Kriminalität in der Stadt: Wird es wirklich immer schlimmer?

Chemnitz diskutiert: Wie kann die Stadt sicherer werden? Eine Bestandsaufnahme vor dem Workshop mit "Freie Presse"-Lesern am Dienstag.

Was meinen die Chemnitzer?

Vier von zehn Einwohnern fühlen sich tagsüber in der Stadt unsicher, nachts sind es sogar 75 Prozent. Das hat im Frühjahr eine kommunale Bürgerumfrage des Rathauses ergeben. Daran hatten sich mehr als 2600 Chemnitzer über 18 Jahre beteiligt. Auffällig: Im eigenen Stadtteil wird die Lage im allgemeinen etwas positiver bewertet. Dort fühlen sich tagsüber 82,5 Prozent der Befragten sicher, nachts sind es 61,2Prozent. In der öffentlichen Diskussion und in sozialen Netzwerken ist seit mehreren Jahren von einem mehr und mehr schwindenden Sicherheitsgefühl die Rede.

Was sagt die Polizeistatistik?

Im Schnitt ereignen sich im Stadtgebiet etwa 63 Straftaten pro Tag (ohne ausländerrechtliche Delikte) - das macht rund 23.000 pro Jahr. Dieser Wert hat sich in den zurückliegenden Jahren praktisch nicht verändert, trotz mancher schlagzeilenträchtiger Straftatenserien etwa bei Wohnungs- und Kellereinbrüchen, Container- und Fahrzeugbränden, zerstochenen Autoreifen. Mit rund 93 Straftaten pro 1000 Einwohnern zählt Chemnitz - anders als Dresden und Leipzig - zu den 15 sichersten deutschen Großstädten mit über 200.000 Einwohnern. Unbekannt bleibt naturgemäß das sogenannte Dunkelfeld - Straftaten, von denen die Polizei nichts erfährt, weil sie nicht angezeigt oder etwa mangels Kontrollen nicht entdeckt werden.

Welche Auffälligkeiten gibt es bei einzelnen Delikten?

Anders als es das allgemeine Sicherheitsgefühl vermuten lässt, ist die Straßenkriminalität innerhalb von zwölf Jahren um fast die Hälfte zurückgegangen. Im vergangenen Jahr wurde hier mit knapp 3600 Straftaten der niedrigste Wert seit 2005 registriert. Völlig gegenläufig ist der Trend bei Körperverletzungen. Deren Anzahl nahm innerhalb von zehn Jahren um gut 50Prozent zu - auf zuletzt 1675 Fälle pro Jahr.

Welche Rolle spielt die Innenstadt?

Eine herausragende. Etwa jede vierte polizeilich registrierte Straftat findet im Stadtzentrum statt. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 5600 - das sind mindestens 15 pro Tag. Laut Zahlen des Landeskriminalamtes entfielen 2017 unter anderem 29,3Prozent aller sogenannten Rohheitsdelikte auf das Stadtzentrum. Dazu zählen Raub, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und dergleichen. Auch bei Diebstahl (31,1 Prozent) und Sexualstraftaten (19,1 Prozent) ist das Stadtzentrum überproportional vertreten.

Wann passiert in der Innenstadt besonders viel und wer wird dort Opfer von Kriminalität?

Eine Untersuchung der "Freien Presse" im Sommer dieses Jahres ergab, dass Gewaltstraftaten wie Raub und Körperverletzungen in der Innenstadt nahezu ausschließlich spät abends und nachts vorkamen. Dazu wurden die offiziellen Medieninformationen der Polizei über mehrere Wochen hinweg ausgewertet. Ein weiteres Ergebnis: Vor allem junge Leute bis 30 Jahre kamen zu Schaden. Nur vier von 28 erfassten Opfern waren älter als 40 Jahre; der älteste Geschädigte war 59.

Welche Rolle spielen ausländische Straftäter?

Ihr Anteil an allen erfassten Tatverdächtigen ist seit 2013 von 18,9 auf 28,2 Prozent gestiegen. Bei einigen Delikten liegen die Werte aber auch deutlich darüber. Beispiel Raubüberfälle auf offener Straße im Stadtzentrum im vergangenen Jahr: 16 der 19ermittelten Tatverdächtigen waren nichtdeutscher Herkunft. Bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen im Zentrum lag der Anteil bei 64 Prozent. Etwa die Hälfte von ihnen waren Jugendliche und Heranwachsende bis 21 Jahre.

Was tut die Stadtverwaltung zur Verbesserung der Lage, was macht die Polizei?

In den vergangenen Jahren wurde die Zusammenarbeit zwischen dem Ordnungsamt der Stadt und der Polizei ausgebaut. Der Stadtordnungsdienst, der weniger Vollmachten besitzt als die Polizei, ist personell aufgestockt worden und soll nun nochmals um die Hälfte erweitert werden, auf dann bis zu 35 Mitarbeiter. Auch die Polizei will laut Innenminister Roland Wöller künftig wieder mehr Personal in Chemnitz vorhalten. Bei sogenannten Komplexkontrollen zur Bekämpfung der Straßen- und Rauschgiftkriminalität sind einmal im Monat je rund 100Beamte zeitgleich im Einsatz. Technisch wurde ebenfalls aufgerüstet: Dieser Tage gehen zwischen Zentralhaltestelle, Roter Turm und Stadthalle zahlreiche neue Überwachungskameras in Betrieb. Auch eine Waffenverbotszone wird diskutiert.

Gibt es weitere Schwerpunkte im Stadtgebiet?

Angesichts der Maßnahmen für mehr Sicherheit in der Innenstadt hatten Experten frühzeitig auf zu erwartende Verdrängungseffekte in weniger stark kontrollierte Bereiche hingewiesen. Zuletzt stand vor allem der Stadtteil Sonnenberg häufiger im Fokus.

Wie beurteilt die Polizei die aktuelle Situation?

Bei Straßen- und Gewaltkriminalität gibt es laut einer Sprecherin im Vergleich zum Vorjahr derzeit kaum Veränderungen, bei Rauschgiftdelikten sei ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Der allerdings könnte auf intensivere Kontrollen zurückgehen. Über das gesamte Straftatenspektrum hinweg - vom Ladendiebstahl bis zum Tötungsverbrechen - sei die Tendenz leicht rückläufig.

Bewertung des Artikels: Ø 3.6 Sterne bei 8 Bewertungen
7Kommentare
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  • 5
    1
    cn3boj00
    01.10.2018

    Man redet überproportional viel über Sicherheit und Ausländerkriminalität. Aus letzterer haben rechte Organisationen Profit gezogen und Ausländerhass in die Köpfe vieler menschen gepflanzt. Der richtet sich vorrangig gegen Asylbewerber, speziell und hauptsächlich gegen Muslime. Die genannten Zahlen geben aber keinerlei Aufschluss darüber ob das überhaupt berechtigt ist. Denn die Statistik unterscheidet zwisch "Deutschen" (also Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft - ungeachtet ihrer Herkunft und Religion) und Nichtdeutschen, also einfach allen anderen. Zu den Nichtdeutschen zählen aber nicht nur "illegale" Flüchtlinge, denen alles Übel von einer funktioniernden Propaganda angehängt wird, sondern auch legale EU-Ausländer. Wieviele der Ausländerdelikte werden beispielsweise von Rumänen, Bulgaren, Polen oder Litauern verübt? Es ist doch kein Geheimnis, dass hier teilweise bandenmäßige Kriminalität betrieben wird! Wieviel Straftaten kommen denn auf Asylbewerber im Verhältnis zur Gesamtzahl der hier registrierten, und wievile Prozent der EU-Ausländer, die sich hier aufhälten, sind straffällig? Dazu komt bandenmäßige Kriminalität, die von deutschtürkichen, deutschrussischen und vietnamesischen mafiösen Strukturen verübt wird.
    Das ist ein weites Thema. Gerade deshalb ist das in Verbiung bringen der gefühlt schlechten Sicherheitslage mit der Flüchtlingkrise bewusst herbeigeredet.
    Es reicht also bei weitem nicht, über Abschiebungen und ähnliches zu diskutieren.

  • 5
    11
    Einspruch
    30.09.2018

    @Moderator: Danke für die nachgelieferten Zahlen mit den vielen Ausrufezeichen.
    Sicher gibt es auch Zahlen, wie viele Opfer nichtdeutscher Herkunft im gleichen Zeitraum von Deutschen überfallen wurden?
    Da drängt sich mir auch ohne Antwort die Frage auf, wieso die sich jetzt bei uns unsicher fühlen sollten.
    Und, ich kann mir nicht vorstellen, das sich die Verhältnisse bei vollständiger Aufklärung aller Fälle signifikant andern würden.

  • 10
    4
    Moderator
    30.09.2018

    @Einspruch: Nein, "aller Raubüberfälle" wäre nicht korrekt. Richtig ist, dass 2017 (!) 84 Prozent der ermittelten (!) Tatverdächtigen bei Raubüberfällen auf offener Straße (!) im Stadtteil Zentrum (!) nichtdeutscher Herkunft waren, nämlich bei 16 von 19. Die Polizei hat jedoch nur in gut der Hälfte der insgesamt knapp 50 Fälle dort überhaupt Verdächtige ermitteln können. Im gesamten Stadtgebiet gab es 2017 mehr als 100 Raubüberfälle auf offener Straße - also pro Woche etwa zwei.

  • 14
    13
    Einspruch
    29.09.2018

    Wenn ich da jetzt nicht irgendwelchen Stuss eingegeben habe, weil die Finger zu dick waren beim Tippen auf dem Rechner vom Handy, heißt das also übersetzt, das 84 Prozent aller Raubüberfälle von ausländischen Straftätern begangen werden. Die machen aber je nach Statistik nur 3-5 Prozent unserer Bevölkerung aus. Entweder stimmt das schon nicht mehr oder die Wahrscheinlichkeit, Nachts ungeschoren davon zu kommen, wenn man einem Ausländer begegnet, ist bald null. (Wenn die noch ein paar Prozent der Bevölkerung ausmachen). Oder sehe ich das jetzt falsch?
    Wie berechtigt sind da wohl Vorurteile oder die allgemeine Unschuldsvermutung?

  • 23
    12
    BlackSheep
    29.09.2018

    Fällt auf FP, wenn Ausländer in Chemnitz sich unwohl fühlen, gibt es ganz mitfühlende Artikel wie schwer die es haben, wie vor ein paar Tagen. Den Deutschen wird erzählt das alles nicht so schlimm ist und die sich das nur einbilden. Merkt ihr es selbst wie das wirkt?

  • 24
    10
    Distelblüte
    29.09.2018

    Ein guter, sachlicher Artikel, der das Hauptaugenmerk auf Fakten legt und nicht auf gefühlte Wahrheiten.

  • 30
    22
    ArndtBremen
    29.09.2018

    "Wird es wirklich immer schlimmer?" Schon die Frage ist eine Verhöhnung der Opfer jeglicher Gewalt in dieser Stadt. Egal, ob es "ein bisschen" oder "etwas mehr" schlimmer wird. Die Ursachen für die Kriminalität müssen aufgedeckt und bekämpft werden. Nicht die Symptome. Runkelsche Schönrederei hilft dabei erst recht nicht.



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