Lehrernot zwingt zu Nachhilfe-Unterricht

Der Kreiselternrat hatte zum ersten Bildungsforum eingeladen. Als es um Lehrermangel und Unterrichtsausfall ging, hisste der verantwortliche Personalplaner die weiße Fahne.

Es ist kurz vor Ende des mehr als zweieinhalbstündigen Bildungsforums des Kreiselternrates am Donnerstagabend gewesen, als Rico Meinert Alarm schlug. Der Elternsprecher der Klasse 8a der Diesterweg-Oberschule berichtete, dass seit voriger Woche der Mathematik-Unterricht in mehreren Klassen ausfällt. Er fürchte, dass sich so schnell daran nichts ändert. "Eine Lehrerin ist in den Ruhestand gegangen. Das war den Verantwortlichen seit mehr als einem Jahr bekannt", sagte Meinert. Wie es mit dem Mathe-Unterricht weitergeht, wollte er vom Vertreter des Landesamtes für Schule und Bildung (Lasub) wissen. Doch Wilfried Jentsch, Abteilungsleiter und verantwortlich für die Personalversorgung an Chemnitzer Schulen, hatte keine Lösung parat: "Der Arbeitsmarkt ist leer. Die Situation ist verdammt kompliziert."

Die stellvertretende Schulleiterin, Elke Grosser, erklärte auf Anfrage, dass von dem Ausfall zwei zehnte, zwei achte und eine siebente Klasse betroffen sind. Für die zehnten Klassen, die in diesem Jahr ihre Prüfungen schreiben, sei eine Lösung gefunden worden. Andere Lehrer würden einspringen, so Grosser. Um den Unterrichtsausfall in den anderen Klassen so gering wie möglich zu halten, laufen noch Gespräche. Doch eine Nachfolgerin für die Kollegin sei nicht in Sicht, obwohl man über deren Ruhestand rechtzeitig informiert habe, so Grosser.

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Rico Meinert, dessen Tochter die achte Klasse besucht, sorgt sich. "Ich habe Angst um die Zukunft, wenn die Kinder in der Schule nicht so gut ausgebildet werden, wie es sein sollte." Er hat sein Kind in der Nachhilfe angemeldet. Dort unterrichteten Lehrer im Ruhestand. "Die kennen den Lehrplan für Mathe in Klasse 8", sagt Meinert. Doch nicht nur in Mathe, auch in Physik mangele es an Pädagogen, sagte Jentsch. Er hisste die weiße Flagge: "Wenn nicht schnell was passiert, weiß ich nicht, wie der Physik-Unterricht in den nächsten fünf Jahren abgesichert werden soll", erklärte er vor rund 80 Besuchern.

Zu Beginn des laufenden Schulhalbjahres blieben an Chemnitzer Oberschulen 37 von 48 ausgeschriebenen Stellen unbesetzt. An Grundschulen konnten nur elf von 30 freien Stellen besetzt werden, geht aus einer Statistik des Kultusministeriums hervor.

Eine Lösung für den Lehrermangel könnte die Ansiedlung der Ausbildung von Oberschullehrern in Chemnitz sein, war sich die Gesprächsrunde einig. "Wir brauchen diese Ausbildung hier", sagte Stadträtin Solveig Kempe (CDU). Das locke junge Leute nach Chemnitz. Die Ausbildungsdauer sei zumeist die Zeit, in der die Grundlage für das spätere Leben gelegt werde und sich ein Lebensmittelpunkt herausbildet, so SPD-Stadträtin Corinna Knorr. Passiere das in Chemnitz, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die ausgebildeten Lehrer auch in der Stadt blieben.

Doch selbst wenn die Ausbildung nach Chemnitz geholt würde, die Organisation brauche Zeit, erläuterte Wilfried Jentsch. Hinzu komme die Ausbildungsdauer und das Referendariat der angehenden Pädagogen. "Wenn wir jetzt anfangen, sind die ersten Lehrer in acht Jahren fertig", sagte er. Doch nicht nur an Oberschulen mangele es an Personal. Auch an Gymnasien rechnet er mit einer dramatischen Entwicklung bei der Stellenbesetzung, ging aus seinen Ausführungen hervor.

Nachdem derzeit zusätzliche Grund- sowie Oberschulen eingerichtet werden, sei aus Sicht von Solveig Kempe künftig auch ein weiterer gymnasialer Standort notwendig. "Im Chemnitzer Westen fehlt ein Gymnasium." Im Süden und im Südwesten, insbesondere in Hutholz, Morgenleite und Markersdorf, werde ebenfalls ein Gymnasium benötigt, erklärten Eltern. Viele Chemnitzer Kinder, die am Stadtrand wohnen, besuchten deshalb Gymnasien in Burgstädt, Limbach-Oberfrohna, Hohenstein-Ernstthal oder Waldenburg, berichteten Besucher. Ab dem Jahrgang 2024/25 werde es an Chemnitzer Gymnasien zwar eng, erklärte Schulamtsleiter Jirka Meyer. "Aber einen neuen gymnasialen Standort brauchen wir nicht." Stattdessen sollen freie Kapazitäten in Berufsschulen genutzt werden. "Wir haben Puffer", betonte Meyer.

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    7
    Zeitungss
    07.04.2019

    Angesichts der vielen Roten, welche ich zu diesem Thema bunkern durfte, spendiere ich ein großzügig es LACHEN.

  • 8
    2
    vomdorf
    07.04.2019

    Ich wollte den roten Daumen eigentlich nicht kommentieren, habe mir aber auch gedacht: sieh an, das Amt liest mit....und konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.
    Danke, HHCL!

  • 9
    2
    HHCL
    06.04.2019

    Da war wohl einer der wichtigen Menschen vom LaSuB hier um einen roten Daumen für die Majestätsbeleidigung da zu lassen?

    Leider bleibt der Sachse ja extrem ruhig, wenn die Ämter die Zukunft der Kinder ruinieren. Das es hier keine massiven Proteste und Demos gibt, bleibt mir unbegreiflich.

  • 24
    2
    vomdorf
    06.04.2019

    Schon vor ca. 15 Jahren haben die Gewerkschaften genau vor diesem Szenario gewarnt und wurden belächelt....von den Kultusministern.
    Was machen die jetzt eigentlich, die den Schlamassel verursacht haben?
    Alle noch in ( höheren? ) Ämtern? Werden die auch nur ansatzweise irgendwie zur Verantwortung gezogen?

    Wenn die paar Alten dann weg sind, wird es noch viel schlimmer, denn Rechnen war noch nie eine Stärke der Verantwortlichen. Junge Leute gründen erfahrungsgemäß Familien, kriegen Kinder, gehen dann in Elternzeit. Mit diesem Wissen im Hintergrund müssten also noch viel mehr Lehrer ausgebildet werden.
    Und man sollte endlich Leute zum Lehrerstudium zulassen, die es *dem Kinde sagen* können. Ein super Abitur sagt nämlich nichts darüber aus, ob der/ die/ dasjenige auch mit Kindern und den Eltern umgehen kann.

    Selbst Grundschul- Seiteneinsteiger kommen mit der Vorstellung, dass die Kleinen schön ruhig dasitzen und zuhören. Und auch bei manch grundständig Augebildetem kommt einen das Grauen.

    Die Jugend demonstriert gegen Trinkhalme und Wattestäbchen....wenn sie ausreichend, gut ausgebildete Lehrer hätte, die ihnen kritisch die Naturgesetze erklären könnte, würde sie merken, dass sie anders ihren Beitrag zum Naturschutz leisten könnte.

    Aber Blidung ist nicht so wichtig....drum streicht man ab kommendem Schuljahr in Klasse 4 z.B. eine Stunde Deutsch von der Stundentafel. .... und rechnet sich den Lehrermangel schön.



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