Mann tritt an Zenti Kind - Gericht mildert Urteil

Ein damals 29-Jähriger hatte bei einer Rangelei die Nerven verloren. Auf der Anklagebank berief er sich auf Notwehr.

Ihr Revier ist die Zentralhaltestelle. "Wir sind Stadtkinder und haben uns jeden Tag nach der Schule dort getroffen", berichtete eine 17-jährige Zeugin am Mittwoch im Landgericht. Die nach ihren Angaben fast ausschließlich deutschen Teenager im Alter von knapp 13 bis 16 Jahren - überwiegend Jungs und einige Mädchen - hätten die Nachmittage mit Quatschen und Rauchen verbracht, auch Diskussionen und Streit mit Passanten seien nicht ausgeblieben.

Am späten Nachmittag des 12. Januar 2018 waren es drei angetrunkene deutsche Männer um die 30, mit denen die Kinder und Jugendlichen aneinandergerieten. Weil sich zwei der Männer vor einem Schnellrestaurant lautstark stritten, seien mehrere - die Angaben schwankten zwischen sieben und 15 Personen - von den "Stadtkindern" über die Straßenbahngleise und Busspuren zu ihnen gelaufen und hätten auf sie eingeredet. An Details konnte sich im Landgericht nach fast zwei Jahren niemand mehr erinnern. Laut dem damals im Nachgang erstellten Polizeiprotokoll soll es zu Beleidigungen gekommen sein. Schließlich habe einer der drei Männer, ein damals 29-Jähriger, ein zwölfjähriges Mädchen türkischer Abstammung angespuckt und ihm mit dem Fuß in den Bauch getreten. Aber selbst die Betroffene gab im Zeugenstand an, nicht mehr zu wissen, wie es dazu gekommen war und ob sie und ihr Bruder zuvor wegen ihrer Herkunft beschimpft worden waren. Der 29-Jährige selbst trug bei der Auseinandersetzung Kratzwunden davon. Von wem sie stammten, blieb offen. Als der Mann flüchten wollte, hatten Jugendliche ihn eingeholt, festgehalten und einer Polizeistreife übergeben.

Das Amtsgericht verurteilte den inzwischen 31-Jährigen, der unter anderem wegen Drogendelikten, Körperverletzung, Diebstahls und Nötigung insgesamt zwölffach vorbestraft ist und im Januar 2018 noch unter gerichtlich angeordneter sogenannter Führungsaufsicht stand, im Juli dieses Jahres wegen Körperverletzung zu einem Jahr Haftstrafe ohne Bewährung. Er ging in Berufung mit der Begründung, nur aus Notwehr zugetreten zu haben. In der Berufungsverhandlung im Landgericht forderte sein Verteidiger daher Freispruch für seinen Mandanten, der selbst Vater eines vierjährigen Kindes ist.

Der Staatsanwalt lehnte einen Freispruch ab, denn ein Tritt gegen ein Kind sei selbst aus Notwehr unangemessen. Er hielt dem Angeklagten, der wegen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) schwerbehindert ist und zudem ein Alkoholproblem hat, aber eine zuletzt positive Entwicklung zugute. Denn dieser habe Therapien sowie eine Umschulung zum Metallfacharbeiter absolviert und sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig gemacht. Vier Monate Haftstrafe auf Bewährung und eine Geldstrafe seien daher gerechtfertigt, so der Staatsanwalt. "Wie hätte ich mich denn angemessen verteidigen sollen?", fragte ihn der Angeklagte, denn er habe sich von der großen Gruppe Kinder und Jugendlicher bedroht gefühlt. Antwort: "Sie hätten sich zusammenreißen und zurückziehen müssen."

Das Gericht zeigte Verständnis dafür, dass sich der damals 29-Jährige von der Gruppe bedrängt gefühlt habe. Schließlich sei er nach dem Gerangel verletzt gewesen, so der Richter. Für eine Notwehrreaktion sei das zwölfjährige Kind jedoch das falsche Ziel gewesen. Denn das Mädchen, das sich zuvor im Zeugenstand zurückhaltend gezeigt hatte, habe ihn nach Überzeugung des Gerichts nicht angegriffen. Der Angeklagte sei irrtümlich davon ausgegangen, dass die Voraussetzungen für eine Notwehrreaktion gegen sie erfüllt seien - Juristen sprechen von Putativnotwehr. Das Landgericht änderte das Urteil des Amtsgerichts ab in drei Monate Haftstrafe, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt sind.

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9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    2
    mops0106
    11.10.2019

    @Blackadder:
    Wieso ziehe ich über das Opfer her??? Ich habe mich klar positioniert, dass ich Gewalt jeglicher Art verurteile.
    Ich habe auch geschrieben, dass ich im konkreten Fall nicht dabei war, also nicht beurteilen kann, wer Täter und wer Opfer war. Das können Sie also auch nicht, falls Sie nicht Zeuge waren.
    "Aber selbst die Betroffene gab im Zeugenstand an, nicht mehr zu wissen, wie es dazu gekommen war..." Im Übrigen gibt es jeden Tag viele Meldungen über gewaltbereite Heranwachsende mit einem breiten "Spektrum" an Delikten.

  • 3
    2
    Hinterfragt
    11.10.2019

    @Blackadder; "...Erst die ganze Zeit über das Opfer herziehen..."
    Merken Sie es noch?
    Wo genau?
    Meine Aussage bezog sich genau auf die Textstelle, an welcher sie stand!
    Im 1. Abschnitt, dort wurde noch NICHTS vom Opfer geschrieben.

    Also halten Sie sich mit Ihren unhaltbaren Anschuldigungen zurück!

  • 3
    6
    Blackadder
    11.10.2019

    @Hinterfragt @701726 @mops0106 :

    Erst die ganze Zeit über das Opfer herziehen und dann jammern, wenn jemand darauf hinweist, wer hier Opfer und wer Täter war.

  • 2
    3
    mops0106
    11.10.2019

    @SimpleMan:
    Bitte unterlassen Sie solche Unterstellungen! Ich habe in meinem Kommentar nicht mal anklingen lassen, dass ich es gut finde, dass eine Jugendliche in den Bauch getreten wurde. Ich verurteile jegliche körperliche Gewalt. Unabhängig davon: Ein Erwachsener kann sich schon zu Recht bedroht fühlen durch eine größere Gruppe Jugendlicher. Da ich aber kein Zeuge der Auseinandersetzung war, kann ich das im konkreten Fall nicht beurteilen. Ich habe nur Unverständnis zur Art der täglichen Freizeitgestaltung dieser Jugendlichen geäußert (Herumhängen und Rauchen an der Zenti).

  • 2
    6
    Hinterfragt
    11.10.2019

    "...Auch wenn Jugendliche rauchen, darf man ihnen nicht in den Bauch treten..."
    Ach @EinfacherMan, an welcher Stelle hab ich das behauptet?

    Aber das ist für Sie sicherlich schwer zu verstehen ...

  • 5
    2
    SimpleMan
    10.10.2019

    @Hinterfragt @701726 @mops0106 Auch wenn Jugendliche rauchen, darf man ihnen nicht in den Bauch treten. Ist bestimmt für Sie schwer zu verstehen ...

  • 5
    3
    mops0106
    10.10.2019

    @701726
    Es gibt auch Freizeitaktivitäten, die kein oder wenig Geld kosten: Fußballspielen, Lesen (Bücherei) etc.
    Auch die Zeit für Hausaufgaben und fürs Lernen zu nutzen, wäre angebracht. Es verlassen immer mehr Schüler ohne Abschluss die Schule. Viele können nicht richtig lesen, Textzusammenhänge erfassen oder beherrschen die Grundrechenarten nicht.

  • 6
    5
    701726
    10.10.2019

    Quatschen und Rauchen ! Leider ist das die Freizeitgestaltung vieler Jugendlicher,
    einst konnten die Jugendlichen zu Arbeitsgemeinschaften gehen , das gibt es fast nicht mehr,oder dieBeiträge können nicht bezahlt werden.Muß aber auch fragen woher kommt das Geld für Zigaretten

  • 5
    8
    Hinterfragt
    10.10.2019

    "...hätten die Nachmittage mit Quatschen und Rauchen verbracht..."
    Welch sinnvolle Freizeitgestaltung ...



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