Ländliche Idylle zwischen Autobahn und Gewerbegebieten

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Röhrsdorf

Als Cornelia Henze im Herbst 2007 zum ersten Mal nach Röhrsdorf kam, hatte sie keine Wahl. "Die erste Pfarrstelle kann man sich nicht aussuchen, in sie wird man von der Landeskirche entsandt", erklärt die jetzt 45-Jährige, die aus dem Zittauer Gebirge stammt. Drei Jahre später hätte sie wechseln können, doch da habe sich die fünfköpfige Familie längst gut eingelebt in dem ländlichen Stadtteil im Nordwesten von Chemnitz. "Wir sind sehr gerne hier geblieben", erinnert sich die dreifache Mutter.

Denn obwohl nahezu eingeschlossen von zwei Autobahnen, mehreren Gewerbegebieten, einem Tanklager und einem großen Umspannwerk, biete Röhrsdorf gerade Familien mit Kindern ideale Bedingungen, findet die Pfarrerin: Ihre Tochter könne beim Reit- und Fahrverein ihrem Hobby nachgehen, die beiden Söhne auf dem Fußballplatz. Kindertagesstätte, Grundschule, Jugendklub, Kirche - alles sei gut erreichbar etwa in der Mitte des rund vier Kilometer langen Dorfes platziert. Und nur wenige Schritte entfernt vom Rathausplatz mit dem Rathaus und der Sparkassenfiliale stehen Bauernhöfe mit Tieren und werden Ackerflächen von Landwirtschaftsbetrieben bestellt. Andererseits sei Röhrsdorf nur wenige Fahrminuten von der Großstadt mit ihren Kultureinrichtungen entfernt, schätzt Cornelia Henze.


Besonders lebenswert sei der Stadtteil für sie durch die vielen Akteure, wie den Heimatverein, den Reit- und Fahrverein, den Kita-Trägerverein Kinderwelt, die freiwillige Feuerwehr und nicht zuletzt die evangelische Kirchgemeinde mit 645 Mitgliedern, die einzeln und gemeinsam Veranstaltungen wie das Parkfest, den Weihnachtsmarkt und den lebendigen Adventskalender organisieren. Großen Respekt habe Cornelia Henze auch für die Arbeit des Ortschaftsrates, der den Ort und dessen Einwohner im Blick habe. Umgekehrt hatte Ortsvorsteher Hans-Joachim Siegel, der für die Linken auch im Stadtrat sitzt, der "Freien Presse" die Pfarrerin als unbefangene Ortskundige empfohlen.

Aus Gesprächen mit Mitgliedern der Jungen Gemeinde wisse sie, erzählt Cornelia Henze, dass sich die Jugendlichen in Röhrsdorf sehr sicher fühlten und vorhätten, nach dem Studium nach Möglichkeit in ihren Heimatort zurückzukommen. Doch auch Unzulänglichkeiten würden von ihnen angesprochen: So wünschten sich Röhrsdorfer Schüler, die Schulen in Limbach-Oberfrohna besuchen, bessere Busverbindungen dorthin und zurück bis in die späten Abendstunden. Bei der geplanten Straßenbahnstrecke des Chemnitzer Modells nach Limbach-Oberfrohna werde bedauert, dass diese voraussichtlich nicht durch Röhrsdorf, sondern an der Leipziger Straße am Ort vorbei führen werde. Mit dem Chemnitz-Center hätten die Röhrsdorfer zwar das größte Einkaufszentrum der Stadt unmittelbar vor der Haustür, was die meisten auch als sehr angenehm empfänden. Trotzdem vermissten viele einen "Tante-Emma-Laden", also eine Verkaufsstelle für Waren des täglichen Bedarfs, direkt im Ort, berichtet die Pfarrerin. Auch ein Café als Treffpunkt wünschten sich die jungen Leute.


Das ist Röhrsdorf

Mit reichlich zwölf Quadratkilometern Fläche ist Röhrsdorf der drittgrößte Chemnitzer Stadtteil, mit nur knapp 3000 Einwohnern einer der am dünnsten besiedelten. 2007 feierte der Ort, der am 1. Januar 1999 nach Chemnitz eingemeindet wurde, sein 800-jähriges Bestehen. Zu Röhrsdorf gehören das 1992 eröffnete größte Chemnitzer Einkaufszentrum Chemnitz-Center und entlang der Leipziger Straße mehrere der größten Gewerbegebiete der Stadt. (mib)

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