Kretschmer: Für Großveranstaltungen bis auf Weiteres keine Perspektive

Sachsens Ministerpräsident in einer Internet-Übertragung aus dem Chemnitzer "Kraftverkehr" über Corona-Politik und die Proteste dagegen.

Chemnitz.

Zwei Moderatoren und ein Gast in großem Abstand zueinander, dazu eine Band auf der Bühne und keinerlei Zuschauer im Raum: Für eine so überschaubare Runde ist die alte Omnibushalle des Karl-Marx-Städter Kraftverkehrs eigentlich nicht vor drei Jahren zum Veranstaltungszentrum aufgemöbelt worden. Aber es sind die Tage der neuen Ideen, der Anpassung und der Improvisation. Das Moderationsteam: eine Journalistin und ein in Chemnitz sehr beliebter Sportler. Der Gast: der sächsische Regierungschef, der am Montagabend in Chemnitz für eine Internet-Liveshow vorbeischaut. Bis zu 125 Interessenten haben direkt zugesehen. Der Mitschnitt ist online weiter verfügbar.

Die Atmosphäre: freundlich, nicht konfrontativ, umrahmt von Stimmungssongs mit Botschaft von den "Arbeitslosen Bauarbeitern". Es ist der Vorabend weiterer Beschlüsse, die den Weg in eine Normalisierung des Lebens mit Corona ebnen sollen. "Wir haben die Philosophie geändert", erklärt Michael Kretschmer zu Beginn und kommt im Laufe des Gesprächs immer wieder darauf zurück. "Vor zehn Wochen, ganz am Anfang, wussten wir nur, dass man sich durch ganz normales Verhalten anstecken kann. Aber sonst wussten wir wenig. War es wie bei Masern, die man sich einfangen kann, wenn man nur denselben Raum betritt, in dem vorher mal ein Infizierter war? Heute wissen wir, dass ein Mundschutz und 1,50 Meter Abstand in aller Regel reicht. Also gilt jetzt, weg von den Verboten. Alles ist erlaubt, solange der Mundschutz, Abstand und Hygiene stimmen. Und so machen wir jetzt weiter."

"Und wenn die Infektionsrate wieder steigt?", fragt Peggy Fritzsche, die Moderatorin. Ohne die Vernunft des Einzelnen, sagt Kretschmer, gehe es nicht. Er habe auch nichts gegen Streit, Kritik und Proteste, sie sollten aber nicht das Erreichte gefährden. "Ich hoffe, wir kommen nicht wieder in eine Zeit, in der bei einer Geburtstagsfeier 30Leute sind, darunter ein Arzt und ein Physiotherapeut, und vier Tage später sind 400 Leute infiziert."

Die neuen Regeln, auch das machte Kretschmer klar, würden nicht allen Unternehmen aller Branchen eine wirtschaftlich tragbare Betätigung erlauben. Einige Zuseher des Livestreams fragten direkt nach, und Moderator Malte Ziegenhagen, Kapitän des Chemnitzer Basketballteams "Niners", gab die Fragen an Kretschmer weiter. Insbesondere die Veranstaltungsbranche sei womöglich bis nächstes Jahr auf Hilfen angewiesen. Das sei auch im Bund angekommen. Für Großveranstaltungen mit über 1000 Besuchern gebe es bis auf Weiteres keine Perspektive. Kretschmer riet dazu, sich nach neuen Lösungen umzuschauen: "Wir sprechen mit Schaustellern, wie wir Weihnachtsmärkte machen können. Es geht darum, sich auf den Weg zu machen, mehr zu machen als nichts." Auch bei Busunternehmen sehe er Hilfebedarf: "Können Sie sich vorstellen, dass bald wieder 50 Leute in einen Bus steigen, um nach Südtirol oder England zu fahren?"

Für die derzeitigen Proteste zeigte Kretschmer Verständnis, insoweit es Zweifel an den Maßnahmen der Regierung betrifft. Alles unterliege im Rechtsstaat einer Prüfung durch die Justiz. "Es sind aber auch Leute dabei, denen es nicht um die Krankheit geht, die einfach immer Stimmung machen. Schauen Sie, mit wem Sie auf der Straße stehen."


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