Kosmos: Party, Musik, Debatte

Es war ein Experiment: Die Macher von "Wir bleiben mehr" wollten mit Konzerten, Diskussionsrunden, Sport und Theater die Chemnitzer Innenstadt bunt machen. Wie der 4. Juli 2019 verlief.

Musik und Theater: Mittagessen mit Krambambuli, heißt es im Stadthallenpark. Einige Dutzend Zuhörer folgen der Aufforderung, lassen sich im Schatten nieder und lauschen den Jazz-, Tango- und Swing-Liedern der Dresdner Band.

Bei der Band Provinz ist der Name die Herkunft - sie stammt aus dem oberschwäbischen Ravensburg. Sie sorgt am Nachmittag dafür, dass so viele Teenager wie wohl noch nie gleichzeitig die Kunstsammlungen bevölkern. Deutlich mehr als 100 junge Leute singen mit.


DJ D.I.S. aus Chemnitz eröffnet den Nachmittag am Johannisplatz. Die Sets der DJs werden live im Internet übertragen. Überhaupt nimmt das Bühnenprogramm am Nachmittag Fahrt auf. Auf der Hauptbühne spielt zunächst Rhythm'n'Blues-Sängerin Lary, das Publikum tanzt zu ihrer Interpretation des Songs "Stummer Schrei nach Liebe". Auf der Atomino/AJZ-Bühne am Wall spielt Mia Morgan, eine Popsängerin aus Kassel.

Liedermacher Joris aus Bremen hat in Chemnitz offensichtlich eine große Fangemeinde: der Platz vor der Hauptbühne an der Brückenstraße ist ab 16.20 Uhr gut gefüllt. Joris sitzt am Klavier, das Publikum klatscht. "Kann mich irgendjemand hören", singt Joris - ja, Chemnitz!

Am Abend spielt die Hamburger Rockband Tocotronic auf der Bühne an der Brückenstraße "Hey du" - ein Stück gegen Erniedrigung und Ausgrenzung. Danach tritt dort Rapper und Sänger Alligatoah auf. Bis auf den Frontmann trägt die Band gelbe Bademäntel, er selbst kommt mit gelbem Anzug. Felix Kummer singt mit - im gelben Blazer.

Der syrische Musiker Omar Souleyman trifft den Nerv des Publikums: Beim Hit "Warni, Warni" tanzen fast 500 Leute am Johannisplatz. Das bleibt auch so, als Loveparade-Gründer Dr. Motte auflegt. Höhepunkt am späteren Abend: Herbert Grönemeyer auf der Hauptbühne.

Wort und Debatte: Am Vormittag findet in den Räumen des ehemaligen Mode-Kaufhauses Xquisit an der Straße der Nationen ein Workshop statt. Thema: Menschenrechte. Schüler einer 8. Klasse des Andrégymnasiums machen sich Gedanken darüber, welche Erfahrungen sie mit ihrem eigenen Vornamen gemacht haben. Fast jeder Schüler hat schon Diskriminierung beobachtet oder selbst erlebt - wegen der Hautfarbe, der Körpergröße, der Frisur, des Herkunftslandes oder weil er nicht die richtigen Klamotten trägt. Fazit: "Diskriminierung steckt an jeder Ecke, sogar zu Hause."

Unter dem Titel "Bewegt was! - Ohnmacht umdenken" findet am Nachmittag in der alten Xquisit-Ladenzeile eine weitere Diskussionsrunde statt. Auf dem Podium sitzen unter anderen Zeit-Redakteurin Anne Hänig, der Chemnitzer Künstler Jan Kummer und Greenpeace-Deutschland-Chef Roland Hipp. Das Podium spricht unter anderem über Carola Rackete und das Dilemma der Seenotrettung.

Am Abend spricht Ferenc Csák, Projektleiter der Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025, im Panorama-Restaurant des Dorint-Hotels: "Das heute ist ein Vorgeschmack darauf, wenn Chemnitz Kulturhauptstadt ist. Dann werden täglich mehrere tausend Menschen in Chemnitz sein."

In den Kunstsammlungen liest am Abend Harvard-Professor Daniel Ziblatt aus seinem Bestseller "Wie Demokratien sterben". Der Saal ist voll. "Harte inhaltliche Auseinandersetzungen sind Teil der Demokratie. Aber das funktioniert nur, wenn alle die Spielregeln akzeptieren", so Ziblatt.

Im Ex-Xquisit diskutieren Jugendliche und junge Erwachsene am Abend über ihre Generation. Die habe so viele Möglichkeiten, suche aber nach Orientierung, sagt eine Rednerin. Es gebe einen Teufelskreis aus Überforderung und Ausreden, der durchbrochen werden müsse. "Steht einfach mal früh auf und geht es an", rät sie.

Auch im Archäologiemuseum wird es am Abend voll: David Mayonga liest, es gibt nicht einen freien Platz mehr, viele sitzen auf dem Boden. Mayonga sieht sich eigentlich als Musiker, jetzt hat er aber ein Buch geschrieben - gegen Alltagsrassismus. Der sei unglaublich individuell, sagt er. Er erlebe einen ganz anderen als eine schwarze Frau. Wer das Wort "Neger" nicht böse meint, wisse nicht, wie verletzend es ist. Mayonga ist überzeugt: "Ein kleines bisschen sind wir alle rassistisch." Sogar er selbst habe schon gedacht, als er einen dunkelhäutigen Herrn traf: Boah, spricht der gut Deutsch. Später fügt er hinzu: "Rassismus ist nicht mein Problem, sondern das Problem von uns allen."

Im Dorint-Hotel spricht am Abend Bruno Inácio aus dem portugiesischen Faro, das 2027 Kulturhauptstadt werden will. Inácio hat ein Dachterrassen-Festival in seiner Stadt organisiert. Er sagt, Dächer sollten mehr genutzt werden. Wer seine Stadt regelmäßig von oben sehe, verändere auch seine Einstellung zur Stadt.

Sport und Gaudi: Am Nachmittag steigt an der Haase-Fabrik nahe dem Stadtbad ein Basketballspiel mit prominenten Teilnehmern. Neben einigen Niners-Spielern treten Kraftklub-Frontmann Felix Kummer und Bassist Karl Schumann sowie LAC-Dreispringer Max Heß an. Star im Basketball-Team, das gegen die Kraftklub-Musiker spielt, ist Niners-Kapitän Malte Ziegenhagen. Zur Begrüßung sagt der zu Felix Kummer: "Wir machen euch fertig!" Daraus wird aber nichts. Das Team Felix gewinnt vor etwa 200 Zuschauern mit 26:20.

Essen und Schlafen: Anders als beim "Wir sind mehr"-Konzert im Sommer 2018 klappt es diesmal mit der Versorgung: Bei den Bäckern in der City sind die Auslagen ordentlich gefüllt mit Brötchen, Gebäck und Snacks. Im Rewe am Wall ist am Abend allerdings so viel los, dass Sicherheitskräfte Kunden nur blockweise hineinlassen. Draußen bildet sich eine Schlange.

Kostenloses Camping bietet das Kulturhaus Arthur auf dem Kaßberg an. Mittags waren noch alle Plätze leer, fünf Zeltplätze seien aber reserviert, berichtet ein Arthur-Verantwortlicher. Am Nachmittag treffen die ersten Camper ein.

Politik und Wirtschaft: Gegen Mittag gibt es auf dem Düsseldorfer Platz eine Gesprächsrunde zur Zukunft der Stadtmobilität. Vertreter von sechs Firmen aus Chemnitz, die alle im Bereich automatisiertes Fahren forschen, sitzen auf dem Podium. Zuschauer gibt es kaum, die Runde bleibt weitgehend unter sich.

Am Wall haben verschiedene Nichtregierungs-Organisationen Stände aufgebaut. Vertreten sind der Sächsische Flüchtlingsrat, der Chemnitzer Verein Different People, Greenpeace, Mission Lifeline, SOS Méditerranée und die "Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners".

Eine weitere Diskussionsrunde zum Thema Wirtschaft gibt es am Nachmittag in den Kunstsammlungen. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft CWE und mehrere Vereine haben Unternehmen eingeladen, um über die Stadt und ihre Entwicklung zu diskutieren. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig betont, dass die Stadt Zuwanderung brauche. "Wir werden bereichert, wenn Menschen zu uns kommen", sagt sie. Firmen müssten bei der Personalsuche offen sein, fordert Ludwig. Karsten Schulze vom Mobilitätsdienstleister FD-Tech sagt: "Unsere ausländischen Mitarbeiter bereichern uns kulturell und unser Know-how." Mitarbeiter aus zwölf Nationen arbeiten dem Geschäftsführer zufolge für FD-Tech.

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