Mit fremden Stammzellen in ein neues Leben

Voriges Jahr erkrankt Nora Bürgel aus Brand-Erbisdorf an Blutkrebs. Nach Monaten des Bangens findet sich ein Spender - die Transplantation gelingt. Dennoch muss ihr Körper noch viel kämpfen.

Brand-Erbisdorf.

Die Stute Blanka wartet. Oft wird sie belohnt. Dann kommt eine junge Frau, streichelt und striegelt sie, bevor beide gemeinsam ausreiten. Stunden, die auch für die junge Frau - Nora Bürgel aus Brand-Erbisdorf - zu den schönsten zählen. "Ich bin dankbar. Es geht mir gut. Punkt", sagt die gelernte Pferdewirtin. Hinter ihr liegen Monate, die sie nie vergisst.

Noras Flugticket nach Los Angeles liegt im April 2017 bereit - greifbar nahe die Vorstellung, auf einem Pferd am Strand von Malibu entlangzureiten. Bis dahin will sie endlich die Grippe überstehen, die sie seit Wochen quält. Doch das Antibiotikum schlägt nicht an, es kommt anders: Am 5. April 2017 erhält sie eine niederschmetternde Diagnose: akute Leukämie.

Dann geht es schnell: Im Chemnitzer Klinikum scheinen die Ärzte überrascht, dass sie noch lebt - "so hoch waren die Leukozyten-Werte", beschreibt sie ihren lebensbedrohlichen Zustand. Zwei Chemotherapien und zwei Knochenmarkpunktionen folgen. Wie nun weiter?

Die Nachricht von ihrer Leukämie verbreitet sich im Freundes-kreis der Familie schnell - ebenso der Entschluss, eine Typisierungsaktion zu organisieren. Gemeinsam mit der DKMS, der gemeinnützigen Gesellschaft für die Gewinnung von Stammzellenspendern, läuft alles an. Der 18. Juni 2017 bekommt Volksfestcharakter in Freiberg, jedoch mit sehr ernstem Hintergrund. Knapp 1700 Frauen und Männer lassen sich als mögliche Stammzellenspender typisieren. Ein zentrales Knochenmarkregister, auf das Kliniken weltweit zurückgreifen, nimmt die Daten auf. Bei der DKMS wird die deutschlandweite Spenderdatei geführt.

Auch Nora ist bei der Aktion vor Ort, schüttelt mit Mundschutz Hände und lacht tapfer. Zwar bringt die Freiberger Aktion kein Ergebnis für sie, dennoch kommt die aufregende Nachricht schnell: Ein passender Spender ist gefunden. "Ich wusste, es ist meine einzige Chance." Der Tag der Transplantation naht - und muss verschoben werden. Nach einem Lungeninfarkt samt Operation - sie ist bereits geschwächt - hat Nora danach eine Herzbeutelentzündung zu kurieren. Vier Tage Hochdosis-Chemo folgen. Glücklicherweise sind die Nebenwirkungen geringer als befürchtet.

Am 17. August erhält Nora ihre Stammzellenspende in der Uni-Klinik Dresden, eine Art Bluttransfusion. Ihre Familie begleitet sie, wie an jedem Tag im Krankenhaus. "Ich war so aufgeregt, dass mir ein Fremder zum Leben verhilft. Dafür bin ich sehr dankbar", sagt die junge Frau. Sie kennt den Spender nicht, weiß nur, dass es ein junger Mann aus dem westlichen Deutschland ist: "Köln stand auf dem Blutbeutel."

Seit dem 12. September 2017 ist Nora zu Hause. Ihr Körper hat die Stammzellen gut angenommen, sagten ihr die Ärzte. Dennoch: Sie muss Medikamente nehmen, Schleimhautentzündungen bekämpfen. Alle vier Wochen ist ärztliche Kontrolle. "Zwei Jahre dauert der ,Machtkampf' zwischen meinem Immunsystem und dem des Spenders. Seins muss siegen", erklärt sie den Heilungsprozess. Der gilt erst nach fünf Jahren als abgeschlossen. So lange will Nora nicht warten: "In zwei Jahren darf ich nachfragen, wer mein Spender ist. Ich will das wissen."


"Es kann eine wunderbare Freundschaft werden"

Pierre Radßuweit kennt Nora Bürgel seit ihrer Kindheit. "Es war für mich keine Frage, an der Typisierung teilzunehmen", erzählt der 38-Jährige. Am 18. Juni 2017 gibt er seine Blutprobe ab. Auf den Tag genau ein Jahr später wird der Brand-Erbisdorfer selbst zum Spender. "Ein Mann in Norwegen hat meine Stammzellen bekommen", sagt Pierre Radßuweit. "Es ist ein unwahrscheinliches Gefühl tief drinnen, einem anderen Menschen auf diese Weise helfen zu können", fügt er an. In einem halben Jahr kann Pierre Radßuweit nachfragen, wie es seinem "Blut-Zwilling" geht. Und nach zwei Jahren will er ihm seine Daten übermitteln. "Es kann eine wunderbare Freundschaft werden", hofft er. (ar)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...