Kopf hoch! Was eine Fotoaktion in der Innenstadt will

Bilder von Menschen, die auf ihr Handy starren, sind im Zentrum zu sehen. Für die Kuratorin geht es um mehr als um Kunst.

Ein Paar, das sich den Rücken zudreht und jeder blickt auf sein Handy. Ein Schüler, der auf sein Telefon schaut, eine kinderwagenschiebende Frau, die mit gesenktem Kopf auf ihr Smartphone blickt. Solche Szenen lassen sich jeden Tag auf der Straße beobachten. Doch jetzt sind genau solche Bilder auch an einigen Glasfassaden der Innenstadt zu sehen. Zum Beispiel in dem Durchgang zwischen Galeria Kaufhof und Parkhaus, an einem Optiker-Geschäft am Jakobikirchplatz und am Hochhaus im Rosenhof.

Die Menschen auf den Fotos sehen ganz normal aus. Auffallend ist nur, dass ihre Gesichter weiß übermalt sind. So werden sie zu anonymen, austauschbaren Wesen. Die Bilder stammen von der chilenisch-bolivianischen Multimediakünstlerin Yayo Tavolara.

Nach Chemnitz geholt hat die elf Bilder Dina Sinelnikova. Die 32-Jährige gebürtige Russin arbeitet in einem Unternehmen, das Maschinen und Anlagen für den russischen Markt zertifiziert. Studiert hat sie aber Kunstgeschichte und Denkmalpflege in Berlin und Dresden. "In der Branche ist es schwierig, in Sachsen eine Arbeit zu finden", erklärt sie. Um ihrer Leidenschaft trotzdem treu zu bleiben, legte sie noch einen Kuratoren-Kurs obendrauf, den sie im vergangenen Jahr abschloss. Die Fotoausstellung "Mirage of Presence" (Trugbild der Gegenwart) ist das erste von ihr realisierte Projekt. Es sei im Grunde nicht nur Kunst, sondern ein soziales Projekt. Die Menschen sollen aufgerüttelt und zum Nachdenken angeregt werden, sagt Sinelnikova. Es sei immer mehr zu beobachten, dass sie aus der realen in die virtuelle Welt flüchten. Mit den Fotos sollen die Passanten wieder ins Hier und Jetzt geholt werden.

Ob's klappt? Am Wochenende ließen die meisten Passanten die zwei Meter hohen Bilder eher links liegen oder nahmen sie als Werbung wahr, die das Gehirn gelernt hat zu ignorieren. Aber vielleicht lag es auch daran, dass die meisten nach unten auf ihr Handy schauten.

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