Klassenräume wegen Schadstoffen gesperrt

In mehreren Einrichtungen ist eine Chemikalie nachgewiesen worden, die als gesundheitlich bedenklich eingestuft wird. Die jetzt geplanten Sanierungen gehen einigen Stadträten nicht weit genug.

Aufmerksam sind Lehrer und Schüler durch einen merkwürdigen Geruch in einigen Klassenräumen geworden: modrig, nach Mottenkugeln und Teer. Nach Untersuchungen des Gesundheitsamtes hatte Ingo Hunger, Leiter der Industrieschule, Gewissheit: In sechs Zimmern seiner Einrichtung am Park der OdF wurde Naphthalin festgestellt. Dabei handelt es sich um einen farblosen Kohlenwasserstoff. Verwendet wurde er früher in Mottenkugeln sowie im Bauwesen in Parkettklebern und Dachpappen. In der Industrieschule wurde er in der Teerpappe nachgewiesen, die unter dem Fußbodenaufbau liegt.

Naphthalin gilt als gesundheitsschädlich. Belastbare Studien zu Auswirkungen auf den Menschen gibt es laut Umweltbundesamt jedoch nicht. Der Richtwert für Innenräume von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft orientiere sich an Experimenten mit Ratten. Bei den Tieren trat eine Schädigung der Nasenschleimhaut auf. Das europäische Gefahrstoffrecht stuft Naphthalin als krebsverdächtig ein.

In der Industrieschule wird der Richtwert um ein Mehrfaches überschritten. In einigen Räumen wurden nach Angaben von Baubürgermeister Michael Stötzer mehr als 80Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen. Ein Teil des Hauses wurde daraufhin geschlossen. Die Schüler sind nun im Hauptgebäude mit untergebracht. Unterricht sei bisher nicht ausgefallen, aber: "Wir sind an der Kapazitätsgrenze", sagt Hunger. Inzwischen hat Stötzer einen Zeitplan für die Sanierung des so genannten Eisenbahnergebäudes vorgelegt, wie aus der Antwort auf eine Ratsanfrage der Links-Fraktion hervorgeht. Im Sommer 2018 sollen die Arbeiten beginnen. Vorgesehen ist, den Fußboden herauszureißen und neu zu errichten. Der Bürgermeister rechnet mit einer Bauzeit von einem Jahr, sodass voraussichtlich erst mit dem Schuljahr 2019/20 das jetzt gesperrte Gebäude wieder genutzt werden kann.

Die Industrieschule ist allerdings nicht das einzige belastete öffentliche Gebäude in der Stadt. Nach Rathaus-Angaben sind insgesamt vier Schulen und eine Kindertagesstätte von Naphthalin betroffen. Als Ursache wurden jeweils teerhaltige Bauprodukte ermittelt, so ein Sprecher. Naphthalin stecke in Sperrschichten in Wand, Boden und Dach.

Im Förderschulzentrum Pestalozzi auf dem Sonnenberg wurden die unangenehmen Gerüche im April 2015 festgestellt. Das Parkett in den Unterrichtsräumen war mit teerhaltigem Kleber verlegt worden. Die Schadstoffe wurden laut einem Stadtsprecher entfernt. Ende Dezember soll die Förderschule die Räume wieder nutzen können.

Für die Kita an der Pestalozzistraße, wo ebenfalls Naphtalin nachgewiesen wurde, prüfe die Stadt derzeit, ob die Sanierung im Herbst 2018 beginnen kann. Geplant war sie ursprünglich für 2020. Bisher wurde in Abstimmung mit Gesundheits- und Jugendamt ein neues Lüftungssystem eingerichtet. "Das ist keine zufriedenstellende Lösung", so der Stadtsprecher. Nach Ausweichmöglichkeiten werde gerade gesucht, damit die Kita Ende März vorübergehend umziehen kann.

Im Berufsbildungszentrum an der Schloßstraße sind die Maßnahmen hingegen bereits abgeschlossen. Vier Zimmer waren betroffen, sagt Schulleiter Wolfgang Ullmann. Auch hier steckte das Naphthalin im teerhaltigen Parkettkleber. Die Schüler mussten auf andere Räume ausweichen. Mittlerweile sind die Zimmer wieder freigegeben.

Verwirrung herrschte im Fall der Flemming-Grundschule in Altendorf. Fälschlicherweise war die Schule in der Antwort auf eine Ratsanfrage der AfD als "GS Flemmingstraße" gelistet. Auf Nachfrage von "Freie Presse" räumte die Stadt ein, dass es sich dabei um einen Schreibfehler handle.

Schulleiterin Jana Seidel wusste davon auch nichts. Ihr sei nicht bekannt, dass in ihrer Schule Naphthalin ausgetreten sein soll. Die Grundschule werde seit 2016 komplett saniert, so Seidel. Der Unterricht finde seitdem in einem Ausweichgebäude in Rottluff statt. Ab 2018 will die Grundschule erstmals vier erste Klassen bilden. "Das Naphthalin wurde erst während der Sanierungsarbeiten festgestellt", erläutert der Stadtsprecher. Da die Belastung im Zuge der Maßnahmen ohnehin beseitigt werde, habe ihm zufolge kein Anlass bestanden, die Schulleiterin darüber zu informieren.

Der AfD-Ratsfraktion gehen die Sanierungsabsichten für die Schulen, wo die chemische Verbindung nachgewiesen wurde, nicht weit genug. Sie fordert Raumluftmessungen in allen kommunalen Schulen und Kitas. Die Ergebnisse sollen halbjährlich vorgelegt werden. Über einen entsprechenden Beschlussantrag entscheidet der Stadtrat in seiner Januar-Sitzung. Außerdem sollen nach AfD-Vorschlag in allen Einrichtungen so genannte Luftgüteampeln eingesetzt werden. (mit dy)

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