Künstler verwandeln Kleingärten in Galerien

Das Festival Begehungen hat sich in diesem Jahr in einem Kleingartenverein eingenistet. Ein Thema führt von Chemnitz bis nach Kreta.

Leerstand umgestalten und nutzen. Darum geht es beim Festival Begehungen. Zum 15. Mal findet es ab Donnerstag in Chemnitz statt. Nach Gebäuden wie dem ehemaligen Kulturpalast Rabenstein und dem Poelzig-Bau an der Ulmenstraße geht es jetzt hinaus ins Grüne. "Jenseits von Beeten" lautet das Motto. Dafür hat sich der Verein, der das Festival organisiert, im Kleingartenverein "Vereinte Kraft" eingenistet. "Auch in Gartensparten gibt es Leerstand. Den wollen wir nutzen", beschreibt Linda Kolodjuk vom Verein. "Wir fragen uns, was da noch ist, außer Beeten, Gartenzwergen und Spießigkeit", fügt Anne-Katrin Timpel hinzu.

300 Künstler haben sich auf die Ausschreibung hin beworben, etwas weniger als in den vergangenen Jahren. Eingeladen wurden 23 Künstler, vor allem aus Deutschland. Vergangene Begehungen waren da internationaler. Das könnte, vermuten auch die Macher, am ur-deutschen Thema liegen. "Im Ausland muss man das Prinzip Kleingarten erst einmal erklären", so Timpel. Anekdote dazu am Rande: Sie berichtet von einem Geflüchteten in Deutschland, der die zahlreichen Kleingärten zunächst für Slums gehalten habe.

Von den 23 Künstlern haben fünf sogenannte Residenzen erhalten. Das heißt, sie leben und arbeiten seit vier Wochen in Chemnitz. Zwei Künstlerinnen im Programm der Begehungen kommen aus Chemnitz. Eine davon ist Verena Russell. Sie ist dabei, einer Gartenparzelle jegliche Farbe zu entziehen. Die Laube streicht sie grau und schwarz, über den Rasen wird ein grauer textiler Belag gelegt. Was entsteht, ist ein Gegensatz zu den bunten Gärten ringsherum, wie grauer Beton in der grünen Oase.

Nicht weit entfernt von ihr hat Deborah Jeromin aus Leipzig ihre Parzelle gestaltet. Eine lange Bahn aus Fallschirmseide flattert dort im Wind. Die Künstlerin hat selbst einen Kleingarten. Sie habe sich für die Geschichte des Vereins interessiert und stieß dabei auf das "NS-Seidenraupenzucht-Programm". Jeromin erklärt, dass die Wehrmacht für die Produktion von Fallschirmen Natur-Seide benötigte. Darum wurden in Kleingärten Maulbeerhecken gepflanzt, die eine Nahrungsquelle für die Seidenraupen sind. In extra dafür vorgesehenen Lauben wurden die Raupen gezüchtet, die Kokons dann an die Spinnhütte Celle geschickt, erklärt die Künstlerin. Auch in der Kleingartensparte "Vereinte Kraft" fand sie Maulbeerhecken. In ihrer Laube zeigt sie einen Lehrfilm der Wehrmacht, der als Anleitung zur Seidenraupenzucht diente. Tatsächlich sei die deutsche Seide für die Produktion von Fallschirmen genutzt worden, wenn sie auch nicht komplett ausreichte. Jeromin, die sich seit vier Jahren mit dem Thema befasst, hat ihre Recherche bis nach Kreta geführt. Dort sprangen 1941 10.000 deutsche Fallschirmspringer ab. Kreta blieb bis 1944 besetzt. Jeromin sprach mit den Frauen auf Kreta über die Verbrechen der Wehrmacht auf der Insel und darüber, was aus den Fallschirmen wurde. Ein Film darüber ist ebenfalls in der Laube zu sehen.

Von außen unscheinbar wirkt die Hütte im Garten von Insa Schülting aus Wuppertal. Doch sie hat es in sich. Der Besucher entdeckt drinnen ein Gewirr von organisch wirkenden Strukturen, gefertigt aus dem Papier von Werbeprospekten. In der Laube wuchert es genauso wie vor der Tür im verwilderten Garten.

Die Idylle gebrochen wird in der Arbeit von Yiannis Pappas. Der Grieche aus Berlin hat in seiner Gartenlaube den Eingang zu einem - nicht vorhandenen - Keller gebaut. Eine Klanginstallation mit Geräuschen von Bombenangriffen, Flugzeugen und Schreien steht für den Krieg auf der Welt. Der Künstler sperrt ihn einfach weg in den Keller.


Festival geht bis Sonntag

Öffnungszeiten: Donnerstag 17 bis 20 Uhr, Freitag 15 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 12 bis 20 Uhr.

Im Rahmenprogramm ist am Donnerstag ab 20.30 Uhr der Sänger Dagobert mit einer Mischung aus Volksmusik und Synthiepop zu Gast. Am Freitag um 20 Uhr gibt es ein Konzert der experimentellen Musiker Ale Hop und Alex Stolze. Am Samstag 21 Uhr spielt der Medienkünstler Felix Kubin.

Die Gartensparte "Vereinte Kraft" befindet sich zwischen Clausstraße und Carl-von-Ossietzky-Straße. Zugang am besten von der Carl-von-Ossietzkystraße aus. (jpe)

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1Kommentare
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  • 3
    0
    MatthiasH
    17.08.2018

    Ein wirklich gelungenes Kunstprojekt in dem die Künstlerin einen weiten Bogen spannt, von der Seidenraupenzucht in der NS- Zeit bis zu aktuellen Problemen von Heute. Ihre Weltsicht zeigt sich insbesondere bei der Installation des mit Blut bespritzten "Flüchtlingsbootes" gestandet an den kargen Mittelmeer- Stränden Südeuropas. Der Interpretation der Installationen wird ein breites Spektrum eingeräumt. Den Kleingarten zu öffnen für unsere Neubürger aus den Bürgerkriegsländern ist das erklärte Ziel der heutigen Generation Kleingärtner. Ein Farbklecks für jede mit dem Problem der fehlenden Mitglieder kämpfendende Kleingartensparte, wäre das intensive Bemühen, Flüchtlingfamilien ein attraktives Freizeitangebot mit Integrationsmöglichkeit zu schaffen. Den brachliegenden Flächen im Land ein neues Gesicht zu geben ist wohl der Anspruch der Künstlerin. Das in einer Kleingartensparte zu versuchen ist aller Ehren wert und manifestiert auch den Anspruch von Chemnitz auf den Titel "Kulturhaupstadt Europas". Alles in allem eine sehr sehenswerte Kunstinstallation im Herzen von unserer Stadt. Weiter so, Chemnitz!



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