern der etwa 310.000 Kinder, die in Sachsen in Kindergärten, -krippen und Horten betreut werden. In einem Fragebogen können vier Vorschläge zur Verbesserungen der frühkindlichen Bildung mit einem Punktesystem bewertet werden.

Diese Vorschläge gibt es:

1. Gewährung von wöchentlich je zwei Stunden zusätzlicher Zeit für mittelbare pädagogische Tätigkeiten für alle Erzieherinnen und Erzieher.

2. Verbesserung des Personalschlüssels in der Krippe von jetzt einem Erzieher für fünf Kinder auf 1:4,8; im Kindergarten von 1:12 auf 1:11,5; im Hort von 0,9:20 auf 0,9:18,5.

3. Zusätzliche Unterstützung von Kitas mit besonderem Bedarf durch Landesprogramme.

4. Gewährung eines frei verwendbaren Finanzbudgets für jede Kindertageseinrichtung, um zusätzliche pädagogische Angebote zu bezahlen.

Darüber hinaus können weitere eigene Vorschläge für Verbesserungen der frühkindlichen Bildung unterbreitet werden.

Die Ergebnisse der Umfrage sollen im nächsten Doppelhaushalt 2019/20 des Freistaates berücksichtigt werden.www.kita.sachsen.de

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