Leben mit Spenderherz: Keine Angst mehr vor dem Tod

Mehr als acht Jahre musste ein Zschopauer auf ein neues Organ warten. Doch nach der Operation stellen sich für den Mann neue Probleme ein.

Zschopau.

Am 29. August 2007 kippte Ronald Otto einfach bei der Arbeit um. Der Scharfensteiner fühlte sich schon länger schwach. Aber erst nach diesem Ohnmachtsanfall ging der Maler und Lackierer zum Arzt.

Der Arzt diagnostizierte eine Bronchitis. Krankschreibung, ausruhen, wieder zur Arbeit. Otto fühlte sich nicht besser. Er ging erneut zum Arzt. Ein EKG zeigte schwere Herzrhythmusstörungen. Die Herzleistung betrug 15 Prozent. In der Uniklinik Dresden wurde NCCM - Non-Compaction-Kardiomyopathie - diagnostiziert, eine seltene Herzerkrankung. Der Herzmuskel ist verdichtet, die linke Herzkammer erweitert sich. Das Herz kann nicht genug Blut und Sauerstoff in den Körper pumpen. Es besteht die Gefahr von Thrombose, Schlaganfall, plötzlichem Herz-Kreislauf-Stillstand.

Mit der NCCM gehen in der Regel zahlreiche weitere Erkrankungen einher. Auf Ottos Diagnosezettel stehen 36. Zudem ist NCCM ist vererbbar. Möglicherweise ist sie Ursache für den frühen Tod von Ottos Vater. Er starb mit 28 Jahren, da war Otto drei. Otto wurde auf eine Organempfängerliste gesetzt. Im Dezember 2007 bekam er einen Defibrillator. Das kleine Gerät löst bei schweren Herzrhythmusstörungen einen Elektroschock aus, um das Leben des Patienten vorübergehend retten zu können. Im August 2008 brach Otto in der Küche zusammen. Er sah, so berichtet er, einen Blitz, spürte einen dumpfen Schlag, dann setzte die Erinnerung aus. Otto kam erneut ins Krankenhaus. Bei einer Morgenvisite am 18. August musste Otto dann wiederbelebt werden.

Nach einer Lungenentzündung begannen einige Organe zu versagen. "Ein bisschen viel für den Körper", sagt Otto. Es folgte eine Woche künstliches Koma. In dieser Zeit brach sein Darm. Ohne schnellen Eingriff wäre es bei ihm zu lebensgefährlichen Vergiftungen gekommen. "Ich habe mitbekommen, wie sie meinen Bauch aufgeschnitten haben", sagt der Zschopauer. Er habe bei der OP auch schlimme Sachen geträumt. Seither habe er keine Angst mehr vor dem Tod.

Der Darmdurchbruch hatte aber nicht nur gesundheitliche Folgen. Denn auf der Empfängerliste für Organspenden wurde bei ihm nun zunächst "nicht transplantabel" vermerkt. Wenn es jetzt ein passendes Herz für ihn gäbe: er bekäme es nicht. Im Laufe der Jahre, je nach Ottos Gesundheit, wurde er mal zu den Spendenempfängern gezählt, dann wieder nicht. Bereits eine Erkältung hatte Einfluss auf die Chancen für die Transplantation. Einige Wochen nach der Darm-Operation und Rehabilitation zog er bei seiner Mut-

ter in Gornau ein. Etwa ein halbes Jahr habe es gedauert, so der Zschopauer, bis er wieder in die eigenen vier Wände ziehen konnte.

Am 27. Januar 2016, 23 Uhr erhielt Otto einen Anruf aus dem Dresdener Herzzentrum. Der Rettungswagen war schon bestellt. "Ich war ganz ruhig", sagt Otto. Als er im OP ankam, wurde nebenan in der Uniklinik das Herz einer verstorbenen Person entnommen - ein gesundes Herz. Es wurde Ottos neues. Als er nach der Transplantations-OP aufwachte, habe er einen Herzschlag im Brustkorb gespürt, der viel stärker als früher war. "Ich habe sofort gemerkt, dass das nicht mein Herz ist", so Otto.

Weil einige Schwestern glaubten, dass Otto schläft, hätten sie sich, so seine Erinnerung, in seiner Nähe über die Transplantation unterhalten. Deshalb wisse er etwas über den Spender, der in seinem Fall eine Frau gewesen sei. Sie sei 1,60 Meter groß, 50 Jahre alt und um die 80 Kilogramm schwer gewesen. "Ich nenne das Herz meine Lady", sagt Otto. Den Hinterbliebenen seiner Spenderin will er einen Brief schreiben. Das ist aber frühestens drei Jahre nach der OP erlaubt. Wenn die Familie der Spenderin es möchte, will er sie treffen, fragen, was die Frau für ein Mensch war, sich bedanken. "Ich denke jeden Tag an sie." Das Herz wird nie seins sein, sagt er. "Da sind immer wir beide: auf der einen Seite ich, auf der anderen meine Lady."

Die Hobbys von früher sind für den Herztransplantierten längst Geschichte. An Autos schrauben, alte Gegenstände restaurieren - zu gefährlich, zu viele Keime und Bakterien. Der Zschopauer muss zudem seine Wohnung extrem sauber- halten, Menschenansammlungen meiden, Diät halten, Gesundheit ständig kontrollieren und Blutproben ins Labor schicken lassen.

Arbeiten kann Otto nicht mehr. Zum Autofahren ist er oft zu schwach. Der Umzug nach Zschopau: weil er so kurze Wege für Einkäufe hat. Manchmal sei er traurig, sagt er: "Es kann ja keiner was dafür. Und Krebspatienten geht es viel schlechter." Sein Wunsch: "Es sollten sich mehr Leute für einen Organspendeausweis entscheiden."

Im August stellten die Ärzte fest, dass die linke Klappe von Ottos Spender-Herz zerstört ist. Ein Bakterium hatte sie zerfressen. Wieder eine OP. Nach Recherchen von Ärzten des Zschopauers ist es die einzige Herzklappenimplantation an einem transplantierten Herzen, die es in Europa je gegeben hat.

Doch der Körper des 49-Jährigen kann das Herz noch immer jederzeit abstoßen. "Die Angst ist immer da", sagt er. Am ersten September stimmte etwas mit seinem Körper nicht. Die neue Herzklappe war geringfügig undicht und es gab leichte Anzeichen von Abstoßungsreaktionen. Ronald Otto will weiterkämpfen.

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