Kriminelle Jugendliche: Schwere Fälle nehmen zu

Polizei, Jugendamt und Staatsanwaltschaft wollen bei der Verfolgung junger Intensivstraftäter enger zusammenarbeiten. Bislang dauert es oft Monate bis zum Urteil.

Der jüngste Fall ist erst ein paar Tage her: Im Stadtzentrum werden zu später Stunde zweimal kurz hintereinander Passanten von jugendlichen Räubern attackiert. Sie versuchen, einer 62Jahre alten Frau die Handtasche zu entreißen; wenig später wird ganz in der Nähe ein 34-Jähriger mit einem Messer bedroht. In beiden Fällen sollen die Angreifer sehr jung gewesen sein. Von 14 bis 20Jahren ist die Rede.

Es sind nicht zuletzt Vertreter dieser Altersgruppe, die Polizei und Justiz zunehmend Sorgen bereiten. Der Anteil straffällig gewordener Kinder und Jugendlicher ist laut Polizei in den vergangenen Jahren sachsenweit gestiegen. "Schwerpunkte sind dabei Diebstahl und Einbruch, Rauschgiftdelikte, Sachbeschädigungen, Gewaltstraftaten, das Erschleichen von Leistungen", erläutert ein Polizeisprecher. Aber auch das Internet spiele als Tatort eine Rolle - bei Urheberrechtsverletzungen, Betrügereien, Beleidigungen.

Besonders im Fokus stehen Intensivtäter, die immer wieder auffällig werden. Allein in Chemnitz und Freiberg, den beiden größten Städten, für die die Polizeidirektion Chemnitz zuständig ist, hat sich die Anzahl jugendlicher Intensivtäter zwischen 2015 und 2017 nahezu verdoppelt - von 17 auf 33. Dabei handelt es sich um junge Leute, die mindestens mit fünf Straftaten oder zwei Gewaltdelikten auffällig wurden und von denen Polizei und Staatsanwaltschaft erwarten, dass sie weitere Straftaten begehen werden. Der überwiegende Teil von ihnen besitze die deutsche Staatsbürgerschaft, heißt es. Mehrere dieser Personen befänden sich in Haft.

Um der Entwicklung Einhalt zu gebieten, haben Polizei, Staatsanwaltschaft und die für die Jugendgerichtshilfe verantwortliche Stadtverwaltung Chemnitz zu Wochenbeginn eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Dabei geht es insbesondere um sogenannte Fallkonferenzen. Auf ihnen wird gemeinsam beraten, wie mit einzelnen Jugendlichen verfahren werden soll.

"Vorrangiges Ziel dabei ist es, sie aus ihrem kriminellen Umfeld herauszulösen, bevor sich ihr Verhalten bereits in jungen Jahren verfestigen kann", erläutert ein Polizeisprecher. Oftmals gehörten die Betroffenen zu Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig negativ beeinflussen. Mithilfe der Fallkonferenzen solle versucht werden, sich abzeichnende kriminelle Karrieren möglichst frühzeitig im Keim zu ersticken.

Das Wegsperren in Jugendhaftanstalten wird dabei aber auch künftig keineswegs das erste Mittel der Wahl sein. Für Jugendliche bis 18Jahre, bei Reife-Defiziten auch noch für junge Erwachsene bis 21Jahre, gilt in Deutschland ein besonderes Jugendstrafrecht, das vor allem auf Erziehung setzt - durch soziale Trainingskurse, das Ableisten von Arbeitsstunden oder Bemühungen zur Wiedergutmachung beispielsweise. Fruchtet das nichts oder wiegt die Straftat zu schwer, können bis zu vier Wochen Arrest oder bis zu zehn Jahren Jugendstrafe verhängt werden.

Ordnungsbürgermeister Miko Runkel erhofft sich von der Kooperation nicht zuletzt eine Beschleunigung der Verfahren. Denn folgt die Konsequenz einer Straftat gewissermaßen auf dem Fuße, ist der Abschreckungseffekt oft nachhaltiger, als wenn jede Menge Zeit ins Land geht, in der womöglich neue Delikte zu Buche schlagen. Die Realität indes sieht oft anders aus. So verging in Sachsen bei Verurteilungen zu Jugendarrest von der Straftat bis zur Rechtskraft des Urteils zuletzt im Schnitt etwa ein Dreivierteljahr.


Kommentar: Bevor es zu spät ist

Mehrere Tausend Tatverdächtige finden allein in Chemnitz Jahr für Jahr Eingang in die Polizeicomputer. Einigen wenigen Dutzend von ihnen soll künftig besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden - den jüngsten der besonders Auffälligen. Darf man sich davon entscheidende Effekte für die objektive Sicherheitslage und das subjektive Empfinden der Chemnitzer erhoffen? Da bin ich mir nicht sicher. Trotzdem ist das Zusammenrücken der Behörden gut, wenn es denn hilft, kriminelle Karrieren möglichst frühzeitig auszubremsen. Denn die Erfahrung zeigt: Mit fortschreitendem Alter wird es immer schwieriger, ein Leben in geregelte Bahnen zu lenken. Nicht selten wird das Gefängnis dann zum zweiten Zuhause - und das Risiko steigt, dass die Schwere der Straftaten zunimmt.

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2Kommentare
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  • 17
    8
    fschindl
    18.01.2019

    " Der überwiegende Teil von ihnen besitze die deutsche Staatsbürgerschaft, heißt es."
    bitte liebe Freie Presse...das könnt ihr sonst objektiver...bei einem Ausländeranteil von 8% erscheint dieser Satz erschreckenderweise in einem ganz anderen Licht..

  • 13
    5
    Deluxe
    18.01.2019

    Ein weiterer Beleg für einen insgesamt wirkenden Werteverfall in dieser Gesellschaft.

    Solange die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, wird das auch nicht besser. Zuviele Eltern leben in ständiger Existenzangst - und Angst essen bekanntlich Seele auf. Die Kinder trifft es zuerst.

    Und am anderen, dem extrem reichen Ende der Gesellschaft, sorgt das (zuviel) vorhandene Geld ebenfalls für eine Entfremdung von der Realität und von der sozialen Verantwortung. Geld ist keine Alternative zu elterlicher Liebe.



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