"Man kann den Servicepunkt hören"

Wildfremde Menschen einfach ansprechen und fragen, was sie da tun, gehört sich eigentlich nicht. "Freie Presse" macht es trotzdem. Heute: Jacqueline Seidel führt sehende Kollegen wie Blinde durch den Hauptbahnhof.

Freie Presse: Was machen Sie denn da?

Jacqueline Seidel: Ich führe im Rahmen einer Fortbildung Mitarbeiter des SFZ, des Sächsischen Fortbildungsinstituts für Blinde, durch den Chemnitzer Hauptbahnhof. Sie tragen dabei Augenbinden und haben Blindenstöcke dabei, um den Ort unter den Bedingungen von Blinden kennenzulernen.

Warum?

Es geht zum einen darum, die Öffentlichkeit für Blinde und Sehbehinderte zu sensibilisieren. Zum anderen müssen auch unsere Mitarbeiter ein Gefühl dafür bekommen, welche Tücken etwa ein Bahnhofsgelände für ihre Klienten bereithält. Darum nehmen auch nicht nur Erzieher an der Fortbildung teil, sondern auch Heilerziehungspfleger, Lehrer und Marketingmitarbeiter.

Was genau müssen die Mitarbeiter tun?

Wir laufen zuerst durch den Hauptbahnhof, erfassen den Raum wie Blinde. Danach führen wir eine Raumerforschung durch, die Teilnehmer versuchen sich also, ohne sehen zu können, ein Bild von der Größe des Raumes, von der Beschaffenheit der Wände, aber auch vom Inhalt zu machen. Danach erklären wir noch sehend das Leitliniensystem an den Gleisen und sprechen generell über das Verhalten am Bahnhof.

Können sich Blinde denn im Hauptbahnhof gut zurechtfinden?

Der Bahnhof ist mittlerweile ganz gut. Das Leitliniensystem ist erst neu gestaltet worden. Damit können sich Blinde und Sehbehinderte sicher über die in den Boden eingelassenen Rillen und Noppen zu ihren Gleisen begeben.

Gibt es auch in der Bahnhofsvorhalle solche Orientierungshilfen?

Nein, dort gibt es keine Hilfe, die Gefahren sind aber auch geringer.

Und wie findet man sich dort zurecht?

Man kann sich an der Akustik orientieren. Räume mit hoher Decke klingen anders als welche mit niedriger Decke. Der Klang verändert sich immer wieder, man kann beispielsweise den Servicepunkt hören, auch wenn das jetzt für Außenstehende vielleicht komisch klingt. Menschen, die nicht sehen, müssen ein Gefühl dafür bekommen.

Und wie kommen Sie dazu, solche Fortbildungen durchzuführen?

Ich bin Erzieherin beim SFZ und habe noch eine Zusatzausbildung zur Mobilitätsassistentin gemacht. Ich beschäftige mich also auch damit, wie unsere blinden und sehbehinderten Auszubildenden und Klienten sich am besten fortbewegen können.

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